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Amerika lernen, 15.2.2006
Als die Chefredakteurin des Philadelphia Inquirer, Amanda Bennett, am
Erscheinungstag der dänischen Mohammed-Karikaturen in ihrem Blatt
in die Redaktion kam, fand sie ein paar Dutzend moslemische Demonstranten,
Fernsehkameras und Reporter vor dem Gebäude. Sie ging auf die Aktivisten
zu, gratulierte ihnen zu ihrem ganz in der Tradition der amerikanischen
Bürgerrechte stehenden Protest, und versicherte, die Informationspflicht
der Medien bedeute nie, dass man sich mit den transportierten Inhalten
identifiziert.
Das kleine Blatt an der Ostküste ist eine der ganz wenigen amerikanischen
Zeitungen, die sich zur Wiedergabe der unseligen Zeichnungen entschlossen
hat. Von der New York Times bis zu den Fernsehsendern CBS und CNN beriefen
sich die meisten Medien auf das Prinzip, kein verletzendes oder hetzerisches
Material zu veröffentlichen. Dass europäische Zeitungen die
Produkte des Kopenhagener Jyllands Posten in heroischer Geste als Akt
der Verteidigung der Meinungsfreiheit reproduzieren, löst bestenfalls
Verwunderung aus. Die Washington Post, sonst immer sehr wachsam, wenn
es um die Pressefreiheit geht, geht mit den europäischen Kollegen
besonders streng ins Gericht: "Die europäischen Zeitungen, die
diese Zeichnungen jetzt serienweise abdrucken, demonstrieren damit nicht
ihre Freiheitsliebe, sondern ihre fehlende Sensibilität, vielleicht
auch Feindschaft, gegenüber der wachsenden Vielfalt ihrer eigenen
Gesellschaft."
So wie die europäische Kritik an Amerika so manche Wahrheit ausspricht,
täte auch Europa gut daran, amerikanische Einwände ernst zu
nehmen. Tatsächlich hat die von der Washington Post registrierte
Unsensibilität viele Gesichter: Hätte die dänische Regierung
den islamischen Aufschrei gegen die Mohammed-Karikaturen rechtzeitig ernst
genommen, wäre es möglicherweise gar nicht zur Eskalation der
letzten Wochen gekommen. Im Kontrast dazu fällt auf, wie lange sich
das amerikanische State Department darauf konzentriert hat, die Verletzung
moslemischer religiöser Gefühle als "inakzeptabel"
zu erklären. Bei Religiosität agiert George Bush sowieso trittsicher.
So besuchte der Präsident ungeachtet aller Kreuzfahrerrhetorik Tage
nach den Anschlägen des 11. September die Moschee in Washington,
DC. Egal, was es auch an Fehltritten gegeben hat: Im Moment der Krise
erwies man der religiösen Welt des Islam sicherheitshalber den Respekt.
Und gegenüber den amerikanischen Moslems lautete das Signal: Ihr
gehört zu uns, ihr seid Teil dieses multikulturellen Amerika, egal,
in was für Konflikte das Land auch verwickelt ist. Als amerikanische
Moslems Opfer von Übergriffen wurden, lud Bush die Angehörigen
medienwirksam ins Weiße Haus.
Mediale Vorsicht und politische Symbolik sind in diesen Fällen eine
Folge der in Europa so gerne geschmähten amerikanischen Political
Correctness, durch die Verhaltensweisen tabuisiert werden, die bestimmte
Bevölkerungsgruppen als beleidigend oder diskriminierend empfinden.
Das Selbstverständnis Amerikas als multikulturelle Gesellschaft macht
die Verspottung des Propheten Mohammed genauso inakzeptabel wie das verhasste
"N"-Wort "Nigger" oder das historisch belastete "Negro"
für einen schwarzen Amerikaner. Zivilisierte Umgangsformen zwischen
den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nimmt man wichtiger als
die Ausschöpfung aller Möglichkeiten verbaler Konfliktaustragung
In Europa hat man durch die Verbreitung der dänischen Mohammed-Karikaturen
genau das Gegenteil getan. Zur blasphemischen Durchbrechung des religiösen
Bilderverbots im Islam mischten die dänischen Karikaturisten auch
noch das rassistische Stereotyp, das aus jedem Moslem einen bombenwerfenden
Terroristen macht. Der konkrete gesellschaftliche Zusammenhang ist dabei
entscheidend: Wenden sich Karikaturen gegen die Mächtigen, sind sie
das Salz demokratischer Auseinandersetzung. Artikulieren sie die Ressentiments
gegen eine Minderheit oder auch nur eine andere ethnische Gruppe, ist
die Grenze zur rassistischen Stimmungsmache nicht weit. Auch die Religionsverspottung,
die seit Voltaire Teil der europäischen Zivilisation ist, wirkte
befreiend, weil sie sich gegen das Heilige der eigenen Kultur stellte.
Die Götter fremder Völker zu verspotten, ist dagegen seit jeher
Ausdruck des banalsten Chauvinismus.
In allen Phasen der Eskalation hätten europäische Politiker
die Möglichkeit gehabt, Gesten der Verständigung gegenüber
der islamischen Bevölkerung zu setzen und damit jenen den Rücken
zu stärken, die wie der Publizist Tariq Ramadan einen selbstkritischen,
europäischen Islam anstreben, der es schafft, auch mit Zynismus und
Ironie umzugehen. Den Moslems in Kopenhagen und Wien, London und Paris
hätte man signalisieren können, dass sie als Teil des inzwischen
längst multikulturell gewordenen Europa akzeptiert werden, mit all
ihren religiös-kulturellen Sensibilitäten. Wieso ist eigentlich
kein europäischer Regierungschef - oder vielleicht gar der EU-Ratspräsident
- schon vor Wochen in ein islamisches Gemeindezentrum gegangen, um ein
Bekenntnis zum Respekt der religiösen Vielfalt des Kontinents abzuliefern?
Vielleicht aus Angst, dies könnte als Kniefall vor dem islamischen
Fundamentalismus und damit als Ausdruck der Feigheit in einer unvermeidlich
gewordenen Auseinandersetzung interpretiert werden? Auch auf die Gefahr
hin, penetrant zu klingen: Während des islamischen Fastenmonats Ramadan
lädt George Bush regelmäßig zum symbolischen Iftar-Brechen
ins Weiße Haus. Und ihm wird wohl niemand Schwäche gegenüber
der islamisch-fundamentalistischen Bedrohung vorwerfen.
Mit umso größerer Legitimation hätte die europäische
Politik dann klarstellen können, dass Gewalt und Aufrufe zur Gewalt
von islamischen Extremisten genauso verfolgt werden wie von deutschen
Neonazis, französischen Randalierern oder britischen Hooligans. Man
hätte es dann wohl auch leichter gehabt, einen entschlosseneren Kurs
gegenüber jenen Staaten zu fahren, in denen europäische Botschaften
in Flammen aufgehen. Wo blieb die europäische Solidarität in
den Tagen der gelenkten antidänischen Randale in Damaskus und Teheran?
Gegenüber den bankrotten Regimes der arabischen Welt ist die europäische
Diplomatie plötzlich um Vorsicht bemüht. Aber wenn es um die
Signale an die islamische Bevölkerung geht, überlässt man
jenen das Feld, die mit Ausgrenzung, Spott und Hohn agieren. Kann man
sich ernsthaft wundern, wenn Demagogen aller Art von einer solchen Konstellation
profitieren?
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