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Wie der
Afghanistankrieg US-Politik und Militärs entzweit, 30.6.2010
Douglas MacArthur, Held des
Pazifikkriegs, US-Statthalter über Japan und Oberkommandierender
der internationalen Truppen in Korea, war einst in die Wüste geschickt
worden, weil er plante, den Koreakrieg durch einen Atomangriff auf China
zu eskalieren. Der legendäre General hielt Trumans begrenzte Kriegsführung
für naiv. Ein großer Showdown in Asien war seiner Meinung nach
der einzige Weg, den weltweiten Vormarsch des Kommunismus zu stoppen.
Glücklicherweise war die zivile Führung in Washington ausreichend
alarmiert, sodass Präsident Truman mitten im Krieg den Oberbefehlshaber
absetzte. In den USA darf an der Vorherrschaft der zivilen Führung
über die Militärs selbst in den extremsten Situationen nicht
gerüttelt werden.
General Stanley McChrystal, den Barack Obama als US-Oberbefehlshaber in
Afghanistan beinhart abservierte, hat keine offene Kritik an der amerikanischen
Strategie geübt. Schließlich stammt der Plan, mit 30.000 zusätzlichen
Soldaten das Ruder herumzureißen, zum großen Teil von ihm
selbst. Die verächtlichen Bemerkungen über die Führung
in Washington, zu denen sich McChrystal und seine engsten Mitarbeiter
gegenüber der Zeitschrift Rolling Stone hinreißen ließen,
zeigen jedoch, wie zerrissen Militärs und Politiker im Afghanistankrieg
sind.
Die unfreiwillige Botschaft des Generals: So ziemlich alles läuft
schief für die westlichen Verbündeten. Die neue Strategie, die
Bevölkerung durch mehr Soldaten am Boden und weniger zivile Opfer
aus der Luft dem Einfluss der Taliban zu entziehen, funktioniert nicht.
Für Barack Obama war das Bild einer US-Führung, die unfähig
ist, an einem Strang zu ziehen, genauso inakzeptabel wie die Respektlosigkeit
gegenüber dem Weißen Haus. Die Verabschiedung seines Generals
war die logische Konsequenz.
Der Nachfolger als Afghanistan-Oberbefehlshaber ist General David Petraeus,
der in den USA als militärisches Wunderkind gehandelt wird. Für
George W. Bush hat Petraeus im Irak die Lage durch die massive Bestechung
sunnitischer Stämme entspannt. Eine Kopie dieser Taktik in Afghanistan
war bisher kontraproduktiv: Die Schutzgelder, die das Pentagon für
Straßentransporte an lokale Machthaber zahlt, landen direkt bei
den Taliban.
Der militärische Führungswechsel hat in den USA zu einer Neuauflage
der Afghanistan-Debatte geführt, die Barack Obama längst beendet
glaubte. Im Zentrum steht sein Versprechen, ab Juli 2011 mit dem Rückzug
der US-Truppen zu beginnen. Eine Zusage, die als Konzession an den linken
Flügel der Demokraten gedacht war, mit der die Militärs aber
nie glücklich waren. Jetzt drängen die Hardliner darauf, den
fixen Rückzugstermin noch einmal zu überdenken. Henry Kissinger
etwa, seit jeher ein Falke, fürchtet einen plötzlichen Stimmungsumschwung
in der amerikanischen Öffentlichkeit wie einst während des Vietnamkriegs.
Auch wenn diesmal von Flächenbombardements wie damals in Indochina
nicht einmal bei den rechten Radikalinskis von Fox News die Rede ist:
Zumindest für ein unbegrenztes amerikanisches Engagement wäre
der ehemalige Außenminister. Angeblich könne nur so die Moral
der Taliban gebrochen werden.
In Afghanistan führen die USA inzwischen den längsten Krieg
ihrer Geschichte; einen Krieg, dessen Ziele immer unklarer werden. Das
Terrornetzwerk Al-Kaida, der für die Anschläge des 11. September
verantwortliche ursprüngliche Gegner, wird inzwischen in Pakistan,
Somalia und in mancher europäischen Großstadt eher geortet
als am Hindukusch.
Dazu kommt, dass Zweifel an der Kriegsführung von Whistleblowern
genährt werden, die Beweise für Lügen und Ungereimtheiten
der Militärs veröffentlichen. Erst vor wenigen Wochen erschütterte
ein geheimes Video eines Helikopterangriffs auf Zivilisten im Irak die
Öffentlichkeit, das auf der Homepage Wikileaks veröffentlicht
wurde. Wikileaks-Begründer Julian Assange, der nach der Veröffentlichung
des Videos eine Zeitlang untertauchte, gilt inzwischen als neuer Daniel
Ellsberg: Jener Mann, der in den 70er-Jahren die "Pentagon-Papiere"
veröffentlichte, um zu beweisen, dass die US-Regierung die Vorwände
zur Eskalation des Vietnamkriegs selbst produzierte.
Inzwischen stehen weitere Veröffentlichungen durch Wikileaks bevor.
Nach dem Auswechseln des Oberkommandierenden in Kabul zeichnet sich ab,
dass der Afghanistankrieg für die US-Führung bald einen neuen
Hauptschauplatz bekommt: die Heimatfront.
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