Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Thatchers Geheimplan, 16.9.2009

Thatchers Geheimplan: was Europa noch heute davon lernt
Wie konnte sich Margaret Thatcher, die härteste Kalte Kriegerin ihrer Zeit, nur so irren, als der Kommunismus fiel? Die Frage beschäftigt nicht nur Historiker, seit das britische Foreign Office letzte Woche Details über den vergeblichen Kreuzzug der Eisernen Lady gegen die deutsche Vereinigung nach dem Fall der Mauer veröffentlichte. "Eine ‚Entente Cordial' gegen die Geschichte" wollte sie mit Frankreich schmieden, ätzt die Pariser Tageszeitung Le Monde.
Thatchers Privatsekretär, Charles Powell, beschreibt ein haarsträubendes Hochlizitieren antideutscher Ressentiments bei den Treffen der britischen Konservativen mit dem französischen Sozialisten François Mitterrand. Da war von einem Comeback der "bösen Deutschen" die Rede. Thatcher zog eine Vorkriegskarte Europas aus der Handtasche und prophezeite, ein vergrößertes Deutschland werde wie einst alle Nachbarn schlucken. Die beiden glaubten sich in die Zwischenkriegszeit zurückversetzt, weil Helmut Kohl die demokratische Revolution für seine nationalen Ziele benützte.
Die Londoner Times zitiert Mitschriften von Gesprächen mit internationalen Gästen aus dem sowjetischen Politbüro, die Anfang der 90er von einem russischen Historiker nach London geschmuggelt wurden. Sie bestätigen die Besessenheit, mit der Thatcher auch im feindlichen Lager versuchte, Widerstand gegen den Nato-Bündnispartner Deutschland zu mobilisieren. Die glühende Antikommunistin appellierte an Michail Gorbatschow, den Warschauer Pakt zu erhalten, damit es nur ja nicht zu einem vereinigten Deutschland kommt.
Die wiedererstandene Triple-Entente blieb ein Produkt politischer Fieberfantasien. Mitterand, der begnadete Doppelspieler, kratzte rasch die Kurve. Während er mit Thatcher wilde antideutsche Pläne schmiedete, versicherte er gleichzeitig Kohl seiner Solidarität. In Washington hatte George Bush senior für die geopolitischen Phobien Thatchers wenig Verständnis. Schließlich setzten sich in London die Spitzen der Diplomatie mit ihrer Ansicht durch, dass es vorteilhafter sei, die aufsteigende Macht Deutschland zum Freund zu haben als die zerfallende Sowjetunion.
1989 war, trotz aller nationalen Komponenten, die vom Kampf um Unabhängigkeit der Balten bis zum "Deutschlandlied" im Bundestag nach dem Fall der Berliner Mauer reichten, eine demokratische und eine europäische Revolution. Was folgte, war kein Comeback zerstörerischer Großmächterivalitäten, sondern der bisher größte Sprung in Richtung der Einheit Europas. Mitterrand erreichte von Kohl, dass Deutschland die D-Mark aufgab. Deutschland öffnete den östlichen Nachbarn den Weg in die EU. Europa bekam den Euro und die Union der 27.
Thatchers Nein zur deutschen Einheit hatte die gleiche Wurzel wie ihre Animosität gegenüber Brüssel: eine Fehleinschätzung, wie tief Europäische Union und Nato die Versöhnung zwischen den Europäern verankert hatten und wie sehr der Trend zur Integration zur dominanten Kraft des Kontinents geworden war, so das Urteil der Financial Times. Mit dem neuen Deutschland haben sich Thatchers Nachfolger rasch verständigt. Ein gewisses Quantum an Misstrauen wurde jedoch nie ausgeräumt. Deutschland und Frankreich schaffen es dagegen bis heute unverändert, den Ton für den ganzen Kontinent anzugeben, unabhängig von politischen und persönlichen Rivalitäten der Chefs.
Die Financial Times, die als Erste über die geheimen Gesprächsprotokolle zwischen Thatcher und Mitterrand berichtet hat, fragt nach "Lehren für die Zukunft aus den Fehleinschätzungen der Vergangenheit". Dazu gehört die Erkenntnis, wie erstaunlich wenig sich in den letzten 20 Jahren nationale Eifersucht und selbst böse Krisen auf die fortschreitende Europäisierung ausgewirkt haben. Europa ist es gelungen, noch jeden Zwist einzufangen. Eine Hürde bleibt zweifelsohne das Schicksal des EU-Reformvertrags und das damit verbundene Votum der Iren am 2. Oktober. Aber die Querelen um die zweite Amtszeit für Kommissionspräsident José Manuel Barroso scheinen im Vergleich zu den überstandenen Kontroversen richtiggehend harmlos.
Die Distanz der Briten zu Europa ist geblieben. Bremsen ist das britische Markenzeichen in der EU. Eine Perspektive, mit der alle Staaten oder Parteien zu rechnen haben, die das europäische Engagement zugunsten nationaler Reflexe opfern. Zum Verlierer wurde in den letzten 20 Jahren stets, wer sich, wie einst Margaret Thatcher, aus dem europäischen Spiel herausnahm.

 

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