Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Von links ueberholen, 30.11.2006

Es passt so gar nicht zum Image des unbeugsamen Caudillo: Sollte er die Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag verlieren, versichert Hugo Chavez immer wieder, dann würde er wirklich abtreten. Das Projekt der "bolivarischen Revolution", das im ölreichen Venezuela den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ermöglichen soll, würde ein jähes Ende finden. So richtig vorstellen kann sich eine Wahlniederlage des charismatischen Exfallschirmjägers und prominentesten Bush-Beschimpfers in Lateinamerika niemand. Aber dem bürgerlichen Herausforderer Manuel Rosales ist es erstaunlich gut gelungen, die zerstrittene Opposition hinter sich zu einen.
Der langjährige Gouverneur einer mit besonders viel Erdöl ausgestatteten Provinz, der Hugo Chavez stürzen will, bezeichnet sich als Sozialdemokrat und versucht, den Amtsinhaber durch sozialpolitische Versprechungen links zu überholen: Den Armen des Landes, nach wie vor 34 Prozent der Bevölkerung, verspricht er eine Kreditkarte namens "Mi Negra", über die zwanzig Prozent der Ölprofite des Landes verteilt werden sollen. Zwischen 200 und 400 Euro Basislohn könnte diese Zuwendung im Monat wert sein, errechnen die Ökonomen der Opposition. Dazu kommt, dass sich die US-amerikanische Botschaft in Caracas, die sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Machtwechsel, mit Anti-Chavez-Statements seit einiger Zeit diszipliniert zurückhält. Noch sitzt dem State Department der Schreck der nicaraguanischen Wahlen in den Gliedern, wo die unverhüllten Warnungen Washingtons vor einem Comeback der Sandinisten sich als höchst effektive Wahlhilfe für den neuerlichen Sprung Daniel Ortegas ins Präsidentenamt herausgestellt haben.
Die meisten Meinungsforscher sagen seit Monaten trotzdem einen Wahlsieg für Chavez voraus. Die armen Bevölkerungsschichten, die von den zahlreichen staatlichen Sozialprogrammen profitieren, halten dem Präsidenten offenbar die Stange. Aber wenige Tage vor dem Wahltag ist erstmals von einer Aufholjagd des Herausforderers die Rede. Hugo Chavez muss für seinen Sieg kämpfen. Ein Opfer des Wahlkampfstresses wurde Londons linker Bürgermeister Ken Livingstone, der in Caracas ein Abkommen über billigen Treibstoff für die Londoner Verkehrsmittel unterzeichnen wollte. Chavez ließ den Briten kurzfristig ausladen, weil die teuren internationalen Gesten beim Wähler nicht gut ankommen.
So angespannt ist die Situation, dass beide politischen Lager in Venezuela der jeweils anderen dunkle Umsturzpläne für die Tage nach der Wahl unterstellen. Mit CIA-Hilfe soll in dem zum Oppositionskandidaten tendierenden östlichen Bundesstaat Zulia eine sezessionistische Bewegung aufgebaut werden, lautet eine unter Chavistas kursierende Variante. Der "Commandante" selbst droht der Opposition bei gewaltsamen Straßenprotesten, die es in der Vergangenheit immer wieder gegeben hat, mit harten Gegenmaßnahmen. Medien, die Aufrufe zu Widerstand oder gar zum Putsch wiedergeben, würden sofort geschlossen. Das wiederum wird von der Opposition lautstark als Bedrohung der Meinungsfreiheit und diktatorische Anmaßung denunziert. Herausforderer Manuel Rosales spricht schon im Voraus von Wahlmanipulation, gegen die er zu friedlichen Protesten aufrufen will. Das Vorbild der Konservativen in Venezuela scheinen die mexikanischen Linken zu sein: Andres Manuel Obrador, der mit nur 270.000 Stimmen unterlegene Exbürgermeister von Mexico City, erkennt den konservativen Wahlsieger Felipe Calderon nicht als rechtmäßigen Präsidenten an und ließ sich selbst zum Schattenpräsidenten angeloben. Dem mexikanischen politischen System steht die gefährlichste Destabilisierung seit Jahrzehnten bevor. Vor einer vergleichbaren Gefahr unter umgekehrten politischen Vorzeichen will sich Venezuela schützen: Die Regierung lud nicht nur die Europäische Union und die Organisation Amerikanischer Staaten OAS, sondern auch das US-amerikanische Carter-Zentrum als Wahlbeobachter ein.
Dass einer der mächtigsten Männer Lateinamerikas sich einem harten Wahlkampf aussetzen muss, ist ein gesundes Zeichen. Revolutionäre, deren Macht nie legal infrage gestellt werden kann, diskreditieren mit ihrer Dauerpräsenz selbst die besten Vorhaben. Hugo Chavez, der den eigenen weißen Eliten ebenso wie dem Washingtoner Establishment so tief verhasste messianische Nationalist, hat bisher auf jeden Fall mehr Wahlen gewonnen als sein Gegenspieler in Washington DC. Lateinamerikas Linke, ob pro oder contra Chavez, setzt erneut auf seinen Erfolg. Dass Chavez sich im vergangenen Herbst vor der sonst so trockenen UNO-Generalversammlung ob des "Teufels" George Bush zum Gaudium der Delegierten bekreuzigte, kostete Venezuela wahrscheinlich den Sitz im Sicherheitsrat, weil viele Mitgliedsstaaten ähnliche Auftritte im höchsten UNO-Gremium befürchteten. Die Szene gewann jedoch die Herzen der letzten Zweifler im breiten antiamerikanischen Spektrum Südamerikas. Chavez, der sich auf den lateinamerikanischen Unabhängigkeitshelden Simon Bolivar beruft, ist zum wichtigsten Symbol der lateinamerikanischen Linksentwicklung der letzten Jahre geworden. Als Präsident, der auf seine indianischen und afroamerikanischen Wurzeln stolz ist, symbolisiert er den Anspruch von Politikern aus der dunkelhäutigen Mehrheit nach der Macht, die bisher Vertretern der kleinen weißen Oberschicht vorbehalten war.
Das Erdöl Venezuelas hat ein historisch einmalig günstiges Kräfteverhältnis gegenüber den durch den Irakkrieg geschwächten USA geschaffen. Die Erträge der Erdölproduktion versickern zum Teil sicherlich wie früher in Misswirtschaft und Korruption. Aber sie fließen ebenfalls in die "Misiones", die Schulen, Ärzte und billige Lebensmittel in die Slums bringen. Seine beträchtlichen Finanzmittel haben Hugo Chavez geholfen, Verbündete in der populistischen Linken ganz Lateinamerikas zu finden. Ärgerlich sind dagegen die Freundschaftsbezeugungen für einige der unangenehmsten Diktatoren der Welt von Syrien bis Nordkorea, mit denen Chavez eine Allianz gegen die USA schmieden will, ebenso wie der Personenkult, den der Caudillo um sich aufbaut. Aber wenn man sich daran erinnert, wofür in anderen Teilen der Welt von Afghanistan bis zum Fernen Osten die Gegenspieler von George Bushs Amerika stehen, dann sehen die skurrilen Seiten des Hugo Chavez verhältnismäßig harmlos aus. Auch dass er sich dem Risiko eines Wahlkampfes aussetzt, spricht für ihn. Europäer und Amerikaner täten gut daran, etwas weniger die Nase zu rümpfen über einen Politiker, der längst zu einem lateinamerikanischen Phänomen geworden ist.


 

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