Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Tschetschenienkrise, 8.8.2001

Boris Kagarlitzky, der Veteran der Anti-Kriegsbewegung in Russland, ist sicher: die Stimmung hat sich gewendet, noch deutlicher als gegen Ende des ersten Tschetschenienkrieges 1996 sei die Mehrheit der russischen Bevölkerung gegen Besatzungsregime und Krieg im Kaukasus. Nicht mehr der Triumph gegen die versprengte Rebellenarmee des aus dem Untergrund agierenden tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow sei der Wunsch der Menschen, sondern schlicht die Heimkehr der Soldaten von der Front. Die Propaganda des Regimes, seit der Entmachtung des regierungskritischen Medienmagnaten Wladimir Gusinski und dem Führungswechsel bei NTV so allgegenwärtig in den Medien, habe doch nicht gegriffen, freut sich Kagarlitzky in der "Nowaja Gazeta"..
Es waren Tausende, die sich Anfang Juli wie in den Zeiten der niedergehenden Sowjetunion am Moskauer Puschkin-Platz versammelt haben, um gegen das nicht enden wollende Zerstörungswerk im Kaukasus zu protestieren. Der Widerhall in den russischen Medien blieb minimal, ganz anders als 1996, als die russische Presse mit ihren ungeschminkten Kriegsberichten Boris Jelzin zum Rückzug zwang. Aber die Botschaft war klar: das tiefsitzende, alte Misstrauen gegenüber der Obrigkeit, ganz besonders in Kriegszeiten, gewinnt wieder die Oberhand. Fast zwei Jahre ist es her, dass Wladimir Putin in der damaligen Funktion des Premierministers von Jelzins Gnaden in der militärischen Eskalation einen raschen Ausweg aus der schwelenden Kaukasuskrise suchte, der ihn selbst ganz nach oben bringen sollte. Die furchtbaren Anschläge auf Wohnhäuser in Moskau und Rjasan, bis heute unaufgeklärt und den tschetschenischen Kämpfern zugeschrieben, taten das ihre, um das rassistische Unterfutter für diesen Feldzug zu liefern.
Dass Grosny eine vom Krieg zerstörte Geisterstadt ist, damit hat sich die russische Öffentlichkeit ebenso leicht abgefunden, wie der Westen. Auch die Flüchtlinge, die ohne Hoffnung in den Lagern der Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan dahinvegetieren, machen kaum mehr Schlagzeilen. Neu ist, dass dieser Krieg auch immer mehr die russische Gesellschaft belastet. Vor kurzem hat das "New York Times Magazine" die verzweifelte Suche der beiden Mütter Elena und Mascha nach ihren angeblich desertierte Söhnen dokumentiert: in Wirklichkeit waren sie von den eigenen Offizieren für ein paar Dollar an tschetschenische Banditen verkauft worden.
Nun scheint es langsam auch der obersten Führung in Moskau zu dämmern, wie groß die Gefahr ist. Erstmals hört man scharfe Worte gegen die Übergriffe der russischen Soldaten gegen die tschetschenische Zivilbevölkerung und selbst Wladimir Putin, der sich sonst stets vorbehaltlos hinter jede noch so brutale Operation gestellt hat, verlangt plötzlich von seinen Soldaten die "Einhaltung der Gesetze". Anlass waren ungewöhnlich brutale Überfälle der Militärs auf drei von der prorussischen Verwaltung des Mufti Achmed Kadyrow kontrollierte Dörfer, deren Bevölkerung sich in all den Jahren des Krieges auf die Seite der Russen gestellt hatte. Sernovodsk, nur wenige Kilometer von den Flüchtlingslagern in Inguschetien entfernt, war in der Nacht vom 3.zum 4.Juli von hunderten russischen Soldaten eingekreist, geplündert und verwüstet worden, zitiert die russische Tschetschenien-Expertin Anna Politkovskaja Augenzeugen: Kinder und Greise wurden mit gleicher Brutalität verprügelt, Fernseher, Teppiche und Schmuck gestohlen und all jene, die verdächtigt wurden Widerstandskämpfer gewesen zu sein, weil sie Invalid waren oder Narben hatten, erbarmungslos gefoltert, berichtet sie in der "Nowaja Gazeta". 700 Personen wurden verhaftet und entführt, darunter die gesamte lokale Verwaltung, Gemeindeälteste, Bürgermeister und Polizisten. Danach flogen Handgranaten in Häuser und Zelte. Nicht besser ging es in dieser Nacht den Dörfern Assinovskaja und Kurtschaloi.
Wenn man den Vertretern der tschetschenischen "Bojewiki", der Untergrundkämpfer folgt, dann sind solche Übergriffe seit Jahren an der Tagesordnung. Weil diesmal aber die prorussische tschetschenische Verwaltung betroffen war, gab es einen Aufschrei der Empörung in der Moskauer Presse. So mußte schließlich das Oberkommando für den Nordkaukasus "schwere Verbrechen" seiner Einheiten zugeben und das Innenministerium liess unter den eigenen Truppen Verhaftungen vornehmen. Tschetschenien ist wieder ein Top-Thema in der russischen Politik.
Das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer, denn ausser einem europaweit einzigartigen Zerstörungswerk hat die jenseits jeder demokratischen Kontrolle agierende russische Soldateska bisher nichts erreicht. Selbst die versprochene Ausschaltung der tschetschenischen Bojewiki, die mit ihren selbstmörderischen Operationen immer wieder Südrussland gefährden, ist nicht erfolgt, wie Ende Juli die jüngste Geiselnahme am Flughafen von Mineralni Vodi gezeigt hat. Daß Rußland seit dem Machtantritt Wladimir Putins eine politische Lösung nicht einmal versucht hat, gehört zu den ganz großen Negativa des gegenwärtigen Regimes: viele mit dieser Phase verbundenen bedrückenden Entwicklungen, von der schrittweisen Einschränkung der Pressefreiheit bis zum grassierenden Rassismus, können letztlich mit dem Tschetschenienkrieg in Verbindung gebracht werden.
Bestärkt wird diese verhängnisvolle Entwicklung durch die offensichtliche Gleichgültigkeit des Westen, die seit dem ersten noch von Boris Jelzin zu verantwortenden Tschetschenienkrieg vielleicht noch größer geworden ist. Dies gilt nicht nur für Staatsmänner und Regierungen: selbst in Strassen von Genua, wo anlässlich des G-8-Gipfels so gut wie jede das Schicksal dieses Planeten bewegende Frage ihre demonstrierenden Befürworter fand, blieb Tschetschenien nicht einmal ein Randthema. Nicht ganz verständlich, war Wladimir Putin doch der einzige unter den hohen Gästen, der seit nun bald zwei Jahren tatsächlich einen blutigen Krieg führt.
Gut möglich, dass die russische Bevölkerung das tschetschenische Black Out des Westens jetzt ausgleicht: wenn die Kriegsmüdigkeit wirklich so rapide anwächst, wie es scheint, dann könnte die Zahl jener steigen, die bemüht ist, die russische Politik aus der verhängnisvollen militärischen Logik von Terror, Gegenterror und Zerstörung zu befreien.

 

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