Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Von der Spitze des Olymp hin zum möglichen Ende des Euro, 5.5.2010


Am Anfang der Odyssee um den Euro und Griechenland standen ökonomisches Kalkül und politische Fehleinschätzung. Als die Athener Finanzquerelen erstmals Schlagzeilen machten, war der teure Euro eines der großen Probleme der europäischen Wirtschaft. Machen wir es wie die Amerikaner, hieß es hinter den Kulissen, beleben wir die Konjunktur durch einen niedrigeren Wechselkurs der Währung und stärken so die Exportwirtschaft.
Die selbstbewusste Ignoranz amerikanischer Finanzgurus, denen ein schwacher Dollar egal war, schien sich auf dem alten Kontinent durchzusetzen. Vor allem der stolze Exportweltmeister Deutschland erhoffte sich einen Adrenalinstoß für die eigene Wirtschaft, wenn sich die Rettung der griechischen Staatsfinanzen zieht und der Euro weiter fällt. Doch diese Rechnung war mit der Erwartung verbunden, dass politische Solidaritätserklärungen reichen, um die Spekulation gegen Athen zu stoppen. Griechenland wird nicht allein gelassen, pflegte die deutsche Kanzlerin zu beteuern, wenn sie gerade einen der zahlreichen Rettungspläne blockierte. Doch die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das Tauziehen der Nationalstaaten um die Unterstützung einer Volkswirtschaft, die nur 2,6 Prozent der europäischen Wirtschaftskraft ausmacht, hat zu einer potenziell existentiellen Krise der EU geführt.
Dass sich nur wirtschaftlich gleich starke Volkswirtschaften eine gemeinsame Währung geben, gehört zu den Märchen, die besonders deutsche Wirtschaftsprofessoren gerne verbreiten. Dabei sollten gerade sie wissen: Die Westmark in Ostdeutschland nach dem Ende der DDR war natürlich ein höchst politisches Projekt, das mit vergleichbarer Wirtschaftskraft nichts zu tun hatte. Als die USA sich Ende des 18. Jahrhunderts auf den Dollar einigten, war der entwickelte Norden vom landwirtschaftlichen Süden ökonomisch weiter entfernt als Kreta von Nordrhein-Westfalen. Helmut Kohl wollte Deutschland mit dem Euro an Westeuropa binden, François Mitterand ein Abgleiten des durch die Wiedervereinigung vergrößerten Deutschlands gen Osten verhindern. Genau um die geostrategische Orientierung Deutschlands geht es in Wirklichkeit auch heute wieder.
Mit schreckensbleichen Gesichtern erzählen es Finanzexperten in Brüssel: Angesichts der hartnäckigen Attacken der Finanzmärkte auf ganz Südeuropa, werde hinter den Kulissen durchgespielt, wie die Währungsunion im schlimmsten Fall aufgelöst werden könnte. Deutschland, die Niederlande, Österreich wären der Kern einer Hartwährungsunion, deren Waren zwar um vieles teurer exportiert werden müssten, die sich aber nicht mehr mit den Defiziten des Südens herumzuschlagen hätten. Spanien, Italien, Portugal und Griechenland könnten aufatmen und abwerten. Belgien würde endgültig in einen flämischen Norden und einen wallonischen Süden geteilt. Die finanziellen Kosten der Scheidung wären enorm. Der politische Preis wäre der Bruch der französisch-deutschen Achse, die dem Kontinent seit 1945 Stabilität gebracht hat. Auch Generalstäbe pflegen Kriege durchzudenken, von denen Politiker nichts wissen wollen. Ähnlich sind auch die Gedankenspiele, um ein Ende des Euro zu bewerten. Eine Spaltung der Eurozone wäre das Aus für die Europäische Integration, wie wir sie kennen.
Theoretisch hätte Berlin tatsächlich eine geopolitische Alternative zum Block mit Frankreich: das Bündnis mit Russland, das im italienischen Badeort Rapallo in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Minister der Weimarer Republik und Emissäre der Sowjetrepublik versuchten. Bei aller Fantasie, die in den Debattenseiten französischer Zeitungen gerne ausgelebt wird: Eine derartige Umorientierung ist bloße Science-Fiction.
Wahrscheinlicher ist ein Happy End. Auch die deutschen Eliten realisieren, wie sehr Angela Merkel den Bogen überspannt hat. Das lange Abwarten hat die Kosten der Stabilisierung Griechenlands vervielfacht. Das erhöht die Glaubwürdigkeit der immer konkreter werdenden Vorschläge der Europäischen Kommission in Richtung EU-Wirtschaftsregierung und gemeinsamem Budgetrahmen.
Wenn die Lage verzweifelt schien und die nationalistische Kakofonie kaum zu übertönen war, haben sich die Europäer in der Vergangenheit oft zu neuen Integrationsschritten durchgerungen. Dieses Kunststück müssen die Politiker auch jetzt versuchen. Allerdings unter erschwerten Bedingungen, nachdem die Regierungen mit ihrem Zögern dumpfem nationalistischem Populismus Tür und Tor geöffnet haben.



 

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