Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Vietnam-Syndrom, 12.11.2003

Wenn man genauer hinsieht, mag es mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten zwischen dem gegenwärtigen amerikanischen Engagement im Irak und dem Vietnamkrieg der Sechziger- und Siebzigerjahre geben. Aber seit man weiss, dass selbst Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in seinen internen Memoranden von einem viele Jahre dauernden Guerillakrieg an Euphrat und Tigris ausgeht, ist das Gespenst der einzigen Niederlage Amerikas im 20.Jahrhundert aus der öffentlichen Diskussion nicht mehr wegzubekommen. Just in die Situation platzt der Bericht einer mutigen Lokalzeitung in Ohio über die Vertuschung von Kriegsverbrechen in Vietnam durch das Pentagon Anfang der Siebzigerjahre.
"The Blade" im Städtchen Toledo hatte vergangenen Monat aufgedeckt, dass die amerikanische Militärjustiz 1975 die Untersuchungen gegen Mitglieder einer Eliteeinheit namens "Tiger Force" eingestellt hat, obwohl es überwältigende Hinweise auf furchtbare Verbrechen gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung gab. Die "Tiger Force" hatte den Auftrag, hinter den Frontlinien zu operieren und steigerte sich dabei in einen richtiggehenden Blutrausch, dem mehrere hundert vietnamesische Zivilisten zum Opfer fielen. Die Soldaten schleuderten Handgranaten in überfüllte Bunker, in die sich Greise, Frauen und Kinder geflüchtet hatten und massakrierten Gefangene, die auf den Knien um ihr Leben flehten. Einige schnitten ihren Opfern die Ohren ab und machten sich Halsketten daraus. Auch Scalpe und Goldzähne gehörten zu den barbarischen Trophäen. Das Wüten der 45-Mann starken "Tiger Force" endete im November 1967. Die Ermittlungen gegen die Beteiligten zog sich über Jahre, wurde jedoch eingestellt, nachdem man den Hauptverdächtigten gestattet hatte, den Militärdienst zu verlassen, was sie außerhalb der Reichweite der Militärjustiz stellte. Das Massaker von My Lai, als im März 1968 mehr als 500 vietnamesische Zivilisten ermordet wurden, blieb das einzige amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam, da je geahndet wurde: der verantwortliche Kommandant William L.Calley hatte zuerst lebenslänglich erhalten, war dann aber 1974 frühzeitig entlassen worden und lebt seither friedlich als Juwelier in Georgia.
Was in Friedenszeiten als Beitrag zur Zeitgeschichte erschienen wäre, bekam vor dem Hintergrund der Irakkrise schlagartig größte Aktualität: die 101.Luftlandeeinheit, zu der die mordende "Tiger Force" einst gehört hat, ist heute im Irak stationiert. Und der amtierende Verteidigungsminister im November 1975, als das Verfahren endgültig niedergeschlagen wurde, hieß so wie heute: Donald Rumsfeld. Die journalistisch stets um unangreifbare Korrektheit bemühten "Blade"-Reporter weisen zwar darauf hin, dass Rumsfeld-Vorgänger James Schlesinger die eigentliche Verantwortung trug. Es ist auch unklar ist, ob der damals ganz neue Pentagon-Chef überhaupt informiert wurde. Aber in einer Zeit, in der der amerikanische Präsident Demokratie und Menschenrechte auf die Fahne seiner Politik gegenüber der islamischen Welt schreibt, bekommt der Umgang mit vergangenen eigenen Verbrechen unmittelbare Aktualität.
Die Artikel-Serie in "The Blade" hat denn auch die BBC und Al Jazeera, Anti-Kriegs-Aktivisten in den USA und die Regierung in Hanoi auf den Plan gerufen. Amerikanische Botschaften bekommen weltweit Anfragen und das Pentagon, in dem die neokonservativen Protagonisten eines demokratischen Kreuzzuges in der arabischen Welt den Ton angeben, ist in Argumentationsnotstand geraten. Die "Blade"-Reporter Michael D.Sallah und Mitch Weiss berichten, im Verteidigungsministerium sei man jetzt dabei den Fall neu zu untersuchen. Da Mord nicht verjähre, sei ein neues Verfahren nicht völlig ausgeschlossen.
Wie weit diese Überlegungen bei einer Administration gehen werden, die das amerikanische Militär so gerne jenseits von Gesetz und Völkerrecht ansiedelt, bleibt abzuwarten. Aber während Regierungen in Lateinamerika immer offensiver darangehen, Verbrechen während der schmutzigen Kriege früherer Jahrzehnte zu ahnden, sind die USA von kritischer Gewissenserforschung über das eigene Vorgehen während des Kalten Krieges weitgehend unberührt geblieben.
Senator George Voinovich aus Ohio, wo die Enthüllungen des "Blade" am meisten Aufregung verursacht haben, hat Pentagon-Chef Rumsfeld jetzt zur Sicherheit eine Kopie der Artikelserie über die "Tiger Force" zukommen lassen und dazu die Frage gestellt, was denn seit Vietnam unternommen wurde, um zu verhindern, dass sich ähnliche Massaker wiederholen. Sein Kollege Dennis Kucinich, der demokratische Präsidentschaftskandidat mit der stärksten Anhängerschaft in der Anti-Kriegsbewegung (aber auch mit der geringsten Chance nominiert zu werden), verlangt eine Untersuchung durch den Kongress und ist vor allem über die jahrzehntelange Vertuschung durch das Pentagon empört.
Seymour Hersh, der Veteran unter den amerikanischen Aufdeckungsjournalisten, registriert im "New Yorker", dass keine der grossen amerikanischen Zeitungen, auch die regierungskritische "New York Times" nicht, und keines der vier TV-Networks die Affaire bisher in größerem Ausmaß aufgegriffen hat. Rücksichtnahme auf mögliche Folgen für die sowieso schon angeschlagene Moral der Truppe im Irak oder kühle Distanz gegenüber einem von der Konkurrenz aufgebrachten Thema? Der Herausgeber des "Blade" wehrt sich auf jeden Fall entschieden gegen den Vorwurf, seine Vietnam-Serie hätte etwas mit dem Irakkrieg zu tun: er habe einfach seine journalistische Pflicht getan, sagt er. Dass der Zwischenfall im Golf von Tonkin, mit dem Lynden B.Johnson den Kongress 1964 dazu gebracht hatte, die Bombardierung Nordvietnams zu genehmigen, frei erfunden war, hat einst die "Washington Post" durch die Veröffentlichung der Pentagon Papers bewiesen. Ein heroischer Akt, der Geschichte gemacht hat und ganz wesentlich daran beteiligt war, die Tradition der amerikanischen Medien als unbestechliche Kontrollinstanz der politischen Macht auch in Fragen der nationalen Sicherheit zu festigen. Im Augenblick traut man eine solche Rolle nur den wenigsten großen Blättern oder TV-Sendern zu, nach wie vor ist die Angst vor dem Image des Nestbeschmutzers gross. Dass dafür eine kleine Lokalzeitungen wie "The Blade" in Ohio die Zivilcourage aufbringt, sich mit dem Pentagon und seiner Tradition der Vertuschung anzulegen, zeigt, dass der Widerspruchsgeist der amerikanischen Medien trotzdem nicht gebrochen ist. Je länger der Krieg dauern wird, desto mehr wird ein solcher auch gefordert sein.

 

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