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Zum
Todestag Josef Stalins, 5.3.2003
Als Josef
Stalin vor genau 50 Jahren starb, da weinten Millionen. Darunter viele
der klügsten und heldenhaftesten Männer und Frauen des vergangenen
Jahrhunderts, für die der blutrünstige Moskauer Tyrann das Symbol
des Widerstands gegen die Hitler-Tyrannei schlechthin war. "Es lebe
Stalin": Tausende und Abertausende sind mit diesem Ruf auf den Lippen
in den Tod gegangen. In den Schluchten des Balkan ebenso wie im französischen
Hinterland, im verwüsteten Rußland ebenso wie im rebellischen
Italien. Ohne den Glaube an Stalin wäre der Widerstand gegen Hitler
unmöglich gewesen, davon waren auch Jahrzehnte später, als die
Verbrechen des Stalinismus längst erkannt waren, ehemalige Kommunisten,
Widerstandskämpfer und Überlebende der Konzentrationslager überzeugt.
Der Sowjetunion ersparte der Tod Stalins wahrscheinlich eine neue Welle
der politischen Verfolgungen und des Terrors. Nikita Chruschtschow öffnete
den Gulag und Millionen kehrten aus den Lagern zurück ins normale
Leben. Zumeist blieben sie gezeichnet für ihr ganzes Leben. Selbst
nach dem Untergang des Kommunismus hat sich die russische Gesellschaft
nicht völlig von der großen Angst befreien können, der
Staat könnte wieder zum Instrument des Terrors werden. Ein halbes
Jahrhundert nach dem Tod des Tyrannen implodierte das sowjetische Imperium
beim verspäteten Versuch seiner Führung, dem von Stalin geerbten
System den Weg demokratischer Reformen und wirtschaftlicher Modernisierung
zu weisen. Es war ein in der Geschichte höchst seltenes Ereignis:
das zweitmächtigste Weltreich der Erde brach innerhalb kürzester
Zeit zusammen, weil niemand mehr an die Dogmen des sogenannten real existierenden
Sozialismus und damit die Legitimität der kommunistischen Herrschaft
glauben konnte. Fünfzehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion erscheinen
die ehernen Sprüche des "Marxismus-Leninismus", die einst
das Leben von Millionen bestimmt haben, wie die surrilen Versatzstücke
aus dem Katechismus einer weltfremden Sekte.
Und doch muß beim Rückblick auf die stalinistische Tragödie,
die so viele Menschenleben zerstört hat und die emanzipatorischen
Ideen des Sozialismus dauerhaft beschädigt hat, auch eine anderer
Aspekt beurteilt werden. War das sowjetische System doch gleichzeitig
mit einigen der erstaunlichsten Leistungen des 20.Jahrhunderts verbunden.
Russen und Ukrainer, Kasachen und Usbeken, Kirgisen und Armeniern erreichten
eine zwar bescheidene, aber für viele seither nicht wieder erreichte
materielle Sicherheit. Mit elementarer gesundheitlicher Versorgung, Bildung
für alle und wissenschaftlich-technischen Höchstleistungen dort,
wo der Staat dies wollte. Gleichzeitig betrieb das sowjetische Politbüro
das denkbar aufwendigste Rüstungsprogramm, das unter Leonid Breschnew
schließlich zur ersehnten nuklearen Parität mit dem reichen
Amerika führte. Trotz einer verzweifelten Ausgangsposition nach den
Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges, den zerstörerischen Folgen
von Säuberungen und Repression für die sowjetische Gesellschaft
und den kaum verheilten Wunden der nachrevolutionären Bürgerkriege
und Hungersnöte. Mit sowjetischer Hilfe wurde Fidel Castros Kuba
ernährt, Millionenwerte flossen an Entwicklungshilfe und Rüstungsgüter
nach Äthiopien und Angola, Somalia und Vietnam, Syrien, Ägypten
und den Irak. Vietnam und Nordkorea konnten auf russische Hilfe zählen
und selbst der Handel mit der hochentwickelten DDR und den anderen osteuropäischen
Satelittenstaaten blieb für Moskau ein Verlustgeschäft. Der
riesige Moloch der sowjetischen Rüstungsindustrie erdrückte
schließlich die gesamte wirtschaftliche Entwicklung. Dass die Nachfolger
Stalins während Jahrzehnten die halbe Welt bewaffnet und ernährt
hatten, trug entscheidend zu ihrem Untergang bei.
