Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Weltunordnung, 10.10.2001

Erinnert sich angesichts der Bomben auf Kabul, der flammenden Wahnsinnsaufrufe des Osama Bin Laden und der Trümmer von Manhatten noch jemand an die Fronten von Genua, Göteborg und Seattle? Als Protagonisten der ungebremsten Macht der Märkte und eines sich immer weiter zurücknehmenden Staates standen Regierungschefs und Präsidenten einer weitgehend feindlichen europäischen Öffentlichkeit gegenüber. Amerikazentriertheit, Unilateralismus und kühle Verachtung für internationale Verträge machten George Bush zum besonderen Aggressionsobjekt. Von Gipfel zu Gipfel schien die Antiglobalisierungsbewegung sowohl breiter als auch militanter zu werden. Die soziale Regulierung der grenzüberschreitend wirkenden Kräfte des Kapitals, weltweite Umverteilung und die politische Domestizierung der Finanzmärkte, symbolisiert durch die ersehnte "Tobin-Steuer" auf Devisenspekulationen, wurden zu den wichtigsten Forderungen.
Der 11.September hat diesen Diskurs gehörig durcheinander gebracht. Der mörderische Angriff auf die militärischen und ökonomischen Symbole der Weltmacht Amerika hat sichtlich auch die Antiglobalisierungsbewegung desorientiert. Dazu kommt jetzt die ungeschminkte Drohung mit fundamentalistischem Terror gegen die gesamte westliche Welt aus dem Munde des Chefs von El Kaida, Osama Bin Laden, und übergeben dem arabischen TV-Sender El Jazeera am Tag des US-Gegenschlags. Unter den Bedingungen der steigenden Angst um die Sicherheit der Bürger und der Sorge vor wirtschaftlichen Krisen konnten sich soziale Protestbewegungen nie entfalten. Dazu kommt, dass nun auch der Antiimperialismus der Seattle-Generation zur Auseinandersetzung mit dem Amerika-Haß der islamischen Fundamentalisten gezwungen ist. "Den Antiimperialismus des dummen Kerls" nennt der linke französische Philosoph Daniel Bensaid den islamischen Fundamentalismus in Anspielung auf August Bebels Satz vom Antisemitismus als "Sozialismus des dummen Kerls". Die Dynamik der Bewegung sei klar unterbrochen. Andere Mitstreiter plädieren für ein "Time out" der Proteste. Zu gefährlich sei die Falle, die Attentate auf World Trade Center und Pentagon als indirekte Folge des globalen Kapitalismus zu interpretieren. "Die Vereinigten Staaten sind einfach wieder zu einem Land unter anderen geworden", argumentiert der junge Antiglobalisierungs-Vordenker Alexis Mital in der Pariser Tageszeitung"Le Monde", "Mit immer mehr Regulierungen werden zahlreiche Forderungen der Bewegung jetzt im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus von oben durchgesetzt." Ähnlich habe auch der Höhenflug des Keynesianismus nach dem Zweiten Weltkrieg dem Marxismus die Grundlage entzogen. "Adieu Seattle" freuen sich dementsprechend die radikalkonservativen Editorialisten des "Wall Street Journals", für die Selbstmordattentäter Atta und die Antiglobalisierungsgegner von Attac sowieso Produkte des gleichen Hasses gegen Moderne und westliche Demokratie sind.
Die Freude mag verfrüht sein. Aber eines ist klar: der Paradigmenwechsel in der Politik der Führungsmacht Amerika ist keineswegs auf militärische und Sicherheitsfragen beschränkt. Ohne mit der Wimper zu zucken hat der Kongress 40 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau in New York bewilligt, die in den Grundfesten erschütterte Luftfahrtindustrie erhielt 15 Milliarden. Ein ausgeglichenes Budget, lange Zeit das Um und Auf der wirtschaftlichen Debatte, ist schlicht kein Thema mehr. "Wenn man im Krieg steht und sich mit einer Rezession konfrontiert sieht, dann ist orthodoxe Budgetpolitik nicht prioritär," schiebt der republikanische Senator Chuck Grassley alle Hinweise auf den längst verschwundenen Haushaltsüberschuß beiseite.
