Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Sterben, um zu siegen, 27.7.2005


RAF, italienische Rechte der Achtzigerjahre und islamistische Selbstmordattentäter: Kein Terror ist wie der andere.
Als die Gründergeneration der Roten Armee Fraktion im Deutschland der Sechzigerjahre ihre ersten Anschläge plante, gab es gute Gründe für die Radikalisierung der Jugend gegen das heimische verkrustete System. Die vermeintliche Legitimation zur Gewalt bezogen Ulrike Meinhof und Andreas Baader jedoch aus dem weit entfernten Vietnamkrieg. Die Wahnvorstellung von einer "zweiten Guerillafront gegen den US-Imperialismus" war überall in Europa bei der Entstehung linker Terrorgruppen Pate gestanden. Ein Mechanismus wie in den Jugendzentren der Sechziger- und Siebzigerjahre dürfte sich heute in europäischen Moscheen vollziehen: Aus dem Reservoir radikalisierter Jugendlicher rekrutieren kampferprobte Veteranen Kommandos, die bereit sind, ihr Leben für den Kampf in Palästina und im Irak zu geben. So ähnlich funktionierte auch die Wiederauferstehung der RAF oder der Roten Brigaden nach der Verhaftung der ersten Generation.
Ein ungerechter Vergleich? Selbst die schlimmsten linken Terroranschläge von damals zielten doch nie auf Blutbäder ab? Gewiss, der Analogie sind Grenzen gesetzt. Der rechte Terror Italiens aber, gefördert von Geheimdienstfraktionen unter einer christlichsozialen Regierung, war von solchen Rücksichtsnahmen unbelastet. Ohne mit der Wimper zu zucken, opferten neofaschistische Killer 1980 in Bologna 85 Menschenleben. Europa soll also nicht so tun, als müsse Gewaltbereitschaft zwangsweise einer islamisch-fundamentalistischen Ideologie zu tun haben. Selbst das schockierende Verständnis für Anschläge, das aus manchen Gebetshäusern zu hören ist, erinnert an die "klammheimliche Freude" in Teilen des linken Milieus nach der Ermordung des deutschen Bundesgeneralanwalts Siegfried Buback 1977.
Von den Selbstmordattentätern weiß man eines sicher: Sie sind Teil eines Schlachtplanes, um den westlichen Einfluss aus der islamischen Welt zu verbannen und fundamentalistische Regimes vom Typus der Taliban zu errichten - nicht in London, New York und Madrid, sehr wohl aber an Nil, Euphrat und Tigris.
Der Chicagoer Politologe Robert A. Pape räumt nach detaillierter Recherche unter dem Titel "Dying To Win" mit so ziemlich allen Klischees über Selbstmordattentäter auf: Am systematischsten wurden die Angriffe keineswegs von islamischen Fundamentalisten durchgeführt, sondern von den hinduistischen Tamil Tigers in Sri Lanka, denen der indische Ministerpräsident Rajiv Ghandi ebenso zum Opfer fiel wie ein Präsident Sri Lankas. Nicht sozial isolierte, ungebildete und psychisch kranke Persönlichkeiten machen den überwiegenden Teil solcher Attentäter aus, sondern "normale" Personen mit unterschiedlichstem Hintergrund, die ihr Leben für ein vermeintlich höheres Gut opfern wollen: das Wohl ihres Volkes. Unwillkürlich wird man bei der Lektüre der Abschiedsbotschaften von Attentätern tamilischer, libanesischer oder palästinensischer Herkunft an die irreale Vaterlandsbegeisterung erinnert, mit der die Soldaten Europas 1914 in den Krieg gezogen sind. In schiitischen Regionen im Libanon und in den Palästinensergebieten leben Kamikazeattentäter in Bildern und Gedenktafeln weiter wie bei uns die Weltkriegsgefallenen in den Kriegerdenkmälern.
Robert Pape zufolge werden Selbstmordattentäter von den Entscheidungsträgern der jeweiligen Organisation ähnlich "rational" eingesetzt wie Panzer, Flugzeuge oder Giftgas von den Generälen in der bestimmten Phase eines Krieges. Dahinter steht eine präzise Einschätzung des Kräfteverhältnisses und der durch Verwendung dieser "Waffe der Schwachen" zu erreichenden strategischen Ziele. Mit einer Religion haben Selbstmordattentate seiner Meinung nach nichts zu tun. Pape findet historische Beispiele für Juden und Christen, Moslems, Hindus und Sikhs. Zumeist ist Nationalismus gegen eine als fremd empfundene Macht die Motivation. Dass der Kriegsschauplatz manchmal auch außerhalb des eigentlichen Schlachtfeldes verlegt wird, ist selten, aber nicht völlig unbekannt. Die tamilische LTTE entsandte Selbstmordkommandos auch nach Indien, das traditionell die Rolle einer Schutzmacht für die tamilische Minderheit auf Sri Lanka eingenommen hatte.
Aus seiner Analyse zieht der Politologe eine erschreckende Bilanz: Selbstmordanschläge kommen in Wellen, die sich manchmal über Jahre ziehen. Und sie sind häufig Teil einer erfolgreichen Strategie, weil es so schwer ist, Angreifer, die den eigenen Tod in Kauf nehmen, militärisch abzuwehren. Tamil-Tiger-Gründer Prabhakaran, der jahrelang mit seinen Selbstmordkommandos die militärisch überlegene Armee von Sri Lanka im Schach hielt, verhandelt nun mit der Regierung in Colombo über eine Autonomie der Tamilen. Die Schiitenmiliz Hisbollah, die 1983 Franzosen und Amerikaner aus Beirut vertrieben hat und Yehud Barak zum israelischen Rückzug aus dem Südlibanon zwang, ist in der neuen von den USA unterstützten libanesischen Regierung vertreten. Israel reagiert auf die in der Zivilbevölkerung angerichteten Massaker zwar mit unnachgiebiger Verfolgung, eine Niederwerfung der palästinensischen Aufstandsbewegung ist aber auch Ariel Sharon nicht gelungen: Eine Konsequenz des Scheiterns der Politik der "eisernen Faust" ist der Abzug aus Gaza, den die Palästinenserorganisationen als Erfolg interpretieren werden.
Der von El Kaida und vergleichbaren Gruppen angestrebte Rückzug des Westens aus der islamischen Welt ist nicht vorstellbar. Zu mächtig sind die Kräfte der Globalisierung, und zu wichtig sind die arabischen Ölreserven für die Weltwirtschaft. Aber dass die im Irak engagierten Regierungen das Land unter dem doppelten Druck einer lokalen Aufstandsbewegung und terroristischer Bedrohungen zu Hause aufgeben werden, kann niemand ausschließen. Ein Trost für Europa: Die Reserven für Terrorunternehmungen mit europäischen Akteuren werden wohl rasch erschöpft sein, können sie doch kaum auf Unterstützung in der eigenen Gemeinschaft zählen. Aber das weltweite Reservoir von "heiligen Kriegern" wird bestehen bleiben, solange sich kein Gleichgewicht in den krisengeschüttelten islamischen Gesellschaften findet und die Problemkreise Irak und Palästina ungelöst sind. Das Besondere an der britisch-amerikanischen Irakpolitik ist, dass sie in dieser sowieso explosiven Situation El Kaida zusätzliche Mittel und neue Krieger zutreibt. Das hat kürzlich zum großen Entsetzen Tony Blairs selbst das ehrwürdige Royal Institute of International Affairs in London festgestellt.

 

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