Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Warum Japan die Atomlobby nicht in die Knie zwingen wird, 16.3.2011

"Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. "
So erinnert sich Johann Wolfgang Goethe an die Katastrophe, die 1755 Lissabon zerstörte. Erdbeben, Feuerbrunst und Tsunami in der portugiesischen Hauptstadt unterminierten im 18.Jahrhundert den Glauben an einen gütigen Gott, beschleunigten die Aufklärung und bereiteten Revolutionen vor.
Nach dem Tsunami des Indischen Ozeans 2004 und der Zerstörung Haitis vor einem Jahr ist das japanische Riesenbeben die dritte globale Naturkatastrophe am Beginn des 21.Jahrhunderts. Das bitterarme Haiti und das hochentwickelte Japan sind kaum zu vergleichen. In Tokyo ist dank der ultrastrengen Bauvorschriften kein einziges Gebäude eingestürzt. Trotz der hochentwickeltsten Frühwarnsysteme verschlang der Tsunami jedoch ganze Städte. Eine mächtige Erinnerung an die Willkür der Natur des Planeten, auf dem wir leben.
Der Höhenflug der technischen Entwicklung, der die kühnsten Hochhäuser vor dem Kollaps bewahrte, hat in den Atomkraftwerken des Landes Risiken kreiert, die jetzt neu bewertet werden müssen. Der Atomunfall von Fukushima zwingt auch das ferne Europa zu einer neuen Debatte. Wie stark sich Österreich einbringen kann, das die Fundamentalopposition gegen eine im Rest der Welt als relativ normal angesehene Technologie zum Teil des Nationalbewusstseins gemacht hat, ist jedoch fraglich.
Europa ist die weltweit am dichtesten mit Atomkraftwerken besiedelte Region der Erde. Die Bürger in Staaten, die auf andere Energiequellen setzen, profitieren vom Atomstrom der Nachbarn. Allerdings: Trotz der Lobbykraft der Energieriesen werden mehr AKWs abgestellt als eröffnet. Die vieldiskutierte politische Renaissance der Atomkraft blieb Theorie. Nur zwei neue Atomkraftwerke, in Finnland und Frankreich, werden nicht nur geplant, sondern tatsächlich auch gebaut. Die Kosten explodieren und der Unfall von Fukushima wird die Inbetriebnahme weiter in die Ferne rücken.
Typisch die Situation in Schweden. Nach dem Fast-GAU von Three Mile Islands brachte eine Volksabstimmung ein fixes Ablaufdatum für die 10 AKWs des Landes. Vergangenes Jahr verfügte die konservative Regierung einen Kurswechsel zurück zur Atomkraft, ohne größere Erregung in der Bevölkerung. Premierminister Fredrik Reinfeldt wurde wiedergewählt. Die Planung für einen Ersatz der altersschwachen AKWs erweist sich jedoch als schwierig.
Für Österreicher ist es schwer zu verstehen. Der Bau von Atomkraftwerken hat zumeist mit einer pragmatischen Interessensabwägung zu tun. Glaubenskriege sind selten. Eine Ausnahme ist Deutschland, wo die von der Regierung beschlossene Laufzeitverlängerung eine neue grundsätzliche Auseinandersetzung ausgelöst hat.
Dagegen unterstützen französische Gewerkschaftler, britische Labourpolitiker und sogar amerikanische Grüne den Bau moderner Meiler. Die Gefahren der Atomkraft zählt man zu den normalen Risiken des Lebens. Schließlich entvölkern die jährlichen Lawinentoten nicht die Alpen und trotz der Gefahren der Meere bleiben die Küsten bewohnt.
Die österreichische Anti-AKW-Position wird in der EU als fundamentalistisch empfunden, sie hat es nie geschafft die Energiediskussion ernsthaft zu beeinflussen. Österreich ist in der EU "isoliert und allein auf weiter Flur", so hat es ein ehemaliger Minister einmal ausgedrückt. Eine bittere Wahrheit, die heimische Politiker selten zugeben.
Eigentlich schade, denn nach jeder Katastrophe erzwang die öffentliche Meinung scharfe Kurskorrekturen. Der Fast-GAU von Three Mile Island bewirkte, dass in den USA seit 30 Jahren kein Atomkraftwerk mehr gebaut wird. Tschernobyl führte zur Abschaltung der sowjetischen Reaktoren in Osteuropa. Fukushima wird eine neue Welle superteurer Sicherheitsanforderungen zur Folge haben. Das Revival der Atomkraft ist damit gestorben. Zu einem weltweiten Atomausstieg wird es deshalb aber nicht kommen.


 

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