Die Kraft zu dieser beispiellosen Expansion war jedoch eine Frucht des
revolutionären Erbes der Sowjetunion, nicht die Frucht des Stalinismus.
Ganz so wie der kurzfristige Triumph Napoleons über das alte Europa
am Beginn des 19.Jahrhunderts durch die allgemein-menschlichen Ziele der
Französischen Revolution legitimiert schien, so konnten sich vietnamesische
Nationalisten und kubanische Revolutionäre, Anti-Apartheidkämpfer
im Südlichen Afrika und tschechische Kommunisten in den egalitären
Kategorien der bolschewistischen Revolution wiederfinden. Die Ausdehnung
des sowjetischen Imperiums diente nicht einfach der Eroberung zwecks materieller
Ausbeutung, wie etwa der europäische Kolonialismus des 19.Jahrhunderts.
Fast zwanghaft folgten auf die sowjetischen Militärberater und Soldaten
die Wirtschaftsplaner und Ideologen. In Afghanistan, dem letzten außenpolitischen
Abenteuer des unter Leonid Breschnew vergreisenden Politbüros, hat
die mit Militärgewalt erzwungene Modernisierung die von von den USA
finanzierte islamisch-fundamentalistische Widerstandsbewegung immer stärker
werden lassen. Anders als das auf Robespierre und Napoleon stolze Frankreich
sieht Rußland seine Revolution heute als den Beginn einer tragischen
Verirrung, die unter Stalin die Menschenverachtung zum staatlichen Herrschaftsprinzip
erhoben hat.
Dass große Teile der Linken weltweit die Verbrechen des Stalinismus
beschönigt oder verdrängt haben, das hat die aus dem 19.Jahrhundert
kommende emanzipatorische Grundidee der Sozialismus in den Grundfesten
erschüttert. Bei aller Kritik an Neoliberalismus und Finanzkapital,
die heutzutage aus den Reihen der modernen Globalisierungsgegner zu hören
ist, ist die Vorstellung verschwunden, ein grundsätzlich anderes
System als jenes von Marktwirtschaft und westlicher Demokratie sei sinnvoll
oder möglich. Ob das dem Kapitalismus gut tut, ist fraglich, hat
die Systemkonkurrenz mit dem real existierenden Sozialismus doch vor allem
in Westeuropa zu einem Sozialsystem geführt, das half die sozialen
Unterschiede auszugleichen wie nie zuvor.
Auch für die USA als Führungsmacht der freien Welt war manches
leichter, solange die übersichtliche Teilung der Welt in zwei einander
feindlich gegenüberstehende Lager intakt war. Über der Menscheit
schwebte zwar der Schatten eines möglichen Atomkrieges, aber das
internationale System war berechenbarer als heute und die Verbündeten
blieben leichter bei der Stange.
In der Position der alleinigen Weltherrscher besinnen sich jetzt ausgerechnet
die regierenden amerikanischen Konservativen der revolutionären Wurzeln
ihres eigenen Systems. Demokratieexport in den Irak mittels Cruise Missiles
und Smart Bombs soll die Lösung für die brennenden Probleme
des Nahen Ostens bringen. Wenn es dazu kommt, dann wird das letzte Erbe
der unter Stalin geschaffenen internationalen Machtverhältnissen
auf der Strecke bleiben: die Autorität des Sicherheitsrats der Vereinten
Nationen, der seit dem Zweiten Weltkrieg als beruhigendes Sicherheitskorsett
der Weltpolitik fungiert.
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