Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Soldaten statt Mauern, 14.7.2004

Von den Vereinten Nationen wird die Situation im Westsudan als die gegenwärtig schlimmste humanitäre Katastrophe des Erdballs beschrieben. Seit Monaten terrorisieren die bewaffneten Milizen der arabischstämmigen so genannten Janjaweed die schwarzafrikanische Bevölkerungsmehrheit. Zehntausend Personen wurden in Darfur getötet, Hunderte Dörfer sind zerstört, fast eine Million Menschen sind auf der Flucht. Nur wenige Monate nachdem der jahrelange Bürgerkrieg der Zentralregierung in Khartum gegen die christlichen Milizen im Süden durch einen Waffenstillstand beigelegt wurde, fürchten die Hilfsorganisationen einen Genozid im Westen des flächenmäßig größten Staates in Afrika. UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat die Region ebenso besucht wie der amerikanische Außenminister Colin Powell. Durch die Drohung mit Sanktionen im UNO-Sicherheitsrat möchten die USA die Regierung in Khartum dazu zwingen, dem Wüten der Janjeweed-Milizen ein Ende zu bereiten. Die Staaten der Afrikanischen Union haben sich bereit erklärt, eine Friedensmission von 300 Soldaten bereitzustellen. Aber angesichts der riesigen Ausmaße des betroffenen Territoriums ist das ein sehr bescheidener Beitrag.
Menschenrechtsorganisationen, die von einem drohenden Völkermord sprechen, haben eine neue Diskussion um die Notwendigkeit einer "humanitären Intervention" mit der militärischen Macht des Westens ausgelöst. Noch 1999 hat die NATO im Kosovo tatsächlich auf einen grundsätzlich ähnlichen Konflikt mit einer amerikanisch-europäischen Militäroperation reagiert. Die Rahmenbedingungen sind naturgemäß sehr unterschiedlich, aber gleichzeitig gibt es auch auffällige Parallelen. In beiden Fällen sind zerstörte Dörfer und Flüchtlingsströme die Folge des Gegenschlages einer fernen Zentralregierung gegen eine Guerillabewegung, die sich auf eine unterdrückte lokale Mehrheitsbevölkerung stützt. Die albanische UCK heißt im Westsudan Sudanesische Befreiungsarmee. Die mordenden und vergewaltigenden arabischen Janjaweed in Darfur erinnern an die serbischen Arkan-Banden im Kosovo von einst. Afrikanische Krisen sind für das geopolitische Machtgefüge deutlich weniger brisant als der Balkan oder der Nahe Osten. So sah der Westen beim Völkermord in Ruanda tatenlos zu. Dazu kommt die nach dem Irakkrieg wachsende Skepsis der Öffentlichkeit gegen jede Art von Militäreinsätzen. Der Verdacht, George Bush und Tony Blair hätten zur Rechtfertigung des Irakkrieges humanitäre Gründe vorgeschützt, lässt leicht vergessen, wie oft Interventionen von außen auch in den letzten Jahren einen unaufhaltsam erscheinenden Zyklus von Gewalt durchbrechen konnten.
Trotz riesiger Hürden und Fehlentwicklungen hat der durch die USA bewirkte Sturz des Talibanregimes in Afghanistan die Chance für einen Neuanfang geschaffen. Die westafrikanischen Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone wurden durch militärischen Druck von außen gestoppt. Amerikanische Kriegsschiffe erzwangen im vergangenen Sommer den Rücktritt James Taylors in Monrovia, der UNO-Sicherheitsrat schickte Tausende Blauhelme. In Sierra Leone halfen britische Soldaten die von Taylor unterstützten Rebellenführer zu bezwingen, deren Kindersoldaten die Bevölkerung durch das systematische Abhacken von Gliedmaßen in Angst und Schrecken hielten. Ein von der UNO unterstütztes Tribunal betreibt jetzt Vergangenheitsbewältigung. Selbst die noch von George Bush senior angeordnete Intervention in Somalia 1992, die Monate später im Sumpf des Kleinkrieges mit Milizführer Mohammed Aidid endete, hat ihren unmittelbaren Zweck, die Notversorgung von Hunderttausenden vom Hungertod bedrohten Menschen, durchaus erfüllt. Die Idee, dass dauerhafte massive Menschenrechtsverletzungen eine Einmischung in innere Angelegenheiten von Staaten rechtfertigen können, war ein Fortschritt gegenüber rein staatlicher Macht- und Interessenpolitik. Sie sollte auch in der Auseinandersetzung um den so genannten "Krieg gegen den Terrorismus" nicht verloren gehen.
Im Gegenteil, gerade der verheerend verfahrene israelisch-palästinensische Konflikt mit seinen weit reichenden Folgewirkungen würde dringend eine Intervention von außen erfordern. Das Urteil der Richter in Den Haag über den völkerrechtswidrigen Verlauf des israelischen Anti-Terror-Schutzwalles zeigt, wie weit der verhängnisvolle Kolonialkrieg in den Palästinensergebieten die politische Kultur des einst im Westen so populären israelischen Staates vom Rest der demokratischen Welt entfernt hat. Nur sehr wenig unterscheidet den Alltag des israelischen Besatzungsregimes in Gaza oder in der Westbank von der Situation im Kosovo in den Neunzigerjahren vor dem NATO-Angriff. Wie serbische Nationalisten von der Notwendigkeit demografischer Verschiebungen zur Zurückdrängung der Albaner fantasierten, so sind bei den israelischen Rechtsparteien Pläne zum so genannten "Bevölkerungstransfer" die ideologische Begleitmusik für das erbarmungslose militärische Vorgehen gegen die palästinensische Aufstandsbewegung. Nicht zufällig war der Kosovokrieg der NATO in der israelischen Rechten gar nicht populär gewesen. Die partiellen Rückzugsversprechen Ariel Sharons scheinen die Schießfreudigkeit der israelischen Soldaten weiter beflügelt zu haben. Auch wenn die täglichen Nachrichten von zwei, drei oder auch zehn getöteten Palästinensern im Washington des George W. Bush nicht einmal ein Achselzucken auslösen: Die globalen Folgen dieses Blutvergießens sind verheerend.
Dagegen könnten amerikanische und, warum nicht, auch europäische Soldaten anstelle der unglückseligen Mauer Israel Sicherheit und den Palästinensern Hoffnung geben. Nicht zufällig sind derartige Vorstellungen immer wieder Teil der verschiedensten Friedenspläne geworden. Unter den gegenwärtigen weltpolitischen Verhältnissen ist eine Jerusalem von außen aufgedrängte Friedenslösung undenkbar. Aber vielleicht findet man doch einmal wieder zu jener breiteren Interpretation von humanitären Interventionen zurück, die es der Welt nicht mehr erlaubt, endlosen Bürgerkriegen mit allen ihren menschlichen Katastrophen tatenlos zuzusehen, egal ob in Europa, Afrika oder im Mittleren Osten.


 

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