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UNO-Ultimatum
an den Irak, 13.11.2002
Den Status Quo in der kolonialen
Welt Mittelasiens beenden und mit revolutionärem Schwung das morsche
britische Imperium von seinen schwächsten Glieder aus aufzurollen.
Das waren einst die großartig klingenden Ziele, die sich der bolschewistische
"Kongress der Völker des Ostens" im aserbeidschanischen
Baku im Herbst 1920 setzte. Die Kommunistischen Internationale stand am
Höhepunkt ihres weltrevolutionären Überschwangs. Noch waren
die großartigesten geopolitischen Umsturzpläne frisch, die
pragmatische Machtpolitik späterer Jahre fern.
Ähnlich revolutionär aber genauso unrealistisch klingt, was
zur Zeit aus den Think Tanks der amerikanischen Rechten zu hören
ist: da plädieren die neokonservativen Ideologen der "Rand Corporation"
um Richard Perle und Paul Wolfowitz dafür das gesamte internationale
System über Bord zu werfen und den Krieg gegen den Terrorismus zu
einer völligen Neuordnung der islamischen Welt auszuweiten. Ein prowestlicher
Irak, nach afghanischem Beispiel im Blitzkrieg erobert, demokratisiert
und reich an Öl, sollte Ausgangspunkt für Regimewechsel von
Teheran bis Kairo werden. Ohne eine ungeachtet der bisher geltenden Regeln
des Völkerrechts manu militari erzwungene Revolutionierung der gesamten
islamischen Welt sei die terroristische Bedrohung Amerikas nicht zu bannen,
so lautet das Argument.
Für den revolutionären Flügel der Regierung Bush stellt
die einstimmig angenommene Irak-Resolution des Sicherheitsrates einen
taktischen Rückschlag dar. Nicht der Regimewechsel in Bagdad ist
jetzt das erste Ziel, sondern die Entwaffnung des Irak. Erreicht soll
die Zerstörung irakischer Massenvernichtungswaffen durch jene UNO-Inspektoren
werden, die Verteidigungsminister Donald Rumsfeld noch im Sommer strikt
abgelehnt hatte. Der amerikanische Militäraufmarsch hat zwar beispiellosen
Druck ausgeübt, aber die Supermacht Amerika bleibt in das auch von
den selbstbewußten Franzosen, Russen und Chinesen mitgetragene System
der UNO eingebunden, das bei Vielen in Washington so verachtet wird. Ohne
eine Blockade der Inspektoren durch den IRak, die auch dem UNO-Sicherheitsrat
vorgetragen wird, ist eine US-Militäraktion undenkbar. In der amerikanischen
Außenpolitik haben sich vorläufig die vorsichtigen Pragmatiker
um Collin Powell gegen die neokonservativen Revolutionäre durchgesetzt.
Gewonnen hat der zwischen diesen beiden Flügeln taktierende George
Bush, dem das kontrollierte Säbelrasseln gegen den Irak nicht nur
den innenpolitischen Triumph eines unerwarteten republikanischen Sieges
bei den Kongresswahlen beschert hat, sondern die ebenso überraschende
Einstimmigkeit im UN-Sicherheitsrat gegen das irakische Regime. Zu den
Gewinnern gehören auch die Europäer: Tony Blair, der trotz aller
Solidarität mit George Bush stets gehofft hatte, einen in der eigenen
Bevölkerung höchst unpopulären amerikanischen Alleingang
zu vermeiden. Besonders aber Jacques Chirac, dessen bravouröse Diplomatie
Frankreich während acht Wochen fast in alter weltpolitischer Größe
erstrahlen ließ. Gerhard Schröder und Joschka Fischer haben
dem Franzosen mit ihrem harten "Nein" zu jedem Militäreinsatz
den Rücken gestärkt.