Ganz so als ob es ein monetaristisches Vertrauen in die Ausschließlichkeit des Marktes nie gegeben hätte, diskutiert Amerika Umfang und Zielrichtung eines staatlichen Konjunkturprogrammes. Um einen Beitrag von immerhin 100 bis 200 Milliarden Dollar geht es. Demokraten wie Edward Kennedy und Richard Gephardt verlangen höheres Arbeitslosengeld und bessere Pensionen, während die Republikaner zusätzliche Steuererleichterungen für die Wirtschaft bevorzugen und neue Ausgabe vor allem Geheimdiensten und Streitkräften vorbehalten wollen. Aber es ist ganz offensichtlich: unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen den Terrorismus erlebt der Staat notgedrungenermaßen ein Comeback, das sich keineswegs nur auf Fragen der Sicherheitspolitik beschränkt. Bei budgetpolitischen Diskussionen zwischen Europa und Amerika geht es auf jeden Fall jetzt nicht mehr darum, möglichst große Überschüsse zu produzieren, sondern um die beste Möglichkeit die drohende Rezession zu bekämpfen. Dass dies Aufgabe des Staates ist, das ist - zumindest in den USA - plötzlich unumstritten. So tief geht der wirtschaftspolitische Kurswechsel, daß "Le Monde" sogar einen neuen "New Deal" am Horizont sieht. So wie einst Franklin D.Roosevelt Amerika durch massive staatliche Intervention aus der Großen Depression geführt habe, seien auch Bush und O'Neill dabei, die monetaristischen Dogmen über den Haufen zu werfen. Der Krieg gegen den Terrorismus nehme danach wirtschaftspolitisch jenen Platz ein, der die Rüstungserfordernisse des Zweiten Weltkrieges einst für den Erfolg Roosevelts vorbehalten war.
Zu den Stärken Amerikas zählt der Pragmatismus der Eliten. Trotzdem überrascht die Leichtigkeit, mit der die Bush-Führung in diesen Tagen ihre konservativen Dogmen über Bord geworfen hat. Unilateralismus in der Außenpolitik ist ebenso out wie Monetarismus in der Wirtschaft. Europäischen Kritiker sprechen allerdings schon von Multilaterialismus a la carte, weil Amerika in der entstehenden sogenannten Allianz gegen den Terrorismus allein bestimmt, welche Schritte gesetzt werden und mit welchem Bündnispartner welche gemeinsame Aktionen unternommen werden. Auch die gestiegene Bereitschaft, in die globalisierten Märkte zwecks "Austrocknens der Finanzquellen des Terrorismus"(O'Neill) regulierend einzugreifen, tastet die großen Ungleichheiten der Weltwirtschaft noch lange nicht an.

Nur: mit alten Stereotypen der Globalisierungsgegner wird diesem neuen Amerika nach dem 11.September nicht zu begegnen sein. Flexibilität ist jetzt auch von Partnern gefordert, etwa der EU, wo die alte französische Idee einer Wirtschaftsregierung neue Aktualität bekommen könnte. Auch die Globalisierungsgegner sollten manches Überdenken. Immerhin sind die politischen Rahmenbedingungen noch nie in so kurzer Zeit so drastisch verändert worden, wie seit dem 11.September. Oder hätte sich noch vor sechs Wochen jemand ein chinesisches Sanktus für amerikanische Militärschläge gegen Afghanistan vorstellen können? Wen wunderts: China wird demnächst Mitglied in der von den Globalisierungsgegnern so kritisierten Welthandelsorganisation WTO und hofft auf diese Weise eine Fortsetzung der historischen ökonomischen Aufwärtsentwicklung des Reichs der Mitte zu sichern.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann