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Historiker und Journalist |
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| "Falter" - Artikel | |||
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War Multikulti gestern?, 7.6.2006 Aber es gibt auch eine gegenläufige Entwicklung. Konservative Amerikaner fühlen sich vom Erwachen der Latinos bedroht. Von denen lässt man sich zwar die Pizza zustellen und den Rasen mähen, ihre Forderung nach Amnestie für die elf bis zwölf Millionen Illegalen aber empfindet man als Provokation. Antiausländerparolen waren in konservativen Kreisen lange nicht so weit verbreitet. Mit der Forderung nach strafrechtlicher Verfolgung von Ausländern ohne Dokumente, die bisher nicht nur als unersetzliche Arbeitskräfte toleriert, sondern oft auch als Steuerzahler akzeptiert wurden, legt sich das Repräsentantenhaus mit der katholischen Kirche wie auch mit dem Präsidenten an. Der Empörung über eine Gruppe, die es wagte, die Nationalhymne, die auch Jimi Hendrix ausgehalten hat, mit spanischem Text zu versehen, musste sich George Bush dann doch wieder anschließen. Das Selbstbewusstsein, traditionelles "Einwanderungsland" zu sein, erspart Amerika nicht jene Auseinandersetzung über Integration und Grenzen, die auch an allen Ecken und Enden Europas ausgebrochen ist. Dahinter stecken Migrationsbewegungen, die viel mit ökonomischen Ungleichheiten und wenig mit ideologischen Präferenzen zu tun haben. Die landwirtschaftlichen Wanderarbeiter, die in den Erdlöchern der kalifornischen Canyons leben, sind von den Indiogebieten Zentralamerikas Richtung Norden aufgebrochen. Getrieben von den gleichen Motiven wie etwa die senegalesischen Boatpeople, die auf den Kanarischen Inseln landen und damit in die EU kommen. Vor allem in Europa hat man früher den Forderungen nach fairem Umgang mit Einwanderern eine "Multikulti"-Ideologie unterstellt. Angesichts einer multikulturell gewordenen Realität dominieren streng ideologische Argumente im konservativen Lager, während die Einwanderungspolitiker der Linken pragmatischer werden. Aus "Prinzip" sei es undenkbar, "Gesetzesbruch" zu belohnen, protestiert James Sensenbrenner, der Wortführer der Hardliner im Kongress, gegen den Kompromissvorschlag, den Millionen Ausländern, die ohne Papiere leben und arbeiten, den Weg zur Staatsbürgerschaft zu ebnen. Auf die Gegenfrage, ob denn wirklich eine Polizeiaktion zur Deportation von Millionen ein probates Mittel sei, blieb die Antwort aus. Ein Echo dieser Verschiebung erlebt auch Europa: die deutschen Grünen diskutieren eine neue Ausländerpolitik mit Sprachkursen und eine Erhöhung des Drucks zur Integration. Pragmatisch überlegen linke Schulpolitiker, wie damit umzugehen ist, dass fundamentalistisch beeinflusste islamische Kulturen oft ein Frauenbild haben, das im Westen zwar nicht unbekannt ist, aber in den letzten hundert Jahren überwunden wurde. Dagegen degradiert die österreichische Innenministerin islamische Einwanderer zu Problemfällen, weil sie Religion wichtig nehmen. Hollands "Eiserne Rita" Rita Verdonk, die rechtspopulistische Innenministerin, wollte der aus Somalia stammenden, weltbekannten Parteikollegin Ayaan Hirsi Ali die Staatsbürgerschaft aberkennen, weil diese zugab, bei ihrem Flüchtlingsansuchen geschummelt zu haben. Die Vorstellung, dass sich Migrationsbewegungen in einer Gesellschaft rückgängig machen lassen, ist in Europa genauso absurd wie in den USA. Von Ethnic Cleansing mögen manche frustrierte Le-Pen-Bossi-Strache-Wähler am Stammtisch fantasieren, aber konkretes Projekt ist das auch am rechten Rand nicht. Das britische Magazin Economist beklagt die Kakophonie der Ausländerdiskussion, die von den politischen Rändern geführt wird. Wie sei es möglich, dass Einwanderer in Rathäusern und Parlamenten so gut wie nicht vertreten sind? Wo bleiben Franzosen nordafrikanischer Herkunft in der Assemblée Nationale, wo aus dem alten Jugoslawien oder der Türkei stammende Abgeordnete im österreichischen Nationalrat? Die traditionellen Instrumente der Integration, Schulen, Kirchen, Arbeitsplätze, Armee funktionieren in Europa offensichtlich noch schlechter als in den USA, diagnostiziert der Economist. In den USA ist zumindest der Anspruch unbestritten, dass Menschen aus allen Erdteilen Amerikaner werden sollen. Einen gewissen Vorteil hat das Selbstverständnis vom "Einwanderungsland" also doch: Es bringt den öffentlichen Diskurs näher an die Realität heran, als die Verleugnung der Migrationsrealität durch die meisten europäischen Politiker. Bei aller Erkenntnis, dass Einwanderung in der ansässigen Bevölkerung viele Ängste hervorruft und selten ohne Probleme abläuft, sollte auch die pragmatischste Einwanderungspolitik die multikulturelle Grundidee, dass nationale und kulturelle Vielfalt bereichernd wirkt, nicht aufgeben. Auch wenn sich diese Grundidee nicht ohne Friktionen durchsetzt. Ein Europa, in dem Moscheen und Pagoden selbstverständlich neben Kirchen, Synagogen und atheistischen Büchern in den Bibliotheken ihren Platz haben, wird einen weiteren Blick haben als das christliche Abendland von einst. Es ist schon richtig, dass man die Menschen nicht überfordern darf. Aber sowohl aus humanistischer Perspektive betrachtet als auch vom Standpunkt der Lebensqualität und ganz sicher unter dem Aspekt des globalisierten Wettbewerbs sind multikulturelle Einwanderungsländer mit Fäden in alle Welt der provinziellen Öde ethnisch reiner Nabelschau vorzuziehen.
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