Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Serbische Fiktion, 19.9.2007

Der Kampf um die albanische Selbstbestimmung im Kosovo stand in den Achtzigerjahren am Anfang der jugoslawischen Tragödie. Slobodan MilosÇevic´ wollte vom historischen Amselfeld aus die zu neunzig Prozent von Albanern bewohnte Provinz für Serbien zurückerobern. Zwanzig Jahre später holt die ungelöste Kosovo-Frage die europäische Politik wieder ein. Leidenschaftliche Ablehnung oder entschiedene Befürwortung der albanischen Eigenstaatlichkeit spalten die EU. Im Hintergrund ziehen Washington und Moskau in entgegengesetzte Richtungen. Sogar das auf seine Neutralität pochende Österreich, das Hunderte - pikanterweise unter Nato-Kommando stehende - Soldaten im Einsatz hat, ist verunsichert. Denn der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, an dem sich die österreichische Politik orientiert, wird wohl noch Monate durch ein russisches Nein zu einem neuen Staat auf dem Balkan blockiert bleiben.
Das Grundproblem hat sich seit den nationalistischen Achtzigerjahren nicht verändert. Wenn Vielvölkerstaaten zerfallen, gibt es in gemischten Regionen, in denen die ethnischen Mehrheiten alle paar Kilometer wechseln, grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder die politischen Eliten einigen sich auf einen Kompromiss, in dem die neuen Grenzen durch vertraglich gesicherte Minderheitenrechte entschärft werden, oder es kommt zu ethnischen Säuberungen und einem Bevölkerungstausch, in dem letztlich die Waffen entscheiden.
Wenn die nationalistischen Wogen hochgehen, sind Kompromisse ohne Ultimaten von außen fast unmöglich. Genau dieser Druck fehlte 1991, als Deutschland und Österreich die Sezessionsbestrebungen von Slowenen und Kroaten unterstützten, während Franzosen, Briten und die USA an einem gemeinsamen Jugoslawien festhielten. Die Spaltung des Westens war die schlechteste aller Varianten. Eine einheitliche Befürwortung neuer Staaten auf dem Gebiet des alten Jugoslawiens hätte MilosÇevic´ in die Schranken gewiesen. Wäre sicher gewesen, dass die Staatengemeinschaft keine einseitige Unabhängigkeitserklärung akzeptiert, dann hätten sich die Heißsporne in Ljubljana und Zagreb vielleicht doch auf längere Verhandlungen eingestellt. Dass sich der Westen - die Sowjetunion spielte in dieser Phase keine Rolle - auf keine Linie einigen konnte, machte den Weg frei zu den blutigen Bürgerkriegsszenen von Vukovar und Sarajevo und dem Massaker von Srebrenica.
Nach Jahren der Unterdrückung, der versuchten Vertreibung und einem wochenlangen Luftkrieg der Nato ist das Kosovo dem Einflussbereich Belgrads entkommen. Doch die internationale Verwaltung, die auf der Grundlage eines Uno-Beschlusses beruht, wahrt die Fiktion der territorialen Integrität Serbiens, zu dem das Kosovo völkerrechtlich nach wie vor gehört. Diese Scheinwelt hat jetzt ein Ablaufdatum. Bis zum 10. Dezember müssen die Unterhändler der aus einem russischen, einem amerikanischen und einem europäischen Vertreter bestehenden "Troika" dem Sicherheitsrat Bericht erstatten.
Egal, wie der Bericht aussieht: An der staatlichen Selbstständigkeit Kosovos wird kein Weg vorbeiführen. Auch wenn einem der sezessionistische Wahn des ehemaligen Jugoslawiens ein Graus war: Warum sollte ausgerechnet den Albanern verwehrt werden, was für Slowenen, Kroaten und Bosniaken längst selbstverständlich ist? Eine Fahne, eine Hymne und ein Sitz in den Vereinten Nationen? Das ehemalige Jugoslawien verstand sich immerhin als Vielvölkerstaat, in dem Slowenen und Serben, Kroaten und Makedonier die gleichen formalen Rechte hatten. Ein albanischer Präsident Serbiens wäre dagegen undenkbar. Trotz all der schwülstigen historischen Ansprüche der serbischen Mythologie auf das Kosovo gelten in Belgrad die meisten Bewohner des umstrittenen Gebiets als "Untermenschen". Die Tradition des serbischen Nationalismus hat für die nichtslawischen Albaner nur Verachtung übrig. Nach einem historischen Zyklus, in dem jede Nationalität einen Staat bekommen hat, wäre für die albanische Bevölkerung des Kosovo jede andere Lösung als die Unabhängigkeit eine neue Form der Diskriminierung. Von einer Zustimmung des Uno-Sicherheitsrats sollte die Entwicklung nicht abhängig gemacht werden. Schließlich sind wahltaktische Überlegungen des russischen Präsidenten Putin und die Russlandpolitik der gegenwärtigen amerikanischen Administration, von denen eine Entscheidung des Sicherheitsrats abhängt, von der Wirklichkeit des Balkans weit entfernt.
Richtig: Albanien ist einer der engsten Verbündeten der USA in der Region. Der sonst so unpopuläre George Bush zählt in Tirana und Umgebung zu den beliebtesten Stars der Weltpolitik. Die USA gehören zu den eifrigsten Unterstützern der albanischen Unabhängigkeitsbestrebung. Ein überstürzter Schritt weg vom verlogenen Provisorium der internationalen Verwaltung serbischen Territoriums bereitet den Außenpolitikexperten des State Departments weniger Kopfzerbrechen als den Europäern. Aber Washington hat in diesem Fall Recht. Man kann eine Amputation nicht im letzten Augenblick unterbrechen. Das ehemalige Jugoslawien muss völlig zerfallen, bevor die Völker wieder fähig sein werden zu realisieren, dass sie ein gemeinsames Stück Erde bewohnen und ewige Feindschaften nichts bringen.
In der EU stehen jene Mitgliedsstaaten auf der Bremse, die selbst mit dem Trauma vergangener oder in der Zukunft möglicher Sezessionen leben. Zypern, das jede Logik ablehnt, auf die sich die türkischen Nordzyprioten stützen könnten. Rumänien und die Slowakei wegen der ungarischen Minderheiten. Spanien, das mit baskischem und katalanischem Separatismus kämpft. Wenn diese Bedenken helfen, dass die Rechte der serbischen Minderheit im Kosovo gesichert werden, dann können sie eine positive Funktion haben. Die grundlegende Perspektive eines unabhängigen Kosovo muss jedoch aufrechtbleiben.

 

 

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