Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Verwirrende neue Welt, 21.12.2005


Wie hat Chile das geschafft? Noch vor zehn Jahren erinnerte das europäischste Land Lateinamerikas gespenstisch an die deutsche oder österreichische Nachkriegszeit. Die Sieger von damals waren die Opportunisten von einst. Wer der Opfer der Pinochet-Diktatur gedachte, erschien als hoffnungsloser Anachronist, so ähnlich wie das österreichischen Februarkämpfern in den Anfangsjahren der großen Koalition gegangen ist. In den chilenischen Kasernen galt Pinochet als unantastbares Idol. Das Porträt des Diktators hing in allen Amtsstuben des Militärs, das auch nach der Wende zur Demokratie unverändert die faschistoide Ideologie der Vergangenheit verteidigte.
Inzwischen befindet sich der Exdiktator wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption unter Hausarrest. Die meisten Amnestiegesetze für die Jahre der Militärdiktatur sind außer Kraft. Seit sich im Skandal um die Washingtoner Riggs Bank herausgestellt hat, wie viele Millionen der angebliche Saubermann zur Seite geschafft hat, ist selbst in der chilenischen Rechten die Begeisterung für den Exdiktator verschwunden. Pinochet? Der ist nicht einmal mehr wichtig genug, um als Schatten über dem Chile von heute wahrgenommen zu werden, so ein prominenter Berater der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet, die als haushohe Favoritin für die am 15. Jänner bevorstehende Stichwahl gilt.
Michelle Bachelet wäre die erste Präsidentin Lateinamerikas, mit ihrer Familie ist sie einst von der Militärdiktatur ins Exil getrieben worden. Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Die vereinigte Rechte glaubt nach dem Debakel im ersten Wahlgang Anfang Dezember an eine zweite Chance gegen Bachelet. Trotzdem ist die unverheiratete Mutter zweier Kinder und Tochter eines Allende-treuen Luftwaffengenerals zum Symbol für den Wandel eines Landes und eines ganzen Kontinents geworden. Eine Frau, die sich selbst als agnostisch bezeichnet, aufgewachsen in Australien und in der DDR und mit gesunder Skepsis gegenüber dem großen Bruder USA, als Favoritin im Wahlkampf eines tiefkatholischen Landes wie Chile! Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Heute steht Michelle Bachelet für einen linken Aufbruch in ganz Lateinamerika.
Nach Brasilien, Argentinien, Uruguay, Venezuela und Bolivien könnten in den nächsten Monaten auch in Mexiko und Peru linke Präsidenten an die Macht kommen. Selbst in Nicaragua, wo das Trauma des von den USA angestifteten Bürgerkriegs nach der sandinistischen Revolution nicht überwunden ist, rechnet sich Sandinistenführer Daniel Ortega gute Chancen aus. In jedem einzelnen Fall mag der politische Stimmungswechsel spezifische Gründe haben. Aber die Gemeinsamkeiten der aufstrebenden neuen Führungen sind nicht zu übersehen. Von Privatisierungen will man nichts mehr wissen. Deregulierung und Sozialabbau sind out, soziale Solidarität ist in. Dem Internationalen Währungsfonds begegnet man mit kühler Distanz, manchmal auch mit Hohn und Spott. Dem im irakischen Morast gebundenen großen Bruder USA treten die Vertreter dieses neuen Lateinamerika mit ungewohntem Selbstbewusstsein entgegen. Mit Brasiliens Lula an der Spitze fordern sie geänderte und für die Staaten des Südens günstigere Spielregeln auf dem internationalen Parkett.
Manche Versatzstücke sozialistischen Gedankengutes mögen unausgegoren klingen, aber zumindest produziert Lateinamerika zurzeit im Überfluss, was den Europäern fehlt: Ideen, große Würfe und politische Visionen, egal aus welchem der demokratischen Lager sie kommen. Die große europäische Enttäuschung der letzten Monate war diesbezüglich Tony Blair, der ursprünglich mit dem "dritten Weg" von New Labour sogar so etwas wie eine ideologische Neubelebung des politischen Diskurses versucht hatte. Blair erwies sich als der schlechteste Präsident, den die EU seit langem hatte. Der charismatischste Politiker des Kontinents, der als einer der ganz wenigen europäischen Regierungschefs seine Kommunikationstalente in Deutschland ebenso wie in Polen, Italien oder Schweden hätte entfalten können, zog es vor, zu so gut wie allen großen europäischen Fragen zu schweigen. Die Zukunft der EU-Verfassung? Gemeinsame Epidemiebekämpfung rund um die Vogelgrippe? Die geheimen CIA-Gefangenentransporte? Der amtierende EU-Präsident hatte eine vielversprechende Rede vor dem Europäischen Parlament gehalten und war danach nirgends mehr zu sehen oder zu hören.
Immerhin beweist der Budgetdeal vom Wochenende, dass die Sogkraft der Europäischen Integration doch stärker ist als die nationalistischen Pirouetten vieler tonangebender Politiker. Das ungeliebte real existierende Europa bietet in einer labilen Welt ein Ausmaß an Stabilität, das auch zu Regierungsehren gekommene populistische Demagogen nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Die Erfahrung ist zuerst in Wien und Rom gemacht worden, sie findet jetzt in Warschau ihre Bestätigung: Die EU erweist sich als stabilisierendes Gegengewicht gegen exzessive politische Pendelbewegungen im nationalen Rahmen. So wird auch der katholisch-fundamentalistischen Rechtsregierung in Polen durch die neue europäische Verankerung der Stachel gezogen. Die von ihr gewünschte Diskussion um die Todesstrafe wird es zum Beispiel mit Sicherheit nicht geben. Die Osterweiterung, die bei vielen noch vor kurzem als riskantes Abenteuer galt, ist inzwischen so selbstverständlich wie die neue Währung oder die offenen Grenzen.
Die Realität der EU scheint ziemlich unverwüstlich. Der Kontinent wird jedoch gleichzeitig von einer fantasielosen politischen Klasse geführt, der nichts anderes einfiel, als auf die Krisen des vergangenen Jahres mit kleinmütigem nationalem Rückzug zu reagieren. Als trauriger Tiefpunkt kann der britische Versuch gewertet werden, die Budgetprobleme auf Kosten der ärmsten Mitgliedsstaaten zu lösen und damit einen Weg der Entsolidarisierung einzuschlagen. Anerkennung gebührt dagegen dem Bekenntnis Wolfgang Schüssels, dass ein Land wie Österreich, das überdurchschnittlich von der Osterweiterung profitiert, eben auch etwas mehr zahlen muss. Im gegenwärtigen EU-skeptischen Klima, an dem allerdings die Regierung in Wien selbst nicht unbeteiligt ist, geht er damit fast ein politisches Risiko ein.
Mit der Verabschiedung des EU-Budgets endet auf jeden Fall die Nachdenkphase seit dem Schock des gescheiterten französischen Referendums. Im kommenden Halbjahr hätte Österreich die Chance, die EU-Präsidentschaft nicht nur als Abarbeiten eines Terminkalenders zu begreifen, sondern in der europäischen Politik wieder etwas mehr Kreativität möglich zu machen. Eine neue Debatte um die Gestaltungsmöglichkeiten Europas, sowohl nach innen als auch auf der internationalen Bühne, ist überfällig.
Zu den kalendarischen Fixpunkten der österreichischen EU-Präsidentschaft gehört im Sommer ein Lateinamerikagipfel in Wien. Vielleicht lassen sich die ausgelaugten Europäer dabei etwas vom kreativen Denken der Kollegen aus Übersee anstecken?

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann