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Was
lehrt uns Anders Breivik? Europas Multikulti ist nicht tot!, 3.8.2011
Multikulti,
vom politischen Mainstream tot gesagt und von der äußersten
Rechten wütend bekämpft, ist eine höchst lebendige Idee.
Das zeigt die interkulturelle Solidarität, mit der Norwegen auf die
Mordanschläge des Islamhassers Anders Behring Breivik reagiert. An
der Spitze des ersten vieler Trauerzüge in Oslo: eine Pastorin und
der zuständige Imam, vor dem Bild der ermordeten 18jährigen
Bano Rashid aus einer kurdischen Familie. Drei Tage zuvor hatte Kronprinz
Kaakon die bekannteste Moschee in Oslo besucht. Ein Land, in dem die nationalistische
Fortschrittspartei so viel Stimmen bekommt wie in Österreich die
FPÖ, will auf den rechtsextremen Terror mit mehr Toleranz und Pluralismus
reagieren.
Dabei gehörte es in Europa fast schon zum guten Ton, den multikulturellen
Ansatz, oder was man darunter zu verstehen glaubt, zu verunglimpfen. Absolut
gescheitert sei das Experiment des fröhlichen Nebeneinanders verschiedener
Kultur, so die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Großbritanniens
David Cameron macht staatlichen Multikulturalismus für die Radikalisierung
islamischer Jugendliche mitverantwortlich. Nicolas Sarkozy wettert gegen
islamische Gottesdienste unter freiem Himmel als Ausdruck multikultureller
Verirrungen. Wer gegen angebliche Illusionen ausländerfreundlicher
Gutmenschen schimpft, weiß automatisch die halbe Öffentlichkeit
auf seiner Seite.
Der Krieg gegen Multikulturalismus ist das wichtigste politische Motiv
des norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik. In seinem 1500 Seiten
Traktat bezeichnet er den Zuzug vor allem islamischer Immigranten als
Folge einer Verschwörung der marxistischen Linken, um das christliche
Europa multikulturell zu unterwandern. Das norwegische Massaker wird zum
gespenstischen Hinweis, wie vergiftet der Diskurs in der Einwanderungspolitik
geworden ist.
Halb Europa, noch vor wenigen Jahrzehnten ethnisch einheitlich und abgeschottet,
ist heute kulturell, national und religiös so bunt wie zuvor nur
die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber als Schmelztiegel der Nationen
versteht sich kein Land. Schon die schlichte Tatsachenfeststellung, dass
Staaten wie Österreich oder Deutschland Einwanderungsländer
sind, löst politische Kontroversen aus. Nicht eine Ideologie hat
diese dramatischen Veränderungen ausgelöst, sondern die durch
wirtschaftliche Interessen ausgelösten Wanderbewegungen.
Ein persönlicher Einschub: Als ich in den Sechzigerjahren in Wien
in die Schule ging, kamen ausnahmslos alle Mitschüler aus österreichischen
Familien. Gelehrt wurde, dass Amerikaner kulturlos sind und Negermusik
produzieren. Die Lehrer warnten Schülerinnen vor Kontakten mit Orientalen,
wegen der Gefahr in einem Harem zu landen. Hitler war zwar schon längere
Zeit tot, aber ethnisch reine Gesellschaften galten als ideal. Die Idee,
dass es Zivilisationen befruchten kann, wenn sich Völker mischen,
war jenseits jeder Vorstellungskraft. Vier Jahrzehnte später kamen
die Familien der MitschülerInnen meiner Töchter aus Russland,
Rumänien, Afghanistan, Estland, dem Irak und Sri Lanka. Eine andere
Welt. Aber besonders viel anfangen kann niemand etwas mit dieser Vielfalt.
Sie wird als Belastung empfunden. Richtig stolz war dagegen Jahre zuvor
die amerikanische Volksschule in Washington DC auf die Schüler aus
über 60 Nationen gewesen, die regelmäßig aufgefordert
wurden ihre Traditionen vorzuführen. Multikulti pur unter der amerikanischen
Fahne samt Fahneneid.
Multikulti war in Europa ein ideeler Nachziehprozess, um statt rassistischer
Vorbehalte grundlegenden Respekt vor anderen Kulturen beim Umgang mit
den neuen Nachbarn ins Zentrum zu stellen. Behindert wird Integration
nicht durch multikulturelle Akzeptanz, sondern durch Diskriminierung,
fehlende Arbeitsplätze und schlechte Ausbildung.
Rassismus ist deshalb nicht verschwunden, auf keiner Seite des Atlantiks.
Ethnisch-soziale Konflikte sind bei Wanderbewegungen unvermeidlich. Integration
ist immer ein widersprüchlicher Prozess. Aber reine Assimilation,
wie sich manche Politiker das denken, wird es nicht geben. Die Vorstellung,
dass alle Neo-Europäer so werden, wie wir vor 50 Jahren waren, ist
lächerlich.
Die Vielfalt ethnischer Traditionen im Rahmen des demokratischen Rechtsstaates
gehört als Errungenschaft verteidigt. Nur so hat man eine solide
Grundlage, um den erschreckend zahlreichen geistigen Breiviks unseres
Kontinents entgegenzutreten.
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