Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Verhandeln!, 31.10.2007


Der türkische Konservative Recep Erdogan und Spaniens sozialistischer Premierminister José Luis Zapatero haben politisch nicht sehr viel gemeinsam. Trotzdem stecken sie in einem vergleichbaren Dilemma. Weil die baskische Untergrundorganisation ETA ihre Anschläge wieder aufgenommen hat, ist die gesamte frühere Verhandlungsstrategie der Madrider Linksregierung in Verruf geraten. In Ankara muss sich die regierende islamische Partei von den Militärs und einer aufgewühlten Öffentlichkeit vorwerfen lassen, erst ihre Konzessionen an die Kurden hätten die Wiederauferstehung der PKK ermöglicht. Im türkisch-irakischen Grenzgebiet stehen Zehntausende türkische Soldaten zum Einmarsch bereit, weil die kurdischen Kommandos von irakischem Gebiet aus operieren. José Luis Zapatero wiederum könnten die Terroranschläge der ETA den Sieg bei den Parlamentswahlen 2008 kosten. Denn in Spanien geht es nicht nur um die Sicherheit von Städten und Touristenzentren. Die Bomben der ETA wurden zu einem Symbol für die Tiefschläge, die den spanischen Zentralstaat schwächen. Zumindest das Baskenland und Katalonien sind zum Absprung bereit. Die in Katalonien brennenden Porträts des Königs Juan Carlos, der doch immerhin einst half, die Demokratie zu retten, haben Panik in der politischen Klasse Madrids ausgelöst.
Beide Organisationen, die baskische ETA und die kurdische PKK, sind vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Unterdrückung und Gewaltherrschaft entstanden. Baskisch und Kurdisch waren lange Zeit streng verbotene Sprachen. In dem im Bürgerkrieg republikanischen Baskenland hatte man die siegreiche Franco-Diktatur stets als Fremdherrschaft empfunden. In der Türkei schickte der Generalstab noch in den Siebzigerjahren seine Soldaten aus, um kurdische Dörfer zu zerstören, als gelte es, einer gegnerischen Armee den Garaus zu machen.
Parteigründer Abdullah Öcalan führte die PKK wie eine Sekte, gestützt auf maoistische Lehrsätze inklusive des unvermeidlichen Personenkults um den großen Führer. Am 1. Mai marschierten die Anhänger der Kurdischen Arbeiterpartei auch auf der Wiener Ringstraße hinter den grimmigen Porträts von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und eben Öcalan. Nicht wenige linke Kurden, die als türkische Gastarbeiter nach Europa gekommen waren, glaubten, in der militaristischen Organisation die adäquate Antwort auf die alltäglichen Misshandlungen durch die türkischen Behörden gefunden zu haben. Bis Abdullah Öcalan 1999 in einer Nacht- und-Nebel-Aktion des türkischen Geheimdienstes in Kenya gekidnappt wurde. Vor dem Militärgericht auf einer Insel im Marmarameer machte er eine derart jämmerliche Figur, dass seine Organisation für immer diskreditiert schien.
Die heutige PKK ist das Resultat eines mehrmaligen Spaltungsprozesses nach Versöhnungsaufrufen Öcalans aus dem Gefängnis und zerstörerischen Fraktionskämpfen. Die neue Organisation will die tiefgreifende Demokratisierung der Türkei, die mit dem Beitrittsprozess zur Europäischen Union Hand in Hand gegangen ist, nicht zur Kenntnis nehmen. Nicht mehr die Forderung nach demokratischen Rechten steht im Vordergrund ihres Kampfs, sondern Nationalismus in seiner radikalsten Ausprägung, der im staatlichen Zusammenschluss aller von Kurden bewohnten Gebiete der Türkei, des Irak, des Iran und Syriens das Ziel sieht. Dieses Ziel treibt Hunderte, möglicherweise Tausende junge Leute, darunter auffällig viele Frauen, in die Trainingscamps der Untergrundorganisation. Die iranische Teilorganisation der PKK soll amerikanische Sonderkommandos so beeindruckt haben, dass die Gruppe - Terrorismus hin, Terrorismus her - in ihrem Kampf gegen Teheran jetzt auch von US-Quellen unterstützt wird.
In der baskischen ETA ist nur mehr ein winziger aktiver Kern von einigen Dutzend Militanten übriggeblieben. Die vereinten Kräfte der spanischen und französischen Antiterroreinheiten, zahlreiche Spaltungen und ein engstirniger Militarismus haben die einstige Befreiungsorganisation, die Francisco Franco trotzte, auf einen Schatten ihrer selbst reduziert. Trotzdem: Sogar nach dem Verbot der ETA-nahen Batasuna-Partei stehen 15 bis zwanzig Prozent der Basken hinter den Befürwortern der Unabhängigkeit um jeden Preis. Im Baskenland spricht die Mehrheit längst Spanisch. Ein geplantes Unabhängigkeitsreferendum der gemäßigten Baskischen Nationalpartei PNV jagt in Madrid den Politikern jeder Couleur trotzdem Angst und Schrecken ein.
Für den bewaffneten Kampf gibt es im boomenden Spanien ebenso wenig eine Rechtfertigung wie in der sich demokratisierenden Türkei. Beide Staaten erleben die offensten und liberalsten Phasen ihrer jüngeren Geschichte. Eine gewalttätige Untergrundbewegung, die ihre Wurzeln primär in vergangenem Unrecht hat, gehört in solchen Situationen zu den schwierigsten Herausforderungen. Die Aufforderung zurückzuschlagen ist populär, jede militärisch-polizeiliche Überreaktion kann jedoch die liberalen Errungenschaften infrage stellen.
Europa hat bisher mit zurückhaltendem Verständnis auf die Antiterrordrohungen der türkischen Führung reagiert. Das macht Sinn nach dem hohen Blutzoll, den die türkische Armee in den letzten Wochen zu verzeichnen hatte. Verständnisvollen Freunden hört man eher zu als notorischen Nörglern. Aber der Irak ist eine Falle. Würde die türkische Armee sich auf einen grenzüberschreitenden Antiguerillakrieg einlassen, dann käme eine Dynamik in Gang, in der leicht die gesamte Kurdenregion des Irak in Flammen aufgehen könnte. Eine selbstbewusste irakische Kurdenprovinz, vielleicht gar mit den Ölressourcen von Kirkuk, ist den türkischen Hardlinern seit langem ein Dorn im Auge. In Ankara könnten die Militärs wieder versuchen, den Ton anzugeben. Mit unabsehbaren Folgen für die türkische Demokratie.
Die militärische Logik der gegenseitigen Ausschaltung ist untauglich für die Auseinandersetzungen in demokratischen Gesellschaften. Um aus der rein militärischen Logik herauszukommen, sind Verhandlungen der einzige Weg, egal, wie viele Rückschläge es dabei geben kann. So wie Tony Blair im Geheimen das Gespräch mit der IRA suchte, sollte auch Recep Erdogan seine Fühler in Richtung PKK ausstrecken. Dass frühere türkische Regierungen Waffenstillstandsangebote der Untergrundkämpfer immer hochnäsig abgelehnt haben und es nie ein Amnestieangebot für die PKK gegeben hat, erweist sich jetzt als Bumerang. Ähnlich die Situation in Spanien: Sind in Madrid einmal die Wahlen geschlagen, sollte es auch zu einem Überdenken des gegenwärtigen harten Kurses gegen den baskischen Nationalismus kommen. Schließlich beweist ein Blick in die Geschichte, dass man mit Terroristen immer irgendwann zu verhandeln beginnt, egal, was für martialische Töne es zuvor gegeben hat.


 

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