Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Tanz der Agenten, 17.11.1999

Der Kommunismus ist geschlagen und die spärlichen Mauerreste in der deutschen Hauptstadt sind zu einer gefragten Touristenattraktion geworden. Ein ein unerwartetes Comeback droht dagegen dem Schattenkrieg der Agenten aus den Jahren des Kalten Krieges.
Zuerst in der Geschichtsschreibung: die bevorstehenden Jahrestage des Umsturzes in Prag und Bukarest rufen die eigenartige Rolle der Geheimdienste in der Phase der letzten Zuckungen des sowjetischen Imperiums in Erinnerung. Hatte der sowjetische Geheimdienst KGB doch nach den Prügelorgien der tschechoslowakischen Kollegen auf dem Wenzelsplatz die Idee einer Machtübernahme des Reformkommunisten und Gorbatschow-Studienfreundes Zdenek Mlynars lanciert. Mlynars verstand die Dynamik der demokratischen Volksbewegung und lehnte dankend ab.
Nach wie vor harren die Umstände von Flucht, Gefangennahme und schließlich Exekution des rumänischen Diktatorenehepaares Nikolae und Elena Ceauscescu der Aufklärung. Der überstürzte Schauprozeß gegen den gefangenen Conducator, während Securitate-Scharfschützen gleichzeitig trachteten das Chaos im Land so groß wie möglich zu halten, erscheint heute vielen als typisches KGB-Szenario.
Selbst in der deutschen Wende des Herbstes 1989 tanzte die Stasi offensichtlich gleich auf mehreren Kirtagen. Kaum eine Bürgerrechtsgruppe, die nicht flächendeckend von Informanten und Mitarbeitern des berüchtigten Ministeriums für Staatssicherheit erfaßt worden wäre. Diese beschränkten sich dabei keineswegs darauf, zu observieren: immer mehr Beispiele tauchen auf, wo Agenten am Umsturz auch selbst beteiligt waren. Ibrahim Böhme, der Gründer der SPD in der DDR, handelte ebenso im Auftrag des DDR-Geheimdienstes, wie der für die fanatisch antikommunistische Ost-Berichterstattung der "Bild"-Zeitung im Springer-Verlag zuständige Stellvertretende Chefredakteur Klaus Dieter Kimmel.
Die Herren (und Damen) vom "Schwert und Schild" der Partei haben sich in den entscheidenden Monaten des Zerfalls des sowjetischen Imperiums offensichtlich gleich mehrmals selbst überdribbelt. Insbesonders die ostdeutsche Stasi mit ihren fast 100 000 hauptamtlichen Mitarbeitern und den unzähligen informellen Helfern in Ost und West ist ein klassisches Beispiel für die totale Machtlosigkeit selbst der besten und teuersten Geheimdienste der Welt im Augenblick der höchsten Not für die Herrschenden. Die Erfahrung mußten vor zwanzig Jahren schon die Kollegen vom CIA im Iran machen, als der Schah stürzte.
Trotzdem ist in Europa ein Ende der Stasi-Hysterie auch zehn Jahre später nicht wahrscheinlich. Im Gegenteil: vor kurzem haben die USA den deutschen Behörden jene hypersensiblen Karteien und Mikrofilme der Hauptverwaltung Aufklärung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit übergeben, über die die persönliche Identifikation von tausenden ehemaligen DDR-Agenten in allen Teilen der Welt möglich ist. Die Dokumente sind vom CIA in den letzten Tagen der DDR unter nach wie vor ungeklärten Umständen erbeutet worden. "Operation Rosewood" hieß der Coup: während 1990 am "Runden Tisch" noch Bürgerrechtler und Regierungsvertreter diskutierten, wie man mit Agenten des sterbenden SED-Staates verfahren sollte, verkauften Stasi-Offiziere oder möglicherweise auch der KGB Berge von Karteikarten und Mikrofilmen nach Amerika. Die Bedingungen des Deals kennt niemand: die deutsche Regierung mußte auf jeden Fall 9 Jahre bitten und betteln, bevor das sensible Material wieder die Reise zurück über den Atlantik antreten konnte.
Nachdem auch der Gauck-Behörde selbst in den letzten Wochen ein Durchbruch bei der Dechiffrierung von Agentenkarteien gelungen ist, steht damit eine neue Welle der Enthüllungen bevor. 300 000 Agenten-Namen sollen sich in dem Rosewood-Register befinden: die Regierungen, deren Länder betroffen sind, werden demnächst eine CD-Rom mit den entsprechenden Unterlagen aus Washington erhalten. Daß diese doppelt und dreifach frisiert sind, kann man getrost annehmen: der CIA hat sich die Stasi-Datenbank schließlich mit dem Ziel besorgt, selbst Zugriff zu diesem bislang feindlichen Agentennetz zu bekommen. DDR-Ex-Spione , die für die westlichen Kollegen interessant sind, sich umdrehen ließen oder sonst etwas zu bieten haben, haben jetzt wohl kaum etwas zu befürchten. Oder ist es ein Zufall, daß einem Markus Wolf von den sonst so gestrengen (west)deutschen Ermittlern nichts nachgewiesen werden kann?
Wie wenig die Justiz zur Vergangenheitsbewältigung beizutragen vermag, hat gleichzeitig Anfang November das endgültige Urteil gegen die SED-Politbüro-Mitglieder Egon Krenz, Günther Schabowski und Günther Kleiber gezeigt. Bei 250 Opfern des Schießbefehls an der Berliner Mauer war es nach der Wende undenkbar keine juridischen Konsequenzen zu ziehen: knapp 9o Schuldsprüche hat es bisher gegeben, nur 15 zumeist milde Freiheitsstrafen wurden verhängt, darunter jetzt auch jene gegen die drei verbleibenden noch verhandlungsfähigen SED-Verantwortlichen. Daß auch von staatswegen begangene Verbrechen gerichtliche Folgen haben können, erleben die SED-Größen ebenso wie Augusto Pinochet oder Slobodan Milosevic. Ein schaler Nachgeschmack bleibt trotzdem.
Nicht Gerechtigkeit, sondern Rache als Motiv unterstellt der aus der westdeutschen Linken kommende PDS-Abgeordnete Winfried Wolf: "Im Kern wurde Krenz die Ausübung normaler staatlicher Tätigkeit vorgeworfen und nicht ein konkreter Befehl für Folter oder Mord. Moralisch mag das gerechtfertigt sein, aber vor dem Hintergrund der deutschen Einheit und dem Schicksal der vergleichbaren polnischen oder tschechischen Kommunisten ist das absurd."
Wolfgang Leonhard, der Kommunismusexperte der westdeutschen Nachkriegsjahre, plädiert dafür, zur DDR-Vergangenheitsbewältigung an die Stelle der Gerichte aufklärende Wahrheitskommissionen nach südafrikanischem Beispiel zu setzen. Andere Vorschläge reichen von Amnestie (Lothar de Maiziere) bis Begnadigung (Hans-Ulrich Klose), aber so richtig überzeugt hat bisher keiner. Offensichtlich geht der gängige Vorwurf der Siegerjustiz am Kern des Problems vorbei: wenn die Sieger ein gerechteres und moralisch höherstehenderes Rechtssystem aufweisen, ist dagegen schließlich nur schwer etwas einzuwenden.

 

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