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Historiker und Journalist |
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| "Falter" - Artikel | |||
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Verpasste Chance, 30.6.2004
Rechtzeitig zum Erscheinungstermin der Clinton-Memoiren, denen so enttäuschend
wenig Neues über die letzte demokratische Präsidentschaft zu
entnehmen ist, liefern Freunde und Vertraute des Expräsidenten um
Hollywoodproduzent Harry Thomason die politische Begleitdokumentation:
"The Hunting of the President" erinnert in 89-Film-Minuten an
die düstere Allianz von halbseidenen Clinton-Feinden aus Arkansas,
christlichen Fundamentalisten und dem Medienimperium des rechtsradikalen
Milliardärs Richard Mellon Scaife, die schließlich in der zweiten
Amtszeit zum Impeachmentverfahren geführt hat. Die Clinton-Getreuen
sahen in Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr, heute auf dem lukrativen Posten
des Präsidenten der von eben diesem Scaife finanzierten christlich-fundamentalistischen
Pepperdine University in Kalifornien, nicht mehr und nicht weniger als
die Speerspitze eines republikanischen Putschversuches gegen einen zwei
Mal demokratisch gewählten Präsidenten. Tatsächlich: Ein
Impeachmentverfahren wegen eines persönlichen V Dennoch ist die Rehabilitierung des Bill Clinton trotz der geballten Ladung PR nicht gelungen. . Der Rückblick ruft vor allem die peinlichen und skandalträchtigen Seiten seiner Präsidentschaft in Erinnerung. Denn eine prägende Weichenstellung, wie sie Ronald Reagan ein Jahrzehnt zuvor in die konservative Richtung von weniger Staat und verstärkter Privatisierung vollzogen hat, ist Clinton nicht gelungen. Wohl erscheint eine Wirtschaftspolitik, die zur Erhöhung der Mindestlöhne geführt hat, die Börse boomen ließ und gleichzeitig - unter dem massiven Druck der konservativen Revolutionäre um Newt Gingrich - ein ausgeglichenes Budget geschafft hat, heute in rosigem Licht. Die Luftschlösser eines "Dritten Weges", die Bill Clinton auf internationalen Konferenzen mit Tony Blair, Gerhard Schröder und Romano Prodi zeichnen ließ, kontrastieren mit dem Hang seines Nachfolgers zu Alleingängen. Mit der Gesundheitsreform, die das Leben von Millionen Amerikanern auf Dauer geändert hätte, ist er jedoch gescheitert. Ebenso wie beim Versuch, noch im letzten Moment den israelisch-palästinensischen Frieden zu erzwingen. Der Hass gegen Clinton im konservativen Lager hatte jedoch weniger mit
seiner Politik zu tun, als mit seiner sozialen Herkunft: ein demokratischer
Präsident aus einem Milieu, das als white trash verachtet wird, erschien
vielen konservativen Traditionalisten als Gipfelpunkt der Illegitimität.
Das mag es vielleicht sogar gerechtfertigt erscheinen lassen, dass Clinton
in seinen Lebenserinnerungen über Hunderte von Seiten seine Familiengeschichte
ausbreitet. Die manische Selbstbezogenheit ist wohl erwartbar für
Präsidentenmemoiren. Bei aller Sucht nach Harmonie lässt Clinton
aber auch die dunklen Seiten nicht aus: die segregierten Schulen, in die
er in Arkansas gegangen ist, und sein Erstaunen über den Rassismus
der Mitschüler. Das macht ihn wieder sympathisch. Schon die Mutter
habe als Kleinkind für den Ausdruck "Nigger" eine Tracht
Prügel bekommen, erklärt Clinton die ungewöhnliche antirassistische
Tradition der Familie. Als er in den Sechzigerjahren auf Besuch in New
York wissen will, ob das schöne Upperclass In der demokratischen Basis ist Clinton nach wie vor populär. Die
Erinnerung an die barocke Figur des hoch intelligenten und energiegeladenen,
aber desorganisierten und letztlich selbstzerstörerischen Mannes
aus dem Volk im Weißen Haus wirkt angesichts der von Terrorismus
und Krieg geprägten Aktualität beinahe nostalgisch. Doch letztlich
überwiegt auch bei den Demokraten das Gefühl einer verpassten
Chance: Robert Reich, langjähriger Arbeitsminister, spricht von Clinton
als der verschwendeten größten politischen Begabung der Demokraten
in Jahrzehnten. Er hätte das Potenzial gehabt, dem Land eine gesellschaftspolitisch
neue Richtung zu geben, beschränkte sich aber darauf, die aufsteigende
konservative Welle zu blockieren, indem er viele ihrer Ideen übernahm.
Schließlich sei selbst das ausgeglichene Budget, für das die
Regierung Clinton dringend nötige Investitionen in Ausbildung, Forschung
und Training gestrichen hatte, und auf das der Expräsident auch heute
noch so stolz ist, von der Regierung Bush ohne mit Das Bemerkenswerteste an seiner Präsidentschaft bleibt die Hartnäckigkeit, mit der er sich schließlich erfolgreich dem Amtsenthebungsverfahren widersetzt hat. Dass es dabei um den berühmten "Blow Job" ging, hinterlässt das Gefühl, hier sei viel Lärm um nichts gemacht worden. Nicht ganz zu Recht. Denn die Episode hat die Anfälligkeit des politischen Systems der stärksten Macht der Erde gezeigt, destabilisierendem Druck des rechten Randes nachzugeben. Liberale Demokraten sehen eine beunruhigende Linie der Kontinuität vom missionarischen Eifer, mit dem Kenneth Starr seine Staatsanwälte ausschickte, um Aussagen gegen Clinton zu erzwingen, bis zur Beugung des Rechtsstaats durch George Bushs Justizminister. Mit dieser Realität wird auch ein Präsident John Kerry rechnen müssen, sollte er den Umschwung an den Urnen schaffen.
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