Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Schluesselfrage Osteuropa, 30.8.2000


Ist eigentlich jemandem aufgefallen, wie ungewöhnlich ruhig dieser Sommer für die EU war? Keine Eklats mehr um austriakische Minister oder Botschafter in Paris oder Lissabon, protokollarische Strafaktionen scheinen ebenso der Vergangenheit anzugehören wie das nervige Fäusteballen der Österreicher wider die Großen der EU. Nur Kärntens Landeshauptmann erregt mit sommerlichen Exkursionen nach wie vor die südlichen Nachbarn. Die entspannte Auszeit im Match zwischen den Mächtigen der EU und der Wiener Regierung verdankt Europa vor allem jenen drei Herren, die dieser Tage in der deutschen Universitätsstadt Heidelberg an ihrem Endbericht feilen: die EU hat damit wie geplant den lästigen Konflikt mit Österreich entschärft. Gleichzeitig ist die österreichische Öffentlichkeit gezwungen inhaltlich zu diskutieren: von der Ausländerpolitik bis zur Praxis des Medienrechts scheinen sich die "Weisen" für alle österreichischen Besonderheiten zu interessieren. Sogar Jörg Haider will jetzt plötzlich vor dem Expertengremium aussagen, nachdem die FPÖ vor dem Sommer noch Herbert Scheibner vorgeschickt hatte. Die "Drei Weisen" sind schon jetzt eine Erfolgsstory.
Hugo Portisch zeichnet das glaubwürdige Szenario einer relativ raschen Suspendierung der berühmten "Maßnahmen", wenn Ahtisaari, Oreja und Frowein in den nächsten Wochen ihren Bericht an den Präsidenten Strassburger Menschenrechtsgerichtshofes Luzius Wildhaber abliefern.
Die EU-14 könnten die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter, das Bekenntnis der Regierung gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, den Rücktritt Jörg Haiders als FPÖ-Obmann und das bisherige Festhalten des Ballhausplatzes an der Osterweiterung als Erfolg des Drucks von außen werten und die "Maßnahmen" aussetzen. Eine fortgesetzte "stille Beobachtung" Österreichs aus Mißtrauen gegenüber der FPÖ sei aber weiter möglich. Und zwar, so Portisch, "in der vielleicht sogar richtigen Annahme, daß damit eine auch Österreich nützende dauerhafte Selbstdisziplinierung gewährleistet würde."
Eine solche Zwischenlösung könnte den innenpolitischen Herbst auf dem Wiener Parkett noch spannend machen, auch in Hinblick auf Österreichs Rolle in der EU. Denn zumindest der schwarz-blaue Disput um Erhard Busek geht weit über eine Auseinandersetzungen um Personen hinaus. Der ungeliebte Regierungsbeauftragte ist die österreichische Symbolfigur für eine Politik von Integration und Öffnung gegenüber Osteuropa schlechthin. Er steht damit im Gegensatz zu den kaum verhüllten Sehnsüchten nach neuen Mauern gegen Osten, die keineswegs nur im freiheitlichen Lager zu finden sind. War doch die österreichische Haltung gegenüber den ehemals kommunistischen Nachbarstaaten seit dem Fall des Eisernen Vorhangs von Ängsten und Drohungen aus fast allen Parteien und Organisationen überschattet. Ob gegen die zunehmende Freizügigkeit von Arbeitskräften wetternde sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionäre, grüne Umweltschützer im Heiligen Krieg gegen die AKWS Temelin und Bohunice oder freiheitliche Anti-Überfremdungsagitatoren: sie alle senden seit Jahren Signale von Ablehnung und Blockade in die Richtung der sonst so gerne unter dem Titel "Mitteleuropa" vereinnahmten Nachbarn.
Ganz in dieser Tradition steht die ultimative Forderung der FPÖ nach einer formellen Annulierung von Benes-Dekreten und AVNOJ-Beschlüssen, die sich gegen die deutschen Minderheiten nach dem 2.Weltkrieg gerichteten hatten, als Vorbedingung eines EU-Beitritts Tschechiens und Sloweniens: der Vorstoß ist eng mit der Kritik an Erhard Busek verbunden. Eine "Politik der Negation" nennt Hugo Portisch die österreichischen Versuche, der sowieso langsam genug vorankommenden europäischen Ost-West-Integration neue Prügel in den Weg zu legen.
Ob den Forderungen aus der FPÖ auch diplomatische Taten folgen, ist die entscheidende Frage: ein Junktim von Benes-Dekreten und EU-Beitritt lehnen Kanzleramt und Außenministerium in Wien bisher dezidiert ab. Immerhin hat sich aber auch das deutsche Außenamt veranlaßt gesehen, ein klares "Nein" zu dieser Idee zu deponieren. Auch in der Europapolitik gibt es jedoch , was der polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski den "Fluch des bösen Wortes" bezeichnet hat: Historisches Aufrechnen zwischen Nachbarvölkern, noch dazu wenn es aus dem selbst mit seiner Nazi-Vergangenheit kaum fertig werdenden Österreich kommt, weist in die Richtung nationalistischen Roll Backs.
Daß die österreichische Ost-Erweiterungsdiskussion auch Thema der Heidelberger Expertenberatungen sein werden, ist anzunehmen: geht es beim Punkt "Entwicklung der Natur der FPÖ" doch primär um deren europapolitische Bewertung. Der westeuropäische Weg der Integration nach dem Zweiten Weltkrieg verlief nämlich keineswegs via historisches Aufrechnen. Im Gegenteil: man hat die alten europäischen Trennlinien auf der Grundlage der westlich-demokratischen Werte und gestützt auf gemeinsame Wirtschaftsinteressen beseitigt. Erst danach kamen die Einzelheiten der Vergangenheitsbewältigung. Deutschland ist es selbstverständlich nie eingefallen, Kriegsverbrechen der Alliierten während des Kampfes gegen Hitlerdeutschland (Stichwort Dresden) zu thematisieren. Die deutsch-französische Versöhnung unter De Gaulle und Adenauer, ebenso wie später Willy Brands Kniefall in Warschau oder Helmut Kohls Versöhnungsverträge mit Warschau und Prag sollten das europäische Zusammenleben so weit wie möglich von der Erinnerung an die Nazi-Vergangenheit Deutschlands befreien. Genau dieser Logik entsprach auch die deutsch-tschechische "Versöhnungserklärung" vor anderthalb Jahren, die den Streit um die Benes-Dekrete zwischen Berlin und Prag beendet hat und übrigends den Weg frei gemacht hat für eine lebhafte innertschechische Debatte zum Unrecht der Nachkriegs-Vertreibungen.
Die Erweiterung der Europäischen Union nach Osten verläuft nach dem Modell der früheren westeuropäischen Integration: wer Teil dieses Projekts bleiben will, muß auch seine Logik akzeptieren, lautet seit Monaten die Botschaft der EU-14 in Richtung der Wien. Jetzt sind die Herren Ahtisaari, Oreja und Frowein am Wort.

 

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