Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Wie Barack Obama die Mullahs straft, 1.7.2009

Barack Obama gleicht einem jener virtuosen Jongleure, bei denen man den Atem anhält, weil sie ständig ein Dutzend Scheiben gleichzeitig durch die Luft wirbeln. Es geht um die Konjunktur und die Banken, um das Gesundheitssystem und die Erderwärmung. In der Außenpolitik sind die Kriege im Nahen Osten, im Irak, in Afghanistan und die Beziehungen zum Iran der Einsatz. Zerschellt eine einzige Scheibe, droht die Katastrophe.
Die US-Administration geht alle Krisenherde der Region gleichzeitig an: schrittweiser Abzug aus dem Irak, Deeskalation in Afghanistan, Dialog mit dem Iran, Entspannung mit Syrien, Druck auf Israel. Eingebettet ist die Neuorientierung in eine Öffnung zur islamischen Welt.
Tatsächlich gibt es sanfte Zeichen der Bewegung. Bei den Parlamentswahlen im Libanon gewann zur allgemeinen Überraschung eine demokratische, prowestliche Parteienkoalition. Die vom Iran finanzierte Hisbollah erkannte ihre Niederlage an. Israels Rechtsregierung, die mit dem Schutzherrn USA in einem erbitterten Streit über die jüdischen Siedlungen in der Westbank steht, hat das Besatzungsregime gelockert. Nach drei Jahren Gefängnis wurde der palästinensische Parlamentspräsident Asis Duweik, einer von dutzenden inhaftierten Abgeordneten und Ministern der Hamas, freigelassen.
Das größte Erdbeben löste jedoch die Massenbewegung im Iran nach den Wahlen des 12. Juni aus. Das Land erscheint plötzlich nicht mehr als monolithischer Block. Durch Einschüchterung und Repression hat das Regime vorerst die Kontrolle über die Straßen zurückgewonnen. Der im Machtkampf unterlegene Präsidentschaftskandidat Mir Hossein Mussawi kann jeden Augenblick als "Feind Gottes" verhaftet werden. Durch seine aufrechte Haltung hat sich der einstige Vertraute des Ajatollah Khomeini Respekt weit über den Kreis seiner Anhänger hinaus erworben.
Aber zur Stabilität der letzten zwei Jahrzehnte wird der Iran nicht mehr zurückfinden. Als der zum Wahlsieger ausgerufene Mahmud Ahmadinedschad vor das Parlament in Teheran trat, glänzten zwei Drittel der Abgeordneten durch Abwesenheit. Eine Demonstration des Misstrauens.
Zum Symbol der Brutalität der Staatsmacht wurde die 26-jährige Studentin Neda Soltan, die am Rande einer Kundgebung auf dem Heimweg vom Gesangsunterricht in Teheran von einem Bassidschi-Milizionär erschossen wurde. Millionenfach wurden die Bilder der in ihrem Blut liegenden jungen Frau über Youtube verbreitet. Der Graben zwischen dem Regime und jenen Bevölkerungsschichten, die sich betrogen fühlen, ist nach den blutigen Tagen der Repression nicht mehr zu überbrücken. Jede neue Wendung, die Verhaftung Mussawis oder der 40-tägige schiitische Trauerrhythmus können zu neuen Eruptionen führen.
Die führende iranische Fraktion mag sich zwar kurzfristig durchgesetzt haben, sie geht jedoch deutlich geschwächt aus der Auseinandersetzung hervor. Ahmadinedschads Versuch, durch krampfhafte Attacken gegen Obama von der Krise abzulenken, wirken eher hilflos als bedrohlich.
Zu Recht hielt sich der amerikanische Präsident in den heißen Tagen so weit zurück wie nur irgend möglich; trotz der Proteste neukonservativer Schreier, denen egal ist, dass markige Töne aus dem Weißen Haus nur den Hardlinern im Iran geholfen hätten. Ein viel wirksameres Signal in Richtung Teheran kam aus dem State Department mit der Ernennung eines amerikanischen Botschafters in Damaskus. Syrien ist der einzige Verbündete des iranischen Regimes in der Region. Ohne Syrien als Verbindungsglied kann der Iran weder die libanesische Hisbollah kontrollieren noch die palästinensische Hamas beeinflussen.
Kommt es zu einer Verständigung des syrischen Präsidenten Assad mit Washington, verliert die Islamische Republik zwei ihrer wichtigsten Drohmittel gegen den Westen. Die Isolation des Iran, vor der auch die reformfreundliche Fraktion des iranischen Establishments unter Expräsident Rafsandschani eindringlich warnt, würde sich dramatisch verschärfen.
Der iranische Oberste Führer Ali Khamenei hat es nicht nur im eigenen Land mit einer Demokratiebewegung von unten zu tun. Ihm steht mit Barack Obama auch ein Politiker gegenüber, der weiß, womit er die fundamentalistischen Strategen treffen kann, besser als sein Vorgänger mit seiner polternden Demokratierhetorik.


 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann