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Sturm
statt Staat, 7.9.2005
Ein Hurrikan über New Orleans gilt neben dem Monstererdbeben an der
kalifornischen Andreasfalte und einem Terroranschlag auf New York seit
langem als eine der drei größten denkmöglichen Katastrophen
Nordamerikas. Wenn man als Reporter an einem solchen Desaster hautnah
dran ist und erlebt, wie Tempo und Ausmaß der Zerstörungen
selbst die umsichtigste Planung zur Makulatur machen, dann zögert
man mit dem simplen Reflex der Kritik, selbst wenn sich die Lücken
der staatlichen Katastrophenhilfe mit jedem Tag verheerender auswirken.
Aber der Umgang mit Naturkatastrophen stellt Stärken, Schwächen
und Entwicklungsrichtungen einer Gesellschaft unter ganz besonders grelles
Licht. In der Regel lösen Stürme, Erdbeben und Hochwasser einen
Reflex der Solidarität über nationale, ethnische und politische
Grenzen hinaus aus. Der Schulterschluss gegen die Gewalten der Natur ist
das Kennzeichen eines funktionierenden Gemeinwesens. Weil die sowjetische
Führung sich beim Erdbeben von Taschkent 1966 einer solchen Reaktion
nicht sicher sein konnte, ließ Leonid Breschnew das zerstörte
Stadtgebiet militärisch zernieren, und die Welt erfuhr von der Katastrophe
überhaupt erst durch die Spionagesatelliten der USA. Michail Gorbatschow
feuerte nach dem Tschernobyl-Desaster die halbe Regierung. An der für
die Sowjetunion so typischen grausamen Mischung von Verantwortungslosigkeit,
Bürokratie und Inkompetenz sind über die Jahre trotzdem Tausende
zugrunde gegangen. Das Erdbeben, das Managua dem Erdboden gleichgemacht
hat, läutete den Anfang des Endes der Somoza-Diktatur in Nicaragua
ein.
Ähnlich dramatische Folgen sind nach dem Chaos von New Orleans nicht
unbedingt zu erwarten. Aber dem Hurrikan ist schon wenige Tage danach
ein politischer Sturm gefolgt, der dabei ist, viele der seit Jahren geltenden
Prioritäten von Staat und Gesellschaft infrage zu stellen. Die Frage
"Who lost New Orleans?", "Wer hat New Orleans verloren?",
wird die Reste der zweiten Amtszeit George Bushs überschatten. Der
vor allem von afroamerikanischen Organisationen vorgebrachte Vorwurf,
das zögerliche Vorgehen der Bundesregierung hänge mit der allgemeinen
Gleichgültigkeit gegenüber den brennenden Problemen der schwarzen
und armen Bevölkerungsschichten zusammen, gibt der durch den Irakkrieg
herbeigeführten Polarisierung des Landes eine zusätzliche ethnische
und soziale Dimension.
Dabei hängen die Probleme ganz sicher nicht nur mit Fehlentscheidungen
in der aktuellen politischen Führung zusammen. Die traditionellen
Stärken der amerikanischen Gesellschaft, Individualismus und Eigenverantwortung,
die von der Politik in den letzten Jahren oft bis ins Groteske übertrieben
wurden, erwiesen sich in der Stunde der Not als große Schwäche.
So hat Bürgermeister Ray Nagin zwar 24 Stunden vor dem Hurrikan die
obligatorische Evakuierung der Stadt verfügt, es blieb aber jedem
einzelnen Bürger überlassen, wie er mit diesem Beschluss umging.
Die Behörden hatten weder Mittel noch Pläne, alle Bürger
tatsächlich aus der Stadt zu bringen. Jeder blieb auf sich selbst
gestellt. Nicht einmal Spitäler oder Altersheime wurden von der Stadtverwaltung
geleert. Niemand kam auf die Idee, Busse, Pkws oder Lastkraftwägen
zu requirieren. Die kollektivistische Ader, die in vielen Gesellschaften
in ähnlichen Situationen dazu führt, dass man gemeinsam versucht,
die Krise zu meistern, ist in Amerika besonders schwach entwickelt. Seit
langem beklagen Bürgermeister das jahrelange finanzielle Aushungern
der Kommunen durch eine Politik, für die Steuersenkungen und Militärausgaben
das oberste Prinzip sind. Die New York Times rechnet im konkreten Fall
vor, wie die Regierung in Washington seit 2001 regelmäßig die
vom Bundesstaat Louisiana eingereichten Finanzpläne für die
Modernisierung von Dämmen und Deichen zurückstutzen ließ.
Von einem ursprünglichen Budgetansatz von 25 Millionen Dollar blieben
2005 nach den Kürzungen durch Kongress und Weißes Haus ganze
fünf Millionen übrig. Noch im vergangenen Juli blockierte das
Weiße Haus ein über vier Jahre ausgedehntes Milliardenprojekt,
um die Wiederherstellung der natürlichen Wetlands an der Küste
zu ermöglichen, durch die die Gewalt von Hurrikans eingedämmt
werden sollte.
Heimatschutzminister Michael Chertoff sagt, erst Dienstagmittag, mehr
als 24 Stunden nach dem Hurrikan, sei klar geworden, dass die Brüche
in den Dämmen nicht zu stopfen sind und sich der benachbarte Lake
Pontchartrain in die Stadt ergießt. Völlig unerklärlich
erscheint, wieso die Regierung nicht in diesem Augenblick die gesamte
Macht des amerikanischen Militärapparats mobilisiert hat, um die
in der Stadt verbliebenen Menschen zu retten. Wo blieben die berühmten
Eingreiftruppen der 82. Luftlandedivision, die innerhalb weniger Stunden
mobilisiert werden können? Wirklichen Aufschluss über die Entscheidungsprozesse
wird wohl erst der im Senat angekündigte Untersuchungsausschuss geben
können. Aber der Verdacht liegt nahe, dass es einen verhängnisvollen
Zusammenhang zwischen dem Irakkrieg und dem Debakel von New Orleans gibt.
Ein Drittel der Nationalgardisten Louisianas steht im Irak.
Nicht die Zwänge der Realität, die von besorgten Ökonomen,
Militärs oder Naturwissenschaftlern gegen die hochfliegenden Pläne
der Regierung Bush ins Treffen geführt wurden, seien für die
Supermacht Amerika entscheidend, sondern der Gestaltungswille seiner Führung,
hatte vor den Wahlen ein neokonservativer Denker einem New York Times-Reporter
vorgehalten. Auf diese Weise lassen sich vom Budgetdefizit über die
militärische Überdehnung bis zur Klimaveränderung viele
Probleme ignorieren. Seither bezeichnen sich Bush-Kritiker spöttisch
als Teil der "reality based community".
Wenn Amerika den Preis für seine ausgeblutete Infrastruktur bezahlt,
zu der veraltete Dämme ebenso gehören wie ein häufig lahm
gelegtes Stromnetz und die oft zitierten baufälligen New Yorker Brücken,
dann könnte das als bittere Revanche der Realität am jahrelangen
konservativen Voluntarismus interpretiert werden. Zu dieser von den rechten
Ideologen so wenig geschätzten Realität gehören auch die
Hunderttausenden Armen und Schwarzen von New Orleans, die durch den Hurrikan
vom Rande der Gesellschaft ins Zentrum der Krise gestoßen wurden.
Im Worst-Case-Szenario, das wir eben erlebt haben, kann der Staat den
Bürgern einer amerikanischen Metropole nicht mehr Sicherheit bieten
als in Bagdad: So mancher Nationalgardist zog den Vergleich vor laufender
Kamera.
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