Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Schwierige Einsichten, 21.11.2001


Die Woche, in der die Frage von Krieg und Frieden in Berlin fast die deutsche Regierung gespalten hätte, brachte Millionen Afghanen die Befreiung. "Es ist wie ein Traum", erzählt die afghanische Radiojournalistin Farida in Kabul dem französischen Kollegen Remy Ourdan, nachdem sie aus dem Studio des Afghanischen Rundfunks das erste Mal wieder Nachrichten verlesen konnte. "Nach fünf Jahren Gefangenschaft zu Hause ein erster Arbeitstag. Ich bin glücklich, ich bin frei." Mit einem großen Ruck scheint sich Stadt nach Stadt, Provinz nach Provinz vom totalitären Irrsinn der Taliban zu befreien. "Islamischen Faschismus" nennt der linke Publizist Christopher Hitchens die Taliban/Al Qua'ida-Bewegung, in deren Konzept vom Heiligen Krieg es "keine Zivilisten sondern nur Ungläubige gibt" und in deren Gesellschaftsmodell "jede Spur von Kultur, Lebensfreude und Zukunftsglaube ausgelöscht ist." Diesem grausamen Spuk habe die amerikanischen Bomben und die tadschikisch-usbekischen Kämpfer der Nordallianz so überraschend schnell ein Ende gesetzt, daß der Hamburger "Stern" seinen pathetisch Anti-Kriegsaufruf ebensowenig zurückholen konnte wie rotgrüne Pazifisten ihr "Nein" zur Afghanistan-Politik Gerhard Schröders.
Klar: unter der dünnen Oberfläche der nun zerstörten fundamentalistisch-totalitären Herrschaft kommen die kulturelle Rückständigkeit und bittere Armut einer in sich tief gespaltenen Stammesgesellschaft zum Vorschein. Noch verteidigen die geschlagenen Anhänger des Mullah Omar ihre letzten Stellungen, so wie sich Hermann Göring das einst von der Alpenfestung gewünscht hat. Aber der militärische Vernichtungsschlag der USA gegen "Al Qua'ida" wurde zum Befreiungsschlag für Afghanistan. Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit, und sei es auch nur die Freiheit Musik zu hören, Fotos auszustellen und vielleicht sogar einmal ein Fernsehbild zu empfangen, ganz abgesehen den elementaren Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen, erwies sich auch in der tiefreligiösen islamischen Gesellschaft als mächtige Kraft. Ungeachtet aller großspurigen Theorien vom angeblichen "Zusammenstoß der Kulturen". Die weitverbreitete Sichtweise vom verhängnisvollen Willkürakt der amerikanischen Supermacht gegen eines der ärmsten Länder der Erde wurde von der Realität innerhalb weniger Tage widerlegt.
Die weltpolitischen Folgen erweisen sich als in hohem Ausmaß widersprüchlich. Denn in ähnlich rasendem Tempo bewegen sich die Vereinigten Staaten von der zwischen zögerndem Isolationismus und unüberlegtem Draufschlagen schwankenden Supermacht des ausgehenden 20.Jahrhunderts in Richtung einer neuartigen imperialen Vormachtspolitik, die für das 21.Jahrhundert prägend werden könnte. Nicht mehr die krude Ablehnung der UNO und jeder Art internationaler Verpflichtungen, die für die ersten Monate der Administration Bush typisch war, bestimmt den amerikanischen "Krieg gegen den Terrorismus", sondern ein bisher nicht dagewesener Mix zwischen internationalen Bündnissen und militärischen Alleingängen. Von "kooperativem Unilateralismus" spricht der Londoner "Economist", von "Multilaterismus a la carte" die Pariser Tageszeitung "Le Monde".
Washington strebt zwar die Einbindung aller relevanten Mächte von Wladimir Putins Rußland bis zu Gerhard Schröders Deutschland in den mit dem Afghanistankrieg begonnenen Feldzug gegen den "Terrorismus" an, welche Mittel aber zu welchem Zeitpunkt und gegen welche Feinde eingesetzt werden, das entscheidet die amerikanische Führung völlig allein.

