Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Warum der Lockerbie Bomber in seiner Heimat sterben darf, 26.8.2009


Menschliches Mitgefühl gegenüber einem todkranken Terroristen, das klingt wie ein Argument aus einer anderen Zeit. Unbeirrt vom Sturm der Entrüstung beruft sich der schottische Justizminister auf die humanitäre Tradition seines Landes, um die frühzeitige Entlassung des einzigen verurteilten Lockerbie-Bombers, Abdelbaset al-Megrahi, nach nur acht Jahren Gefängnis zu rechtfertigen. 270 Opfer waren 1988 bei der Sprengung des Pan-Am-Jumbojets ums Leben gekommen. Elf Tage Gefängnis pro getötetem Passagier, ist das Ihre Vorstellung von Gerechtigkeit, fragt der hartnäckige BBC-Reporter den schottischen Minister.
Stunden später, beim triumphalen Empfang des einstigen Sicherheitschefs der libyschen Fluglinie in Tripolis, ist klar, dass es um viel mehr geht als menschlichen Strafvollzug. In einem Monat feiert Libyen 40 Jahre Gaddafi. Der zum Patriarchen mutierte Revolutionsführer, der seinen Frieden mit den Mächtigen gemacht hat und sein Land wie einen Familienbetrieb führt, fühlt sich stärker denn je. Sogar der Schweizer Bundespräsident musste sich untertänigst entschuldigen, weil Gaddafi-Sohn Hannibal seine marokkanischen Hausangestellten in Genf nicht straflos prügeln durfte. Den Banken fehlen die Einlagen aus Libyen, und Tripolis hält zwei Schweizer Staatsbürger als Geiseln.
Die Heimkehr Megrahis soll die blutigen nahöstlichen Untergrundkriege der 80er-Jahre vergessen machen. Libyen hatte 2003 nicht nur für Lockerbie die Verantwortung übernommen und den Angehörigen der Opfer Milliardenbeträge Entschädigung gezahlt, um Uno-Sanktionen zu entgehen.
Aber gleichzeitig gibt es ernste Zweifel an den Beweisen gegen den wegen Massenmordes verurteilten Megrahi. Die Ermittler waren ursprünglich von einer multinationalen Verschwörung mit syrisch-iranischem Hintergrund ausgegangen. Erst vor dem ersten Golfkrieg gegen den Irak, als die USA Syrien und den Iran brauchten, konzentrierte sich das Interesse auf Libyen. Den maltesischen Kronzeugen, der Megrahi als Käufer eines verdächtigen Kleidungsstücks identifizierte, hat die US-Regierung in ihr Zeugenschutzprogramm aufgenommen.
Megrahi hat zwar stets seine persönliche Unschuld beteuert, merkwürdigerweise aber 2007 auf die letzte mögliche Berufung verzichtet. Das Berufungsgericht von Edinburgh hatte ihm diese Möglichkeit eröffnet, weil es einen Justizirrtum für möglich hielt. Aber offensichtlich war auch Gaddafi, der stets die Fäden zog, an Aufklärung nicht interessiert.
Der Österreicher Bruno Kreisky hatte einst noch auf einen ehrlichen Dialog mit dem Revolutionsführer gehofft. Der "Colonel Gaddafi" logierte 1982 im Hotel Imperial am Wiener Ring. Der altersweise jüdische Kanzler mit dem Faible für die Palästinenser und der arabische Außenseiter traten händchenhaltend vor die Presse.
Kreiskys Versuch eines Brückenbaus zum arabischen Nationalismus scheiterte. In Washington regierte Ronald Reagan, im Nahen Osten standen die Zeichen auf Konfrontation. 1986 legten libysche Bombenleger die amerikanische Soldatendisko La Belle in Westberlin in Schutt und Asche. Nach dem Völkerrecht fragte niemand. Wenig später griffen amerikanische Kampfflugzeuge Tripolis und Bengasi an. Unter den 30 Opfern war auch die kleine Tochter Gaddafis. Libyen rüstete antiimperialistische Untergrundorganisationen von der IRA bis zu palästinensischen Dissidenten mit Geld und Waffen aus. Erst nach dem 11. September 2001 hat Gaddafi diesen schmutzigen Krieg abgeblasen. Staatliche Geiselnahmen sind geblieben, wie bulgarische Krankenschwestern und zuletzt Schweizer Geschäftsleute erfahren mussten.
Sichtlich gerne lässt sich der exzentrische Diktator heute von den Vertretern jener Mächte hofieren, die er einst bekämpfte. Kaum eine europäische Regierung, die nicht auf Milliardendeals mit dem ölreichen Wüstenstaat setzt. Der Migrationsstrom aus Nordafrika lässt sich ohne libysche Hilfe nicht bremsen. Die USA wollen die Einstellung des geheimen libyschen Atomprogramms als Beispiel für den Iran und Nordkorea sehen.
Abdelbaset Ali al-Megrahi wird in der Heimat sterben können. Dass diese Milde ein Zeichen schottischer Großzügigkeit ist und nicht blankes Kalkül, um britischen Firmen bessere Chancen auf dem libyschen Markt zu verschaffen, kann man glauben oder nicht. Die spektakuläre Entscheidung zeigt jedoch, wie groß der Aufklärungsbedarf rund um einen der schlimmsten Terroranschläge in Europa nach wie vor ist.

 

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