Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Trojanisches Pferd Türkei? 20.12.2002

Auf dem Gipfel in Kopenhagen haben die mächtigen Vereinigten Staaten in der Türkeifrage ihre Hand offensichtlich ebenso überreizt, wie das kleine Österreich mit seinen Herzensanliegen Transit und Temelin. Dass George Bush Stunden vor Gipfelbeginn noch einmal höchstpersönlich den dänischen Ratspräsidenten bedrängte, ein fixes Datum für den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei müsse her, erwies sich als ebenso konterproduktiv wie ein Schreiben in allerletzter Minute von Colin Powell an Joschka Fischer: die Entscheidung der EU erst im Herbst 2004 über die Aufnahme konkreter Verhandlungen befinden zu wollen, geht sogar hinter den früheren französisch-deutschen Kompromissvorschlag zurück. So im Parterre sind am Vorabend eines möglichen Irakkrieges die europäisch-amerikanischen Beziehungen, dass amerikanisches Drängen in Europa zur Zeit zu allererst starke Gegenreaktionen auslöst: die Europäer konnten den Türken unter diesen Umständen schon deshalb nicht mehr entgegenkommen, weil sie sonst als "Wimps" gegenüber dem Großen Bruder jenseits des Atlantiks erschienen wären.
Wie schwierig und langwierig Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei wären, ist unumstritten. Dass es aber sowohl für Europa als auch für den Rest der Welt höchst wünschenswert wäre diese Schwierigkeiten zu überwinden, das haben die USA offensichtlich besser erkannt als die Europäer selbst. Denn keineswegs erst seit Washington auf der Suche nach Bündnispartner gegen den Irak ist, bemüht sich die amerikanische Diplomatie in Brüssel um offene Türen für die Türkei.
Dahinter stehen die langftristigen geopolitischen Überlegungen von der ungeheuren Anziehungskraft, die ein fest im demokratischen Europa verankertes islamisches Land für den gesamten Orient hätte. Bietet doch die Kombination der bald ein Jahrhundert alten modernistischen Tradition des Kemalismus mit der demokratischen Sogwirkung der EU die Chance, jenen Schub an Aufklärung und Säkularisierung zu bewirken, der bisher in der islamischen Welt fehlt. Da auch den Europäern seit dem 11.September dämmert, wie wenig sie sich auf Dauer den destruktiven Folgen einer Dauerkrise der Welt des Islam entziehen können, müsste man eigentlich annehmen, dass dieser Aspekt den Entscheidungsträgern in Berlin, Paris und Brüssel nicht ganz gleichgültig ist.
Die aktuelle Diskussion verlief jedoch anders: den Ton gab Giscard d'Estaing mit seiner seither in unzähligen Zeitungskommentaren bis zum Überdruss wiederholten apokalyptischen Behauptung vom "Ende Europas", sollte die türkische Beitrittsperspektive konkreter werden. Schlimme Horrorszenarien von einer Überschwemmung der heimischen Arbeitsmärkte durch arbeitslose anatolische Bauern bis zu explodierenden Beitrittskosten für eine finanzielles Fass ohne Boden wurden da gezeichnet, die an die anfänglichen Ängste vor zehn Jahren beim Fall des Eisernen Vorhangs erinnern.


