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US-Wahljahr,
8.3.2000
Amerikanische Wahljahre sind
längst nicht mehr nur für die USA Weichenstellungen mit Langzeitfolgen:
Bill Clintons Aufstieg 1992 markierte weltweit das Ende der konservativen
Achtzigerjahre. Für europäische Sozialdemokraten eröffneten
sich nun neue Perspektiven in der durch das Ende des Kalten Krieges geänderten
Wirklichkeit. 1996 brachte die erfolgreiche Abwehr des Frontalangriffs
der unter dem Slogan der "konservativen Revolution" angetretenen
neuen Rechten. Davon haben sich die Konservativen bis heute weltweit nicht
erholt.
Mit einem Generalmotto für das Wahljahr 2000 tut man sich jedoch
schwer. Noch im vergangenen Herbst schien es so, als ob die allseits beklagte
"Clinton fatigue", die Überdrüssigkeit mit der Chronique
Scandaleuse der bisherigen Administration die Erfolgschancen sowohl Al
Gores als Präsidentschaftskandidat als auch Hillary Clintons in New
York minimieren würde. In der Zwischenzeit schwebt über dem
amtierenden Präsidenten jedoch ein Hauch der Nostalgie eines möglicherweise
demnächst zu Ende gehenden goldenen Zeitalters des wirtschaftlichen
Aufschwungs und der sozialen Harmonie. Al Gore hat sich vom Image des
langweiligen zweiten Mannes emanzipiert und erfolgreich die Repositionierung
zum engagierten Kämpfer durchgeführt. Der wirklich interessante
Richtungsstreit findet inzwischen innerhalb des konservativen Lagers zwischen
George Bush jr. als Kandidat des republikanischen Establishments und dem
rebellischen Krieghelden John McCain statt.
War noch 1996 Bob Dole unter dem Schatten der rechten Revolutionäre
um Newt Gingrich gestanden und gescheitert, so hatten die Republikaner
diesmal gehofft mittels des "mitfühlenden Konservativismus"
von Präsidentensohn George "W" Bush die erfolgsversprechende
Mitte erobern zu können. Die dahinterstehende Grundannahme lautete,
daß sich die parteiintern mächtige aber bei der breiten Masse
der Wähler unpopuläre fundamentalistische Rechte aus Parteiraison
zurückhält. So gut wie alle Sprecher der "Christlichen
Rechten" sprachen sich denn auch im innerparteilichen Vorwahlkampf
planmäßig für den als gemäßigt auftretenden
Gouverneur von Texas aus. Diese falsche Einheit der großen alten
Partei des amerikanischen Konservativismus ist jetzt wieder aufgebrochen.
John McCain, der das republikanische Parteiestablishment frontal angehende
eigenwillige Senator aus Arizona mit der Heldengeschichte aus dem Vietnamkrieg,
strahlt weit über die traditionelle Wählerschaft der Republikaner
hinaus. Seine Erfolge in einer ganzen Reihe von Vorwahlen Anfang des Jahres,
sind auf eine Besonderheit des Vorwahlrechts mancher US-Bundesstaaten
zurückzuführen, die es auch Demokraten oder Parteifreien erlaubt,
sich an den Vorwahlen der Republikaner zu beteiligen. McCain hat mehr
Nichtrepublikaner für sich gewinnen können als jeder andere
Kandidat. Ihm geben die Pundits die besten Chancen im Herbst auch Al Gore
zu schlagen.
Genau dieser Kurs brachte den Senator jedoch in scharfen Gegensatz zu
den christlich-fundamentalistischen Größen der eigenen Partei.
Der Streit hat, ganz ähnlich wie bei den innerkonservativen Auseinandersetzungen
in Europa auch, mit dem Verhältnis zu Minderheiten, Rassismus und
Toleranz zu tun. Hatte doch George Bush im Werben um Wähler vom rechten
Rand in South Carolina die Bob Jones University besucht, in der Flirts
zwischen Studenten unterschiedlicher Hautfarbe verboten sind und in der
die Katholische Kirche - in den USA traditionell auf der Seite von Minderheiten
und sozial Schwachen - als teuflische Sekte gilt. In der sich daraus entwickelnden
Polemik legte sich der bekannt cholerische McCain mit finanzstarken Fernsehpredigern
wie Pat Robertson und Jerry Falwell an. Die allerdings kontrollieren inzwischen
einen großen Teil des republikanischen Parteiapparats. Ein Kampf
um die Seele des amerikanischen Konservativismus ist ausgebrochen, in
dem McCain allerdings die nicht die besten Karten haben dürfte. "McCain
Goes to War" kommentiert denn auch die "New York Times".
Dieser "Krieg" muß an unvergleichlich mehr Fronten geführt
werden, als etwa ein europäischer Wahlkampf. Der liberale Nordosten
Neuenglands ist ebenso Kampfgebiet wie der christlich-fundamentalistische
"Bible Belt" des Südens. Das multikulturelle New York will
genauso erobert werden wie der protestantisch-weiße Midwest. Hinterwäldlerische
Landidyllen in den Rocky Moutains ebenso wie die High Tech Zentren Kaliforniens.
Vielfalt und Größe des Landes erklären einen großen
Teil der für Europäer so eigenartig erscheinenden Seiten der
amerikanischen Politik: die überragende Rolle des Fernsehens, die
endlose scheinende Länge des Wahlkampfes, die ungeheuren Geldmittel,
die eingesetzt werden. Wenn man jedoch überlegt, wie ungeheuer schwierig
es wäre, wenn auch in Europa Konservative und Sozialdemokraten für
einen gesamteuropäischen Urnengang um einen Kurs und einen Kandidaten
ringen müßten, der in Paris ebenso chancenreich sein müßte
wie in Wien, im skandinavischen Norden ebenso wie in Sizilien oder im
portugiesischen Alentejo, dann wird man der amerikanischen Prozedur den
Respekt nicht verweigern.
Die wurde übrigens dieses Jahr um eine unerwarteten Facette reicher:
die nicht enden wollende Reihe von sehr inhaltsreichen und detaillierten
Fernsehdebatten der Kandidaten, die so ganz der sonst üblichen reinen
Personality Show widersprechen. Von der Abtreibungsfrage und der Schußwaffenkontrolle,
über das Budgetdefizit und die Parteienfinanzierung, bis zum Gesundheitssystem
und den Schulen kommen zahlreiche offene Fragen zur Sprache. Die ganz
großen Schandflecke Amerikas wie Todesstrafe und Armut sind nach
wie vor nicht darunter. Aber immerhin ein erfreuliches Zeichen, daß
Sieben-Sekunden-Soundbites im Wahlkampf out sind.
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