| |
|
Warum
es an der Zeit ist für die Vereinigten Staaten von Europa, 19.5.2010
Die größten Schulden in absoluten Zahlen haben weltweit die
USA. Den höchsten Schuldenstand gemessen an der Wirtschaftsleistung
weist Japan auf. Aber die akutesten Probleme gibt es für die Europäer.
Ganz so wie einst beim Zusammenbruch von Lehman Brothers drohte in der
ersten Maiwoche ein Meltdown des internationalen Finanzsystems.
Der Kraftakt der EU-Finanzminister und Zentralbanker, mit dem die Europäische
Union milliardenschwere Verteidigungslinien für ihre Währung
errichtete, half, Zeit zu gewinnen. Den Totalabsturz eines EU-Landes wird
die Union nicht zulassen.
Aber beim Wirtschaftsriesen Deutschland wird der Phantomschmerz der verlorenen
DM immer heftiger. Tatsächlich hatte man ursprünglich gemeint,
dass strenge Budgetvorgaben für den Zusammenhalt der Eurostaaten
ausreichen. Das ferne Ziel einer politischen Union blieb im Hintergrund.
Die Finanzkrise hat diese Fiktion zerstört.
Die berühmten Finanzmärkte, also Fonds und Banken, die mit Schwächen
staatlicher Konstruktionen genauso spekulieren wie mit Produktionsstätten
und Firmen, zwingen die Europäer jetzt zu Entscheidungen, die die
Finalität ihres Projekts berühren. Der milliardenschwere Mechanismus
zur Sicherung des Euro ist eine Weichenstellung in Richtung Europäischer
Bundesstaat. Jetzt muss die Fahrt fortgesetzt werden, sonst droht die
Entgleisung.
Dass Regierungen ihre Budgets nach unsinnigen Ausgaben durchforsten, in
doppelten Verwaltungsstrukturen, im Militär oder auch bei Privilegien
bestimmter Berufsgruppen, ist verständlich. Aber Austeritätspolitik
als oberste EU-Maxime droht das schwächliche Wirtschaftswachstum
zu ersticken.
Gleichzeitig bringt die Verabsolutierung des Defizits Europa eine neue
Spaltung. Die an Export orientierten Nordstaaten als Zuchtmeister der
ärmeren, verschuldeten Südstaaten, das kann nicht gutgehen.
Der linke Ökonom Joseph Stiglitz warnt vor einer verlorenen Dekade,
wenn durch die Rezession angehäuften Schulden zu einer Todesspirale
führen, wie in Argentinien vor einem Jahrzehnt. Auf dem alten Kontinent
wäre allerdings nicht der Internationale Währungsfonds alleine
das Feindbild, es brennen blaue EU-Fahnen. Zwischen Deutschen und Griechen
bauen sich böse Emotionen auf. Setzt sich der Trend fort, wäre
Europa nicht nur ökonomisch am Boden, sondern wohl auch politisch
am Ende.
Die einzige Alternative ist ein großer Sprung in Richtung der allseits
als unmöglich bezeichneten politischen Union, die auch bei Budgets,
Steuern, Pensionen und Sozialsystemen das letzte Wort hat. Die wirtschaftlichen
Unsicherheiten werden nicht verschwinden. Aber ein geeintes Europa, in
dem nicht mehr die Gefahr besteht, dass demnächst wieder jeder gegen
jeden agiert, wird der Destabilisierung viel effektiver entgegentreten.
*Wer geht zuerst bankrott, Griechenland oder Kalifornien?*, ätzte
kürzlich das Wall Street Journal. Arnold Schwarzenegger zahlte seine
Staatsbeamten monatelang mit kalifornischem Spielgeld, den IOUs, weil
die Kassen in Sacramento leer sind. Aus Washington erhält sein Bundesstaat
aber weiter die Sozialtransfers der Social Security, die Dollargehälter
der Bundesbediensteten und die Rüstungsaufträge des Pentagon.
Der Schutzschirm Amerikas mag löchrig sein, aber er ist um vieles
weiter gespannt als jener im nur locker verbundenen Europa.
Auch von den Griechen, so verzweifelt ihre Lage sein mag, kann Europa
paradoxerweise etwas lernen. Während die Gewerkschaften demonstrieren,
zeigen Meinungsumfragen weiter Unterstützung für die Sanierungsbemühungen.
Die Botschaft ist klar: Im Zentrum steht die Forderung nach Gerechtigkeit.
Kann die Regierung Papandreou zeigen, dass die Profiteure der alten Misswirtschaft
zur Kasse gebeten werden, dann ist die Bevölkerung bereit, ihren
Beitrag zum Neuanfang zu leisten.
In den USA geht die Regierung Obama gerade mit harten Bandagen gegen die
Riesen der Wall Street in die Offensive. Eine Kurskorrektur, die eineinhalb
Jahre nach Ausbruch der Krise etwas spät kommt. In der EU fehlt die
Führung, der man den Vorwurf überhaupt machen könnte, dass
es noch immer keine neue Ordnung im Finanzsystem gibt.
Seit dem vorletzten Wochenende erlebt die Welt den Preis der Halbheiten
in der EU. Langsam sollte sich jemand trauen, der Realität ins Auge
zu blicken: Die Vereinigten Staaten von Europa sind zur ökonomischen
Notwendigkeit geworden.
nach oben,
Fenster schließen
|