Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Wahlen im Krieg, 13.6.2007


Beim Demokratischen Wahlparteitag in Chicago 1968 ließ Bürgermeister Richard Daley, ein Verbündeter von Lyndon B. Johnson, Tausende jugendliche Demonstranten durch seine Polizei verprügeln. Mit der Ermordung von Robert Kennedy hatten die Demokraten einen charismatischen Erneuerer verloren. Hubert Humphrey, der Kandidat des Parteiestablishments, stand unter Dauerbeschuss der Antikriegsfraktion um Senator Eugene McCarthy und ging schließlich gegen den hartgesottenen Republikaner Richard Nixon, der Frieden in Vietnam versprach, unter. Die politischen Vorzeichen werden vierzig Jahre später andere sein. Aber eine Kombination von Krieg und unklaren Machtverhältnissen in beiden Parteien vor dem Hintergrund einer zutiefst aufgewühlten Öffentlichkeit macht die amerikanische Politik 2007/2008 unberechenbar wie schon lange nicht.
George Bush hatte Anfang des Jahres gehofft, die Last des Krieges im Irak durch eine kurzfristige Verstärkung des amerikanischen Truppenkontingents und eine neue militärische Taktik verringern zu können. Ein halbes Jahr später gibt es keine Hinweise, dass diese Rechnung aufgeht. Die US-Streitkräfte kontrollieren nach wie vor höchstens ein Drittel der Hauptstadt Bagdad. Der Rhythmus der blutigen Anschläge bleibt unverändert hoch, und die amerikanischen Verluste steigen. Von der erwarteten politischen Erweiterung der Regierung Maliki in Bagdad ist weit und breit nichts zu merken. Im Pentagon, das unter dem neuen Chef Robert Gates etwas realitätsbezogener geworden ist, erwartet man inzwischen, dass eine amerikanische Militärpräsenz im Irak sich ähnlich wie in Südkorea über Jahrzehnte erstrecken könnte.
Gleichzeitig tun sich die USA mit ihrer Befreiung von den Schattenseiten des Antiterrorkampfes schwer. Das hängt mit den komplexen Konfliktsituationen in den verschiedenen Teilen der Welt zusammen. Amerikas neuer Uno-Botschafter Zalmay Khalilzad kann es in New York als Meilenstein gegen politische Mordanschläge begrüßen, wenn der Uno-Sicherheitsrat die wahrscheinlich syrischen Hintermänner des Mordes am ehemaligen libanesischen Premierminister Hariri vor ein Sondergericht stellen will. Dass seine eigene Regierung drei Wochen zuvor in Somalia einen prominenten Fundamentalisten mit Familie und Anhänger durch eine CIA-Drohne ermorden ließ, fällt ihm wahrscheinlich nicht einmal auf.
Immer grotesker werden die Verrenkungen rund um das Gefangenenlager von Guantánamo. Von einer Schließung, wie zuletzt vor einem Jahr in Wien, spricht George Bush längst nicht mehr. Im Gegenteil, aus aller Welt werden neue Insassen gebracht. Auch nach mehr als fünf Jahren hat es in Guantánamo keinen einzigen Militärprozess gegeben. Das letzte Verfahren wurde von einem mutigen Militärrichter niedergeschlagen, weil sich herausgestellt hat, dass die Gefangenen nie formell als "illegale feindliche Kämpfer" klassifiziert wurden. David Hicks, ein australischer Taliban-Freund und ursprünglich der erste Angeklagte von Guantánamo, kann nach einem Schuldgeständnis eine auf wenige Monate reduzierte Strafe im heimatlichen Australien absitzen. Die verbliebenen 380 Gefangenen, ob schwere Burschen oder nicht, bleiben im rechtsfreien Raum. Auch die Debatte um Geheimgefängnisse des CIA ist wieder aufgeflammt. Nicht nur durch den detaillierten Bericht des Europarates, sondern auch durch die akribische Arbeit mehrerer Menschenrechtsorganisationen, die 39 von den USA festgenommene Gefangene ausgemacht haben, die einfach spurlos verschwunden sind.
Mitt Romney, der millionenschwere Favorit des Bush-Clans unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern, argumentiert, im Antiterrorkampf sollte Guantánamo verdoppelt werden. Die republikanische Parteibasis, um die es bei den Vorwahlen geht, findet den Vorschlag ganz okay. Das zweifelhafte Verhältnis des Kandidaten zu den Menschenrechten stört sie viel weniger als die Tatsache, dass Romney Mormone ist. Rudolph Giuliani, der dem rechten Flügel als zu liberal gilt, würde gegen den Iran im Notfall auch Atombomben einsetzen, sagt er. Das überrascht kaum jemanden, schließlich ist Wahlkampf. Barack Obama, der unter der aktivistischen Basis der Demokraten nach wie vor am meisten Zuspruch bekommt, gerät in die Defensive, weil er für den hypothetischen Fall eines neuen Terroranschlags gut vorbereitete Hilfsmaßnahmen in den Vordergrund stellt und keine martialischen Gegenschlagsfantasien.
Amerika wird im November 2008 in einer durch widersprüchliche Stimmungen geprägten Atmosphäre wählen gehen. Krieg und Terrorangst machen die Supermacht unberechenbar. Zur merkwürdigen Mischung aus Ausnahmezustand und Normalität gehört die für die Republikaner beängstigende Schwäche des Präsidenten. Ein Rating von nur 29 Prozent Zustimmung für George Bush, das ist Rekord. Jeden Tag verlassen mehr langjährige Mitarbeiter die Regierung. Im Kongress agiert jeder Republikaner auf eigene Faust. Schritt für Schritt bricht das in den vergangenen Jahren errichtete System um George Bush zusammen.
Wie eine diskreditierte Regierungspartei es doch noch schaffen könnte, an der Macht zu bleiben, zeigt den Republikanern ein Blick in das sonst so unbeliebte Frankreich. "Wir brauchen dringend einen Sarkozy", seufzt Ex-Speaker Newt Gingrich, der dabei vor allem an sich selbst denkt.
Gegen die Hypothek eines gescheiterten Krieges wird allerdings 2008 jeder Republikaner anzukämpfen haben. Ganz so wie unter anderen politischen Vorzeichen 1968 Johnsons glückloser Vizepräsident Hubert Humphrey. Kann Hillary Clinton im kommenden Jahr erfolgreich sein, so wie einst der Langzeitpolitiker Richard Nixon? Der Vergleich klingt angesichts Nixons unrühmlichem Ende ungerecht, aber mit Belastungen aus der Vergangenheit musste der ehemalige Vizepräsident ebenso umgehen wie diesmal die Ex-First-Lady. Die Republikaner verweisen auf die sehr hohen Negativwerte Clintons, eine Hürde, die auch "Tricky Dick" Nixon zu nehmen hatte. Die Senatorin kann auf ein eingespieltes Beraterteam zählen, sie gilt als hochprofessionell. Zu ihren dünnbesuchten Wahlveranstaltungen kommen Funktionäre und Journalisten. Die begeisterungsfähige Jugend ist beim charismatischen Barack Obama oder beim Linkspopulisten John Edwards aus South Carolina zu finden.
Ob aus der Antikriegshaltung, von der die Demokraten zur Zeit getragen werden, eine Strategie des Bruchs wird oder ob eine neue Administration 2009 die Irakstrategie so adaptieren könnte wie Richard Nixon 1969 den Vietnamkrieg, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. 2008 könnte für die amerikanische Politik ein Schlüsseljahr werden wie 1968.


 

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