Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Warum die Wähler in der Krise den Konservativen folgen, 30.9.2009

Der Rechtsruck, der schon vor dem Sommer bei den Europawahlen zum Ausdruck gekommen ist, gewinnt an Tempo. Mit Angela Merkel wird bei EU-Gipfeln zwar unverändert eine verbindliche Konsenspolitikerin das größte Mitgliedsland vertreten. Aber in einem halben Jahr droht der britischen Labour Party ein historisches Debakel ähnlich dem der SPD. Innerhalb weniger Monate hätten in zwei der vier Führungsmächten Europas Parteien der gemäßigten Linken ihre Regierungsämter verloren. Trostpflaster gibt es wenige. Richtig, in Portugal konnte sich der sozialistische Premier Socrates halten. Am kommenden Wochenende hofft in Athen die linke PASOK den konservativen Karamanlis zu stürzen. Aber die politischen Trendsetter kommen aus den großen Staaten.
Die bittere Realität, der sich Europas Linke gegenüber sieht: Die Sozialdemokraten, die eine gemeinsame Europapolitik kaum mehr erkennen lassen, sind auch dabei, in den wichtigsten Nationalstaaten zur quantité négligeable zu werden. Von der vielfach erhofften Gesundung durch die Oppositionsbank, die jetzt der SPD und demnächst wohl auch Labour bevorsteht, ist weder in Frankreich noch in Italien etwas zu merken: Die Erben der einst so stolzen italienischen KP sind ebenso wie Frankreichs Sozialisten in heillose interne Streitigkeiten verstrickt. Ausgerechnet in dem Augenblick der tiefsten Krise des Wirtschaftssystems landet die politische Strömung, die im vergangenen Jahrhundert als Arzt am Krankenbett des Kapitalismus agierte, im Out.
Normalerweise gibt es in Europa und Amerika eine gewisse Gemeinsamkeit der vorherrschenden politischen Tendenzen. Ronald Reagan und Margaret Thatcher prägten mit ihrem Marktradikalismus gemeinsam die 80er-Jahre. An Bill Clinton nahmen sich die Anhänger des "Dritten Weges" um Tony Blair ein Vorbild. Diesmal ist die Situation anders. In Washington kämpft der linke Demokrat Barack Obama mit den Mühen der Ebenen, wenn es gilt, eine schwer angeschlagene Weltmacht zu stabilisieren. Europa macht die politische Linksentwicklung der USA diesmal nicht mit.
Der Hauptgrund für diese unterschiedliche Dynamik: Europas Konservative haben sich geschmeidig Richtung Mitte bewegt, während George W. Bush seine Parteifreunde jahrelang auf strammem Rechtsaußenkurs hielt. Heute sind faschistoide Radio-Talk-Showmaster die lautesten republikanischen Propagandisten. Umgekehrt fällt es den US-Demokraten mit ihren lockeren Parteistrukturen leichter, bunte Vielfalt und Einheit unter einen Hut zu bringen als den Sozialdemokraten in Europa.
Angela Merkel steht für die neue Sachlichkeit des europäischen Konservativismus. Die christdemokratische Kanzlerin musste sich sozialdemokratisieren, um so populär zu werden. Dementsprechend dröge war nach allgemeinem Urteil denn auch der Wahlkampf.
Die New York Times sprach gar von einem "Wunder der Langeweile". Der Korrespondent hatte wohl noch Barack Obama gegen Sarah Palin im Kopf. Aber politische Langeweile in Deutschland in einer Zeit der schärfsten Wirtschaftskrise ist auch eine gute Nachricht. Schließlich haben die Deutschen die größten Teile des 20. Jahrhunderts in Atem gehalten. Radikalisierung, Träume und Wahnvorstellungen in Berlin, das hieß Chaos, Krieg und Völkermord in Europa. Wer könnte da nicht froh sein, dass die Welt über einen deutschen Wahlkampf gähnen kann? Tatsächlich ist die Stabilität des neuen Deutschlands 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ein Segen für den ganzen Kontinent. Ein deutscher Berlusconi im Kanzleramt wäre undenkbar. Gegen den Bundestag sind das tschechische Parlament oder der österreichische Nationalrat Provinztheater.
Bei genauerem Hinsehen funktionierte die BRD unter der großen Koalition so ähnlich wie die EU. Alle sind irgendwie an Bord, selbst die Linkspartei regiert auf Länderebene mit, und verhandelt wird so lange, bis jeder zumindest einen Teil seiner Ziele durchgesetzt hat. Nicht sehr sexy, aber berechenbar. Der Protest gegen diese Kultur hat sowohl die Linkspartei als auch die FDP gestärkt. Die Liberalen wurden in die Bundesregierung katapultiert, die Linkspartei ist Platzhirsch in den östlichen Bundesländern. Die Verhältnisse werden jetzt neu gemischt. Was aus den 45 Prozent der Wählerinnen und Wähler wird, die Parteien links der Mitte gewählt haben, ist dabei fast ebenso wichtig wie der zukünftige Kurs von Schwarz-Gelb.

 

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