Die Weltpolitik wird auch in den nächsten Monaten von der Irakkrise
beherrscht bleiben. Diplomatische Winkelzüge des in die Enge getriebenen
Saddam Husseins sind ebenso zu erwarten wie ein weiterer Aufbau des militärischen
Drucks und spektakuläre Auseinandersetzungen um das Vorgehen der
UNO-Inspektoren. Nicht auszuschließen, daß die große
US-Invasion im Irak mit ihren unabsehbaren Folgen in der gesamten arabischen
Welt, von der die neokonservativen Hardliner in Washington träumen,
trotzdem ausbleibt. Denn einen Sturz des in der eigenen Bevölkerung
verhaßten Saddam Hussein-Regimes kann man sich durchaus auch als
Folge einer Kombination von aggressiven UN-Inspektionen, amerikanischem
Kleinkrieg aus der Luft und internationaler Totalisolation der Bagdader
Führung vorstellen. Zumindest innenpolitisch braucht George Bush
eine Irakkrise erst wieder 2003/2004. Wie schnell ein militärischer
Triumph im dritten Jahr einer Präsidenten-Amtszeit vergessen ist,
mußte schließlich zuletzt sein Vater erleben.
Militärexperten behaupten, dass die extreme Hitze des irakischen
Sommers einen amerikanischen Angriff später als im Februar oder März
höchst unwahrscheinlich machen. Es müßte eine Verschiebung
der Kriegspläne in den Winter 2003 geben, und dann hätte das
amerikanische Präsidentschaftswahljahr bereits begonnen. Ob die radikale
Anti-Terror-Rethorik des Präsidenten durch umsichtigen Pragmatismus
bei der realen Umsetzung ausgeglichen wird, wie das seit dem 11.September
2001 immer wieder der Fall war, oder ob sich die radikalen Hardliner doch
auch in der Praxis durchsetzen, muß sich somit in den nächsten
drei Monaten zeigen.
Zu einem politischen Debakel mit Langzeitwirkung drohen die außerhalb
der üblichen Rechtsnormen ablaufenden Methoden des "Kampfes
gegen den Terrorismus" inzwischen in einem anderen Bereiche zu werden.
Erstmals sind Ende Oktober vier Gefangene aus dem US-Anhaltelager für
"Al Quai'da"-Terroristen in Guantanamo ins heimatliche Afghanistan
und Pakistan entlassen worden. Sie wurden in Kabul vom proamerikanischen
Präsidenten Karsai in allen Ehren als unschuldige Opfer in allen
Ehren empfangen, darunter auch zwei hochbetagte Greise, die sagen, dass
sie 90 beziehungsweise 110 Jahre alt sind. Dass die amerikanische Regierung
auch über ein Jahr nach Beginn des Afghanistankrieges keinerlei Anstalten
macht, den Gefangenen von Guantanamo ein rechtsstaatliches Verfahren zu
gewähren, oder ihnen doch den Status von Kriegsgefangenen zu geben,
wiegt umso schwerer, als sich offensichtlich keine zentrale Führungsfiguren
von "Al Qua'ida" darunter befinden. Auch Iraker und Palästinenser
gibt es übrigens nach vorliegenden Informationen unter den Gefangenen
von Guantanamo keine.
Führende Terroristen sollen dagegen unter den sechs Personen gewesen
sein, die Anfang November in ihrem Auto von einer amerikanischen Rakete
im Jemen getötet wurden. Einer der Getöteten war nach CIA-Informationen
im Oktober 2000 für den Angriff auf die USS Cole verantwortlich.
Ob die Beweise überzeugend sind und der Prüfung eines ordentlichen
Gerichts standhalten, ob sie schwach sind oder gar so haltlos, wie bei
den irrtümlich festgenommenen Guantanamo-Haftlingen, wird man nie
erfahren, denn der Mann wurde "gezielt getötet". Dass das
US-Außenministerium noch im vergangenen Frühjahr "gezielte
Tötungen" durch die israelische Armee als menschenrechtswidrig
angeprangert hat, scheint vergessen.
Der historische Vergleich rechter und linker Weltrevolutionäre wirkt
in diesem Fall nicht gerade beruhigend. Hielt sich doch auch bei den Erben
der Bolschewiki die Mißachtung rechtsstaatlicher Normen deutlich
länger als der revolutionäre Enthusiasmus.
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