Ganz erklären lassen sich die ungewöhnlichen Emotionen mit den zahlreichen Sachproblemen allein nicht. Hat die EU doch bisher stets versucht, bei Beitrittskandidaten offene Fragen durch eine Kombination von langen Verhandlungen und tiefen inneren Reformen zu lösen. Ganz so, wie das auch bei den Problemfällen Bulgarien und Rumänien der Fall ist. Im Verhältnis zur Türkei schwingt jedoch eine ganz andere Frage mit: Teilen der europäischen Öffentlichkeit fällt offensichtlich die Erkenntnis schwer, dass der Staat, aus dem Putzfrauen und Hilfsarbeiter kommen, deren staatsbürgerliche Rechtlosigkeit man mit Zähnen und Klauen verteidigt, in Brüssel plötzlich als gleichberechtigter Partner am Verhandlungstisch sitzen könnte. Zum sozialen Dünkel kommen die noch viel tiefer sitzenden religiös argumentierten Ressentiments. In unserem ach so sekulären Kontinent, der sich gerne über die religiösen Bilder der politischen Sprache der USA lustig macht, wächst das Gefühl des Christenklubs, der sich plötzlich sehr wohl fühlt im Krieg der Kulturen. Da überrascht es nicht, dass auch die hohe türkische Geburtenrate als Bedrohungsszenario bemüht wird: selbst die klarsten Belege über die dramatischen Folgen der drohenden Überalterung Europas für das gesamte soziale Gefüge können die unseligen Umvolkungstheorien aus den Köpfen der Menschen offensichtlich nicht wirklich verdrängen. Im Aufwallen der antitürkischen Emotionen manifestiert sich einmal mehr jenes Ausmaß an Realitätsverweigerung, mit dem sich die europäische Politik bereits lange herumschlagen muss.
Denn nicht nur für die Türkei, der er Demokratisierungs und Menschenrechte bringen könnte, sondern auch für die EU selbst, hätte ein erfolgreicher Beitrittsprozeß höchst positive Auswirkungen. Ein türkischer Kommissar in Brüssel oder ein türkischer Regierungschef als EU-Vorsitzender wäre selbst in 10 oder 15 Jahren noch ein mächtiges Signal für die multikulturelle Wirklichkeit der europäischen Gesellschaft. Die Erkenntnis, wie lebenswichtig Einwanderung für Wirtschaft und Sozialsystem des alten Kontinents in den nächsten Jahrzehnten sein werden, könnte sich um einiges leichter durchsetzen.
Klar: wenn ein Klub allzu groß und unbeweglich wird, können die Vorteile einer Mitgliedschaft leicht verloren gehen. Ein EU-Mitglied Türkei würde hier allerdings nur ein Problem verschärfen, das spätestens seit dem Erweiterungsbeschluss vom 13.Dezember 2002 sowieso von größter Aktualität ist. An der Herausbildung eines Kerneuropas mit gemeinsamer Währung , Sicherheitspolitik, Armee und Wirtschaftspolitik wird dann endgültig kein Weg vorbei führen.
Ob der Annäherungsprozeß der Türkei an Europa anhält, läßt sich genausowenig mit Sicherheit voraussagen wie seine Länge. Nicht auszuschließen, dass man bei der ersten zarten Annäherung an Minderheitenrechte für die Kurden stehen bleibt und die Durchsetzung der Menschenrechte in der Praxis stockt. Jene hunderte linksextreme politischen Gefangene die seit Monaten in einem selbstmörderischen Hungerstreik mit dutzenden Toten stehen, haben von den Reformen der vergangenen Monate nur wenig gespürt. Die unvermeidliche Forderung, dass sich die Türkei der furchtbarsten Phase ihrer Vergangenheit, dem Völkermord an den Armenier stellt, kann unberechenbare Gegenreaktionen auslösen. Auch wirtschaftliches Chaos und ein Comeback der Generäle können nicht völlig ausgeschlossen werden. Ein solches Rollback wäre ein schlimmer Rückschlag nicht nur für die türkische Bevölkerung der Türkei, sondern auch für die EU.
Dass die Anziehungskraft der EU dagegen in die andere Richtung weist und einen mächtigen Faktor zur Stabilisierung und Demokratisierung auch eines islamischen Staates darstellt, das spricht für die europäische Idee und ihre Ausstrahlungskraft weit über die ursprünglichen Grenzen der Gründer hinaus. Der Weg der Türkei in die EU eröffnet beiden Seiten eine Chance, die schwerer wiegen sollte, als angebliche Grenzen der Geographie. Die wurden in der Geschichte sowieso recht flexibel gehandhabt, wenn man daran denkt, wie viele Jahrhunderte das Osmanische Reich fixer Bestandteil des europäischen Mächtespiels war und dass schließlich auch Troja, die Heimstätte des europäischen Urmythos schlechthin, auf türkischem Boden liegt.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann