Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Tuerkische Fragen, 13.10.2005


Für einige Tage war sie wieder da: die Konstellation "Wir gegen den Rest der Welt", die österreichischen Politikern den Applaus der heimischen Öffentlichkeit sichert, im Rückblick dann aber zu blauäugigen Fragen führt, wieso uns das Ausland denn so wenig mag. 24:1 sieht offensichtlich diesseits und jenseits der rot-weiß-roten Grenzen, die sich so manche in ihrer alten Pracht wieder zurückwünschen, ziemlich anders aus. Vor allem weiß die humorlose EU die kabaretthaften Züge der österreichischen Politik nicht so richtig zu schätzen. Österreichische Politiker ballern gerne aus vollen Rohren, verkünden ungeachtet aller Fehlschüsse stolz ihren Sieg und gehen dann zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen. Bei Temelín half Günther Verheugen der Regierung aus der Patsche, und das seelenverwandte Tschechien zeigte letztlich Verständnis für die Gemütsschwankungen der südlichen Nachbarn. Die unvermutete Wiener Kehrtwende in der Türkei-frage fünf vor zwölf wurde jedoch zur grenzenlosen Überraschung der Akteure ernst genommen, in Ankara und Berlin ebenso wie in London und Washington. Und so muss sich das erschrockene Österreich in den Seiten der Financial Times schon als erster EU-Austrittskandidat beschrieben finden, sollte Wien sich mit der "kulturellen Verunreinigung Europas" durch einen türkischen Beitritt nicht abfinden.
Dieses Schlachtgetöse ist glücklicherweise ver-klungen. Der lange Verhandlungszeitraum gibt allen Seiten den dringend nötigen Spielraum zur Reflexion. Entscheidend ist, ob hierzulande die Diskussion um einen EU-Beitritt der Türkei im bisherigen Ton weitergehen wird oder ob man die Öffentlichkeit nicht endlich auch mit differenzierteren Überlegungen konfrontiert.
Dass ein so riesiges Unterfangen wie die Aufnahme von mehr als 65 Millionen türkischen, kurdischen, arabischen oder armenischen Bürgern der Türkei in die EU scheitern kann, ist klar. Der spektakuläre Demokratisierungsprozess am Bosporus könnte stecken bleiben. Auch das Risiko einer die EU zur Handlungsunfähigkeit verurteilenden internen Krise ist nicht auszuschließen. In beiden Fällen müsste die Suche nach Notlösungen beginnen, die dann hoffentlich in einer wie auch immer gearteten privilegierten Partnerschaft mündet.
Die in der österreichischen Öffentlichkeit gezüchtete Stimmung wendet sich jedoch grundsätzlich gegen einen EU-Beitritt der Türkei, selbst dann, wenn Ankara alle europäischen Standards erreicht hat. Wie sehr die Bürger der Türkei schon jetzt vom rasanten Weg aus einer Halbdiktatur in einen entstehenden pluralistischen Rechtsstaat profitiert haben, bestätigt jede halbwegs ernst zu nehmende Analyse. Die demokratische "Soft Power" Europas scheint intakt, ganz so wie in Spanien und Portugal vor drei Jahrzehnten, und das sollte doch eher ein Grund zur Freude sein als zum Jammern. Österreichische Regierungsvertreter, ob konservativ oder sozialdemokratisch, haben in der EU mit ihrer Stimme den Weg der Türkei in die EU geebnet. Wie wäre es, wenn sie sich einmal dieser längst überfälligen Grundsatzdiskussion stellen würden, statt den Bürgern ständig vorzugaukeln, dass die Türkei die nötigen Voraussetzungen sowieso nie schaffen wird?
Das Interesse des Westens an einer fest in der EU verankerten türkischen Demokratie wird paradoxerweise am engagiertesten von den USA vertreten, die ja bekanntlich in Ankara vor nicht allzu langer Zeit bereitwillig auch Generäle als Gesprächspartner akzeptiert haben. Inzwischen ist der Kalte Krieg dem Kulturkampf mit dem islamischen Fundamentalismus gewichen: Amerika hat sich trotz aller militaristischen Schlagseiten seines Antiterrorkampfs offensichtlich einen globalen Blick auf das Wesentliche bewahrt. Und wer will bestreiten, dass erfolgreicher europäischer Demokratieexport in Richtung Südosten ein Gewinn für alle Beteiligten wäre? Der Meinungskampf zwischen fundamentalistisch-faschistischen Strömungen und einem proeuropäischen, demokratischen Islam tobt schließlich in den Straßen von Ankara oder Istanbul ebenso wie in den Moscheen von London oder Amsterdam. Wie in kaum einer anderen Frage haben Amerikaner und Europäer parallele Interessen, wenn es um das Verhältnis islamischer Gesellschaften zur Demokratie geht. Selbst der Verdacht, die USA wünschen sich die Türkei als Trojanisches Pferd in der EU, das europäische Selbstständigkeitsbestrebungen verhindern soll, ist inzwischen überholt: In der heißesten Phase des Irakkriegs hat das türkische Parlament mit seinem Nein zum amerikanischen Truppendurchmarsch deutlich mehr Autonomie von den USA bewiesen als der amtierende EU-Präsident Tony Blair.
Der Ausgang des türkisch-europäischen Tauziehens wird nicht nur die Verfassung der Türkei, sondern auch das Wesen der EU bestimmen. Könnten universelle demokratische Werte plus soziale Marktwirtschaft noch als Grundlage der europäischen Integration angesehen werden, wenn man auch einer nach allen Regeln der Kunst als demokratisch approbierten Türkei den Zugang verweigern würde? Das ist in Wirklichkeit der Kern der Auseinandersetzung. Der holländische Autor Leon de Winter sieht die EU nach dem Beginn der Beitrittsverhandlungen als "seelenloses" Wesen an. Europa soll in der Türkeidebatte ganz offensichtlich auf seine jüdisch-christlichen Wurzeln verengt werden. Ein Schritt, den man dann gerne auch als Reaktion auf die Identitätskrise der EU nach den gescheiterten Verfassungsreferenden ausgibt. Es sind Erklärungen, die in Wirklichkeit aber nur davon ablenken, dass soziale Ängste um Arbeitsplatz und Lebensstandard einen viel größeren Anteil an der grassierenden EU-Skepsis ausmachen als der eingebildete Wettstreit zwischen Altar und Moschee.
Den einzig wirklich ernsthaften Einwand gegen das Ziel eines EU-Beitritts der Türkei hat die europäische Politik schon seit einiger Zeit irrelevant gemacht: Vereinigte Staaten von Europa würden sich wohl leichter realisieren lassen, wenn es gleichzeitig nicht schwierige neue Beitrittsverhandlungen gäbe. Aber den berühmten und zu Unrecht berüchtigten europäischen Bundesstaat will zurzeit sowieso niemand. Sollte die Idee wieder auferstehen, so wird das auf der ökonomischen Basis des Euro und über den Weg der privilegierten Partnerschaft innerhalb der EU passieren. Die Zahl der Mitgliedsstaaten in spe wird dann keine Rolle spielen.

 

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