Britische Royal Marines, französische Sondereinheiten und sogar Einheiten der deutschen Bundeswehr stehen bereit, die Stabilisierung eines von den Taliban und "Al Qua'ida" befreiten Afghanistans zu übernehmen: ihre Einsatzgebiete erhalten sie vom Central Command des Pentagon zugeteilt, das mit seinen Kampfflugzeugen und "Special Forces" den Ausgang des Kampfes entscheidet.. Völkerrechtlich unangreifbar: der UNO-Sicherheitsrates hat seit dem 11.September im "Kampf gegen den Terrorismus" so gut wie alles autorisiert, was sich Washington wünschen kann. Eine Mitbestimmung anderer UNO-Mitgliedsstaaten, wie sich das etwa der Iran als jüngster Newcomer in der Weltpolitik vorstellt, ist nicht geplant.

Und ob die USA nach dem Afghanistan-Einsatz auch andere Staaten als Terroristen-Freunde ins Visier nehmen, wie amerikanische Regierungsvertreter immer wieder ankündigen, wird einzig und allein in Washington entschieden. Europas Regierungen seien unisono gegen eine solche Ausweitung, ließ Gerhard Schröder die deutsche Öffentlichkeit wissen. Wie rasch ein solcher Widerstand allerdings schmelzen könnte, sollte George Bush zu einem Befreiungsfeldzug gegen Saddam Hussein rufen, kann man sich angesichts der bisherigen europäischen Performance lebhaft vorstellen.
Unter dem Vorzeichen des "Kampfes gegen den Terrorismus" haben die USA erstmals seit Ende des Kalten Krieges wieder eine globale Mission, die es erlaubt, an jedem beliebigen Punkt der Erde einzugreifen. Amerika steht im Krieg, wird George Bush nicht müde zu wiederholen. Da sei es nur logisch, so das Weiße Haus, dass der Präsident US-Sondergerichte für ausländische Terroristen einrichten will , die geheim und außerhalb der Regeln des amerikanischen Rechtsstaates operieren sollen. Nicht vor einen Internationalen Gerichtshof käme danach ein Osama Bin Laden nach seiner allfälligen Festnahme, sondern vor eines dieser amerikanischen Sondergerichte, die auf US-Flugzeugträgern ebenso tagen könnten wie in Afghanistan. Das letzte Mal waren deutsche Saboteure während des Zweiten Weltkrieges von einem solchen Tribunal zum Tode verurteilt worden. Die von Justizminister Ashcroft, dem Rechtsaußen der Regierung, entworfene Regel gilt ausschließlich für Nicht-Amerikaner: der US-Präsident allein entscheidet für wen sie zutrifft, wer die Richter sind und wie die Anklage lauten kann.
Kann gut sein, daß solch autoritäre Sondermaßnahmen sich in Luft auflösen, wenn die akute Bedrohung verschwunden ist. Tatsächlich war die amerikanische Zivilgesellschaft stets stark genug, diktatorischen Versuchungen zu widerstehen. Aber die Sorge, dass die amerikanischen Demokratie den "Kampf gegen den Terrorismus" mit Mitteln der Diktatur führen will, liest man plötzlich auch bei dem jeder linken Sympathien unverdächtigen ehemaligen Nixon-Redenschreiber William Safire in der "New York Times".
Wie es um Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in den USA selbst in Krisenzeiten bestellt ist, hat langfristige Folgen. Denn wenn amerikanische Waffen eingesetzt werden, um nationalistischen Wahn oder terroristischen Totalitarismus durch Pragmatismus und vielleicht gar Demokratie zu ersetzen, wie das in Deutschland oder Japan nach dem Zweiten Weltkrieg oder in Bosnien, Kosovo und Afghanistan im letzten Jahrzehnt der Fall war, dann wird die Akzeptanz für ein selbst immer wieder unilateralistisch agierendes amerikanische Imperium groß bleiben. Verselbständigt sich die Kriegslogik jedoch in einer Weise, daß Grundwerte der amerikanischen Demokratie auf der Strecke bleiben, dann wird der innere und äußere Widerstand steigen. Nichts hat im Kalten Krieg die Stellung der USA als Führungsmacht der freien Welt so beeinträchtigt wie der Kolonialkrieg in Vietnam oder die dem Stalinismus abgeschaute antikommunistischen Hexenjagd des McCarthysmus.
Osama Bin Laden-Anhänger vor geheimen amerikanischen Militärtribunalen, die nicht viel anders aussehen als die Talibangerichte für Ungläubige und Spione, das wäre ein gefährlicher Präzedenzfall und ein trauriges Eigengoal.


 

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