Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Tony Blair und Joschka Fischer, das wäre ein Signal für die EU, 24.6.2009

Mit der Nominierung José Manuel Barrosos beginnt der Machtpoker um die Schlüsselpositionen in der Europäischen Union. Entschieden wird durch eine bizarre Mischung von Demokratie und Diplomatie. Wie das Spiel zwischen westlichen und östlichen Mitgliedsstaaten, Konservativen und Sozialdemokraten, Großen und Kleinen ausgeht, wird die Stellung der EU-Organe im Europa der 500 Millionen prägen.
Bei der Nominierung des Chefs der EU-Kommission siegte der Vorrang von Kontinuität und Mittelmäßigkeit, repräsentiert durch den konservativen Amtsinhaber. Barroso, der einstige Maoist, der neben George W. Bush, Tony Blair und dem Spanier José Maria Aznar den Irakkrieg erklärte, war nie ein neoliberaler Überzeugungstäter. Der Grüne Daniel Cohn-Bendit nennt ihn verächtlich ein "politisches Chamäleon", schließlich fordert er jetzt jene Regulierungen, die seine Parteienfamilie noch vor kurzem verdammt hat. Diese Flexibilität muss in einem Europa der 27, wo man die Gesprächsbasis zu Politikern der unterschiedlichsten Couleurs zu pflegen hat, nicht nur von Nachteil sein.
Die Verlierer dieser ersten Runde sind die Sozialdemokraten. Die Zustimmung der linken Regierungschefs zum Kandidaten der Rechten hat dazu geführt, dass in der lose organisierten Partei letzte Woche die Fetzen flogen. Es rächt sich bitter, dass die Sozialdemokraten weder eine Strategie für das oft propagierte "soziale Europa" noch ein Personalangebot präsentiert haben.
Ohne sozialdemokratische Vertreter kann trotzdem keine EU-Spitze gebildet werden. Daher sollte Tony Blair nächster Ratspräsident werden. Der britische Expremier ist der einzige Politiker, der die Bürger mit einer europäischen Botschaft erreichen könnte. Über Tony Blair lässt sich trefflich streiten. Ein Sozialdemokrat, dem auch die Hochfinanz zuhört. Ein Anglikaner, der katholisch wurde. Ein proeuropäischer Atlantiker. Kein anderer würde als Repräsentant Europas in der Welt so ernst genommen werden wie er. Genau danach verlangen auch die meisten Bürger: eine EU, die sich auf die ganz großen Aufgaben wie Frieden, Umwelt und sozialstaatliche Rahmenbedingungen konzentriert, nicht jedoch Details für den Alltag vorschreibt.
Blairs Chancen sind durch die Entscheidung der Regierungen für Barroso dramatisch gestiegen. Denn auch auf die zweite Spitzenposition in der EU haben die Konservativen die Hand drauf: den Parlamentspräsidenten. Die besten Chancen hat der ehemalige polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek. Er wäre der erste Osteuropäer in der vordersten Reihe der EU-Positionen. Ein überfälliges Signal.
Bleiben noch die beiden im Reformvertrag neu geschaffenen Spitzenjobs des Ratspräsidenten und des Außenministers, so die Iren im Oktober mit Ja stimmen. Letzerer sollte an die Grünen gehen. Nicht nur, weil sie europaweit so erfolgreich abgeschnitten haben. Der Kampf gegen den Klimawandel gehört zu den identitätsstiftenden Zielen der EU. Joschka Fischer wäre der ideale Außenpolitikbeauftragte der EU.
Rechte Hardliner werden bei dem Gedanken an den ehemaligen Straßenkämpfer genauso stöhnen wie linke Friedensfreunde über einen EU-Präsidenten mit der Mitverantwortung für den Irakkrieg namens Tony Blair. Aber die EU braucht eine Konzentrationsregierung mit grenzüberschreitenden Kommunikatoren, damit das politische Europa in die Schrebergärten der national begrenzten Öffentlichkeiten eindringt. Die Europäer müssen lernen, sich über ihre Repräsentanten gemeinsam zu begeistern oder zu empören.
Mit ihrer bunten Biografie würden es Blair und Fischer mühelos in die Klatschspalten von Lappland bis Sizilien schaffen. Ein lebenswichtiger Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Öffentlichkeit.
Warum eine solche Personalentscheidung auch tatsächlich realistisch sein könnte? Weil Blair und Schröder vom Prestige der Länder, aus denen sie kommen, profitieren, aber nicht als Lobbyisten ihrer Regierungen gelten würden. Fischer spricht nicht für Angela Merkel, Blair nicht für David Cameron, nachdem - wie zu befürchten ist - die Konservativen die nächsten Unterhauswahlen gewinnen. Die schwache eigene Machtbasis könnte ein rot-grünes Tandem Blair-Fischer für die eifersüchtigen Regierungschefs akzeptabel machen. Gemeinsam mit dem konservativen Barroso und einem Europaparlamentspräsidenten Buzek aus dem wichtigsten neuen Mitgliedsland ergäbe das ein funkelndes Quartett.

 

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