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Historiker und Journalist |
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| "Falter" - Artikel | |||
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Terror global, 8.9.2004 Die größte Schlacht gegen den "Terrorismus" lieferte 1994 die russische Generalität im Auftrag Boris Jelzins. Die von rivalisierenden Banditen, ausländischen Einflüssen und der steigenden Flut des Fundamentalismus ausgehöhlte Regierung Aslan Maskhadow wurde vertrieben, die russischen Ordnungskräfte zogen in der tschetschenischen Hauptstadt ein. Es war die verheerendste Militäraktion einer Großmacht der jüngeren Geschichte, mit Zehntausenden russischen und tschetschenischen Opfern. Nach monatelangem Beschuss glich die russisch-tschetschenische Millionenstadt Grosny einer Geisterstadt. Zehn Jahre später ist der Preis des Tschetschenienkrieges für die Menschen schier unerträglich geworden. Die Politik demonstriert ihre Hilflosigkeit durch weltfremde martialische Erklärungen. Nach insgesamt drei russischen Militäraktionen glaubt Präsident Putin noch immer, mehr Staatsgewalt sei die Lösung. "Schwache Menschen werden geschlagen", fasste der ehemalige KGB-Mitarbeiter seine einfache Philosophie zusammen. Die Attacken der letzten Tage - in der Luft, an der Moskauer U-Bahn und in der Schule der unglücklichen Stadt Beslan - sind der am besten koordinierte Terrorangriff seit dem 11. September 2001 und gleichzeitig ein schreiender Beweis für das Scheitern einer allein auf militärische Konfrontation ausgerichteten Antiterrorpolitik. Tschetschenische Kämpfer haben schon im 19. Jahrundert die Besatzungsarmee des Zaren in Schach gehalten. Selbst die kollektive Deportation durch Stalin konnte den Selbstständigkeitswillen dieses Volkes nicht brechen. Mit den unmenschlichen Terrormethoden des 21. Jahrhunderts treten die durch Jelzins Armee geschlagenen Kämpfer als Selbstmordkommandos in die Spuren der damaligen gefürchteten Kaukasus-Partisanen. Die russisch-tschetschenische Katastrophe hat zweifelsohne auch etwas mit internationalem Terrorismus zu tun. Hatte doch die Anfang der Achtzigerjahre von den USA ausgerüstete Bewegung islamischer Afghanistankämpfer in dem von Krieg und Okkupation verwüsteten Tschetschenien einen fruchtbaren Boden gefunden. Wie viele arabische Fundamentalisten im Kaukasus Wurzeln gefasst haben, lässt sich mit Sicherheit nicht sagen. Aber der aus Saudi-Arabien stammende Ibn-ul Khattab war bis zu seinem Tod einer der einflussreichsten Figuren im tschetschenischen Untergrund. Die furchtbare Taktik der Selbstmordanschläge, die von tschetschenischen Kämpfern jetzt so häufig angewandt wird, ist ein Import aus der fundamentalistischen Internationale und hat mit der Kriegertradition des Kaukasus wenig zu tun. Die russisch-tschetschenische Tragödie ist somit beides: ein außer Kontrolle geratener Nationalitätenkonflikt, aber auch ein Resultat internationaler terroristischer Vernetzung. Diese Konstellation ist kein Spezifikum des Kaukasus. Von den afghanischen Taliban bis zur palästinensischen Hamas oder den ägyptischen Moslem-Bruderschaften war gewaltbereiter Fundamentalismus immer eine Antwort auf ausweglos scheinende gesellschaftliche Krisen. Wladimir Putin ist als Vorreiter militärischer Lösungen groß geworden, und er ist damit furchtbar gescheitert. Als designierter Jelzin-Nachfolger begann er den zweiten Tschetschenienkrieg, der Russland nach mysteriösen Angriffen auf russische Wohnhäuser Ruhe und Sicherheit bringen sollte. Das einzige politische Konzept, das den Einsatz der russischen Soldaten begleitete, hieß: keine Verhandlungen mit Terroristen. Der aus dem Untergrund agierende letzte gewählte tschetschenische Präsident Aslan Maskhadow wird in Moskau genauso als Terrorist abgetan wie sein radikalerer Rivale Shamil Basajew. Der letzte Versuch, ein halbwegs lebensfähiges moskautreues Regime in Grosny zu installieren ist mit der Ermordnung des prorussischen Präsidenten Achmed Kadyrow vor wenigen Monaten gescheitert. Das Echo der martialischen Töne, die Wladimir Putin einst an die Macht gebracht hatten, bekam man vergangene Woche bei den Antiterrorschwüren der Republikaner auf ihrer Convention in New York zu hören. Nur mit dem Unterschied, dass im Fall der Supermacht Amerika der gesamte Globus die Bühne ist und nicht eine geografisch beschränkte Region wie der Kaukasus. George W. Bush versprach emphatisch mehr Militär und Polizei zur Verbesserung der inneren Sicherheit und die gnadenlose Verfolgung "der Terroristen" über den ganzen Globus. Mit Details wie den nie gefundenen irakischen Massenvernichtungswaffen hielt man sich nicht lange auf. Der Sturz Saddam Husseins wurde in New York als Teil einer erfolgreichen weltweiten Offensive gegen den Terrorismus gefeiert. Vizepräsident Dick Cheney verteidigte die amerikanische Antiterrorpolitik inklusive des Irakkriegs am Tag nach dem republikanischen Parteitag folgendermaßen: "Es ist nicht der Einsatz von Gewalt, der terroristische Angriffe hervorruft. Terroristen schlagen zu, wenn sie Schwäche vermuten. Wir haben es mit einem Feind zu tun, mit dem man nicht verhandeln kann, mit dem man sich nicht arrangieren kann und mit dem nicht zu reden ist. Es ist ein Feind, der zerstört werden muss." Ganz genauso klingt Wladimir Putin. Sowohl für die Regionalmacht Russland als auch für
die Weltmacht Amerika gilt: Terrorismus ist eine Methode und keine politische
Partei. "Der Terrorismus" als Kriegsgegner ist beim amerikanischen
Vizepräsidenten allerdings ein noch viel verwascheneres Konzept als
beim russischen Präsidenten. Moskau weiß wenigstens, dass tschetschenische
Separatisten die Feinde sind. Washington meint dagegen islamisch-fundamentalistische
Gruppen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund von den Philippinen bis
Afghanistan, vom Nahen Osten bis Nordafrika, aber genauso so genannte
"Schurkenstaaten" wie Syrien oder den Iran. Moskau scheitert
mit seiner Kaukasuspolitik, weil man sich weigert, nach einer politischen
Lösung zu suchen, die den tschetschenischen Unabhängigkeitswillen
berücksichtigt. Die weißen Flecken im Antiterrordiskurs der
amerikanischen Administration liegen auf der gleichen Ebene: Vergeblich
sucht man ernsthafte Pläne, um den israelisch-palästinensischen
Konflikt zu entschärfen, neue Ideen für den Irak oder allgemein
auch nur die Einsicht, dass der westlich-islamische Konflikt mehr erfordert
als martialische Drohgebärden. Wenn die USA im so genannten "Krieg
gegen den Terror" auf Putin-Kurs bleiben, dann könnte die ganze
Welt den Preis zahlen.
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