Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Wie Europa nationalistische Fieberschübe bekämpfen kann, 12.1.2011

Als Wettbewerbskommissarin hat sich Neelie Kroes mit Microsoft und der Pharmalobby, österreichischen Banken und deutschen Energieriesen angelegt. Jetzt prüft die niederländische Liberale, inzwischen zuständig für die Digitale Agenda, das ungarische Mediengesetz. Die massiven Zweifel der Europäischen Kommission am neuen Budapester Kontrollmechanismus für die Medien deponierte die harte Lady schon vor drei Wochen. Ein Vorgang, der normalerweise zu einem Vertragsverletzungsverfahren führt.
Dass sein Gesetz weltweit als Gefahr für die Pressefreiheit angesehen wird, hat Premier Viktor Orban offensichtlich völlig überrascht. Ein Zeichen mehr für die insuläre Geisteshaltung der Budapester Führung. In dem durchgespielten Rechtsweg über die Europäische Kommission sieht Ungarn jetzt die Chance, seine schwer angeschlagene EU-Präsidentschaft doch noch zu retten. Wenn sich Passagen des Mediengesetzes als rechtswidrig erweisen, dann werden sie geändert, verkündet der Regierungschef. Besonderes Entgegenkommen ist das keines. Jeder Mitgliedsstaat muss Gesetze korrigieren, die EU-Regeln nachweislich widersprechen.
Tatsächlich herrscht europaweit ein tiefes Misstrauen gegen die nationalkonservativen Machthaber in Budapest. Die Staatsbürgerschaft samt Wahlrecht für Millionen in der Slowakei, Rumänien und Serbien lebende Ungarn könnte zum Chaos mit den Nachbarn führen. Doppelstaatsbürgerschaften sind zwar nicht ungewöhnlich. Aber man kann sich lebhaft vorstellen, was los wäre, wenn plötzlich Südtiroler auch österreichische Pässe bekämen und Kärntner Slowenen slowenische Staatsbürger würden. Ein rückwärts gewandter Führerstaat in den Kostümen der Vergangenheit wäre ein Herd der Instabilität.
Diese Sorge erklärt die überraschend scharfen Worte mehrerer EU-Regierungen. Deutschland schlug vor, dass Ungarn als EU-Vorsitzland die Verhandlungsführung über die Medienfreiheit mit den Halbdiktaturen Weißrussland und Ukraine im Rahmen der sogenannten östlichen Partnerschaft abgibt, solange die Zweifel an der eigene Pressefreiheit nicht beseitigt sind.
Parallelen zur österreichischen Situation des Jahres 2000 sind offensichtlich. Jacques Chirac fühlte sich von Wolfgang Schüssel hintergangen, weil Schwarzblau den Cordon Sanitaire gegen Rechtsaußenparteien durchbrach. Die europaweite Welle der Empörung über die ÖVP-FPÖ-Koalition sollte eine Kertwende in Wien erzwingen und generell rechtsextreme Parteien von der Staatsmacht fern halten.
Beide Ziele haben die damaligen EU-14 verfehlt. Mit tausenden Schwüren musste sich die Wiener Regierung zu Freiheit und Demokratie bekennen, was gemeinsam mit der europäischen Überzeugung Wolfgang Schüssels ein Abdriften Österreichs ins Abseits verhinderte. Aber Gedankengut, das vor zehn Jahren als rechtsextrem verpönt war, ist inzwischen auf dem halben Kontinent im Vormarsch.
Trotzdem könnte der europäische Versuch, in Ungarn eine autoritäre Wende zu verhindern, erfolgreicher sein, als die etwas planlosen Sanktionen gegen Schwarzblau.
Zusätzlich zu einem Vertragsverletzungsverfahren wegen des Mediengesetzes steht die Drohung mit Artikel 7 des EU-Vertrages im Raum. Es ist jetzt genau festgelegt, wie bei Verdacht auf Verletzung der Grundrechte vorzugehen ist. Die Hürden für Sanktionen, die bis zum Stimmrechtsentzug gehen können, sind riesig. Aber schon die allerersten Schritte würden immensen politischen Druck entfalten.
Die nächsten Stoppschilder gegen ein autoritäres Abgleiten des Regimes Orban wollen die Europaabgeordneten schon in den nächsten Wochen einschlagen. Der ungarische Premier muss sich auf einen stürmischen Empfang in Straßburg gefasst machen.
Die Kombination einer immer stärker verzahnten europäischen Innenpolitik mit der Sogwirkung der Integration hat schon öfter geholfen, Sackgassen zu überwinden. Der Retro-Nationalismus ungarischer Machart, autoritär und antisemitisch, ist eine harte Nuss. Aber warum sollte er auf Dauer mehr Kraft haben als die Brüder Kaczynski in Polen oder der fast schon vergessene Vladimir Meciar in der Slowakei?
Wenn die EU das politische Engagement des Europaparlaments mit der legalistischen Hartnäckigkeit der Europäischen Kommission kombiniert, wird sie am längeren Ast sitzen als einzelne von nationalistischen Fieberschüben geschüttelte Mitgliedsstaaten.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann