Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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USA-Iran: Wechselnde Allianzen, Falter, 20.1.2004

Das politische Teheran erinnert in vieler Hinsicht seit langem an Moskau in den letzten Jahren der Sowjetunion: eine in die Jahre gekommene ehemalige Revolutionsideologie, die das öffentliche Leben bestimmt, an die aber niemand mehr wirklich glaubt. Der lähmenden Uniformität des Straßenbildes, im Iran geprägt durch absurde Kleidervorschriften, steht die lebendigste Vielfalt hinter den privaten eigenen vier Wände gegenüber. Der alte Schlachtruf "Tod Amerika" beim Freitagsgebet im Iran ist ganz so ausgelaugt wie die rituellen antiimperialistischen Bannflüche der Kommunisten im sogenannten "real existierenden Sozialismus". Viele iranische Jugendliche sind so von Amerika begeistert, dass sie westlichen Journalisten zuflüstern, sie könnten es nicht erwarten, bis endlich die GIs kommen um auch in ihrem Land mit den korrupten Regierenden aufzuräumen.
Das politische System entspricht einer klassischen Situation der Doppelherrschaft: zwei miteinander rivalisierende Machthierarchien kämpfen um die Vorherrschaft. Parlament, Regierung und Präsidentschaft , die Hochburgen der Reformer, beziehen ihre Legitimität aus den seit Jahren anhaltenden Wahlerfolgen der demokratischen Reformer. Dagegen steht die aus der Islamischen Revolution abgeleitete Legitimität der religiösen Hierarchie mit ihrem entscheidenden Vetorecht über alles und jedes, was im Land passiert.
Das labile Gleichgewicht dieser Konstellation ist jetzt unter der doppelten Wucht der Erdbebenkatastrophe von Bam und des amerikanischen Vormarsches im Irak zusammengebrochen. Die verängstigten iranischen Reformer sprechen im Zusammenhang mit der Streichung tausender reformistischer Kandidaten für die Parlamentswahlen im Februar von einem "kalten Staatsstreich". Durchaus möglich, dass ein Deal hinter den Kulissen den Schlag im letzten Augenblick entschärft und den Reformern die gefürchtete Totalkonfrontation erspart. Aber auch das wird nur eine kurze Atempause sein. Denn der Iran steht vor entscheidenden Weichenstellungen und die können nur von einer Führung getroffen werden, die fest im Sattel sitzt.
Vor allem muss der Iran entscheiden, wie er mit der neuen Großmacht der Region umgeht: den USA. Wie handlungsunfähig Teheran gegenwärtig ist, das hat sich bei der Ablehnung der amerikanischen Avancen rund um die Erdbebenhilfe für Bam gezeigt. Elizabeth Dole, ehemalige Präsidentin des amerikanischen Roten Kreuzes und prominente republikanische Senatorin, hätte gemeinsam mit einem Mitglied aus der Familie Bush in das Katastrophengebiet reisen sollen. Eine symbolische Geste, mit der klaren Botschaft: die Regierung Bush ist bereit mit dem einstigen Mitglied der "Achse des Bösen" ins Geschäft zu kommen. Auch der Iran wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Entspannung mit den seit dem 11.September unberechenbar gewordenen Amerikanern. Der Fraktionskampf in Teheran macht eine sinnvolle Strategie jedoch unmöglich. Die Reformer in der Regierung glauben sich die von großen Teilen der Bevölkerung ersehnte Öffnung zu den USA nicht erlauben zu können, weil sie sonst von den Mullahs als Verräter denunziert werden. Für die Konservativen wiederum ist ein Schwenk in Richtung Realpolitik erst nach dem Sieg im internen Machtkampf vorstellbar. Dass die Mullahs dazu grundsätzlich bereit sind, haben sie mit ihrer Zustimmung zu den von der Atomenergiebehörde gewünschten strengeren Kontrollen der Nukleareinrichtungen bewiesen: die frohe Botschaft überbrachte den um Dialog bemühten Europäern nicht Präsident Mohammed Khatami, sondern ein Abgesandter des obersten geistigen Führers Ali Khamenei namens Hassan Rohani.
Versuche republikanischer Administrationen in Washington, ungeachtet aller Feindschaftsbeteuerungen, mit den iranischen Ayatollahs ins Gespräch zu kommen, hat es schon früher gegeben. Anno 1986 flog der legendäre Oliver North mit Sicherheitsberater Robert McFarlane im Auftrag Ronald Reagans in einem getarnten israelischen Flugzeug mit Bibel und Kuchen als Gastgeschenke nach Teheran, um in einem großen Tauschgeschäft Freiheit für Geiseln im Libanon und Waffen für die nikaraguanischen Contras auszuhandeln. Noch viel dringender als damals braucht Washington heute iranische Hilfe bei der Stabilisierung des Irak. Denn immer mehr wird die Einbindung der Schiiten zur Schlüsselfrage der amerikanischen Nachkriegsstrategie im Irak. Der prominenteste Schiitenführer Großayatollah Ali al-Sistani befindet sich mit seiner populären Forderung nach freien Wahlen auf Konfrontationskurs zu US-Zivilverwalter Paul Bremer. Das gesamte schöne Konzept einer feierlichen Machtübergabe an eine über Notablenversammlungen gewählten aber letztlich von den USA bestimmten provisorische irakische Regierung, genau getimed vier Monate vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, ist vom Scheitern bedroht. Paul Bremer hat bei Sistani bisher nicht einmal einen Gesprächstermin bekommen: die konservativen iranischen Mullahs, ihre zahlreichen Geheimdienste mit ihren Verbindungen in den Irak könnten da erfolgreicher sein, vorausgesetzt Teheran und Washington einigen sich auf eine gemeinsame Vorgangsweise.
Wie wenig den iranischen Konservativen Wahlen am Herzen liegen, das haben sie in den letzten Wochen zur Genüge demonstriert. Unvermutet könnte sich ein Tauschgeschäft anbieten: der Iran kommt aus der Schusslinie der USA, die Regierung Bush in Washington findet sich mit der Herrschaft der Mullahs genauso ab wie einst Richard Nixon mit dem kommunistischen China unter Mao Tse tung. Im Rahmen einer Normalisierung der amerikanisch-iranischen Beziehungen würde man sich auch auf Einflusssphären im Irak einigen, im Gegenzug müssten die Iraner die schiitische Demokratiebewegung des Nachbarlandes bremsen.
Verhandlungen hinter den Kulissen zwischen Washington und Teheran gibt es ungeachtet der streitbaren Rhetorik auf beiden Seiten seit langem.
Anders als die Europäer hat die Regierung Bush nie an die Durchsetzungskraft der Reformer um Präsident Mohammed Khatami geglaubt. Und neue Fronten will der Präsident in einem Wahljahr nicht aufmachen. Die neokonservativen Visionen weiterer proamerikanischer Umstürze in der Region wurden daher vorläufig aufs Eis gelegt. Noch ist allerdings unklar, über welche Dynamik die gegen die US-Besatzer gerichteten schiitischen Bewegung im Irak tatsächlich verfügt, und noch ist auch der Machtkampf im Iran nicht entschieden. Aber in einer Region, in der alle Machtverhältnisse ins Rutschen gekommen sind, muß man auf die überrschendsten Allianzen gefasst sein.



 

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