Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Wie in Vietnam?, 3.4.2007


Seit sich in den US-Medien die Vergleiche zwischen dem Irak und Vietnam häufen, werden auch die allerletzten Tage der amerikanischen Präsenz in Saigon wieder unter die Lupe genommen. Zu den berühmten Bildern der letzten Helikopterflüge vom Dach der US-Botschaft vom April 1975 gesellen sich die anderen, weniger bekannten Szenen, als schwerbewaffnete Marines vietnamesische Frauen und Kinder mit Gewalt daran hinderten, in das Botschaftsgelände zu flüchten. 150.000 Vietnamesen wurden von der Administration Gerald Fords nach dem Abzug in den USA angesiedelt. Trotzdem ließ das Militär im Augenblick des Zusammenbruchs Hunderttausende verzweifelte Verbündete zurück, die dann den Weg in die Umerziehungslager der kommunistischen Sieger antraten. Auch bei Hardlinern gilt die Flucht aus der Verantwortung für die einstigen Mitkämpfer als besonders dunkler Fleck in der unrühmlichen Geschichte der US-Indochinapolitik.
Jetzt weist im New Yorker George Packer, einer der profundesten Chronisten des Scheiterns im Irak, darauf hin, dass ein ähnlicher "Verrat" an den irakischen Verbündeten längst passiert ist. Die Zahlen sind beschämend: Mehr als zwei Millionen Iraker sind in den letzten Jahren zu Flüchtlingen geworden. Jede Woche verlassen 50.000 Menschen das von Krieg und Bürgerkrieg zerrissene Land. Die USA, deren Invasion diesen Selbstzerstörungsprozess ausgelöst hat, haben bisher sage und schreibe 463 dem Chaos um Bagdad Entkommenen Asyl gewährt. George Bush will jetzt 7000 zusätzliche Iraker aufnehmen, aber selbst diese bescheidene Zahl stößt auf Ablehnung.
Als Saddam Hussein fiel, boten sich den neuen Herren viele Tausend Iraker zur Mitarbeit an, die nach dem Albtraum der Diktatur an einen Neuanfang glaubten. Oft waren es aufgeschlossene junge Leute aus gebildeten Kreisen, Fans amerikanischer Kultur oder vom Saddam-Regime angewiderte Fachleute, die zu den wichtigsten Stützen der Besatzungsmacht wurden. Vier Jahre später sind sie in Amman und Damaskus, Kairo, Dubai und sogar mit offiziellem Flüchtlingsstatus in Schweden zu finden, aber nur mehr ganz selten in Bagdad. Die Flucht der engsten Verbündeten ist zu einem verheerenden Symbol für das Scheitern aller Bemühungen geworden, unter amerikanischer Vormundschaft einen neuen Staat aufzubauen. Übersetzer, Berater und Experten im Dienste der US-Army oder der riesigen US-Botschaft gelten den Aufständischen als Kollaborateure. Sie sind das bevorzugte Ziel von Mordanschlägen und Entführungen, ohne dass die amerikanischen Arbeitgeber sich fähig zeigen, den eigenen Angestellten Schutz zu gewähren. Im Gegenteil: Der New Yorker beschreibt eine Mischung aus Ignoranz und Misstrauen der US-Behörden gegenüber der Bevölkerung, die jede Hoffnung zerstört, der US-Präsenz könnte doch noch eine stabilisierende Funktion im irakischen Chaos zukommen. Eine Besatzungsmacht, die nicht einmal ihre eigenen Mitarbeiter schützen kann, gibt sich selbst auf.
Die Meinung, die Iraker seien primär selbst schuld am Debakel, ist in allen Sektoren der US-Öffentlichkeit verbreitet. Bushs Sicherheitsberater zweifelt offen die Performance des irakischen Premiers an und die Medien, ob konservativ oder liberal, sind voll der abschätzigen Bemerkungen über das fehlende Durchhaltevermögen der irakischen Soldaten. Auch die Logik der Demokraten, die einen Abzug erzwingen wollen, wenn die irakische Regierung nicht bestimmte Bedingungen erfüllt, läuft darauf hinaus, die Verantwortung für ein Scheitern möglichst nach Bagdad zu verschieben. Jeder irakische Flüchtling, der irgendwo in der Welt, vor allem aber in den USA, um Aufnahme sucht, gilt daher als Verräter an einer Sache, für die Amerika nach wie vor einen hohen Preis zahlt.
Eine weltfremde Logik, die mit der Wirklichkeit um Bagdad wenig zu tun hat, den USA aber das Eingeständnis der Niederlage ersparen soll. Tatsächlich gilt auch Vietnam mehr als dreißig Jahre nach dem Abzug vielen Amerikanern zwar als Tragödie oder Fehlkalkulation, nur in seltenen Fällen ist dagegen davon die Rede, dass die USA von den Kriegern Ho Tschi Minhs schlicht besiegt wurden. Das sogenannte "Vietnamsyndrom" hinderte die US-Außenpolitik trotzdem jahrelang an neuen Abenteuern in fernen Landen.

Der vom Irakkrieg ausgehende Katzenjammer in den USA trifft zurzeit vor allem die Regierung. Mit gutem Grund zählt der smarte britische Economist die Republikanische Partei zu den Kollateralschäden des Irakkrieges. Das gesamte System von staatlicher Überwachung und republikanischer Allmacht, das in Washington unter dem Vorzeichen des Antiterrorkampfes eingeführt wurde, zerfällt. Seit im Kongress die Demokraten das Sagen haben, vergeht keine Woche, ohne dass wesentliche Eckpfeiler des Bush-Regimes infrage gestellt werden. Sogar das Gefangenenlager von Guantánamo wird inzwischen nicht mehr nur von Human Rights Watch oder Uno-Menschenrechtsexperten kritisiert, sondern sogar von Verteidigungsminister Robert Gates, in dessen Kompetenz die Behandlung der "feindlichen Kämpfer" fällt. Nur ein Veto Dick Cheneys verhinderte, dass Gates die 380 verbliebenen Gefangenen der Militärjustiz übergab. Bis zum Ablauf der Amtszeit George Bushs ist ein Ende der juridischen Farce auf Guantánamo ebenso wenig zu erwarten wie eine ehrliche Auseinandersetzung mit der irakischen Realität.
Amerika muss zusehen, wie es mit diesem Makel umgeht. Als der El-Kaida-Gefangene Khaled Scheik Mohammed bei seinem Bekenntnis zu den Anschlägen des 11. September, der grausigen Enthauptung des Journalisten Daniel Pearl und 29 anderen Mordtaten auch über die Folter in den Geheimgefängnissen sprach, da waren die beiden führenden Senatoren des Streitkräfteausschusses in Washington geheime Zeugen im Nebenzimmer. Sie haben eine Untersuchung der umstrittenen Verhörmethoden des CIA versprochen. Wie ernst es ihnen mit dieser Ankündigung ist, muss offenbleiben. Aber der Schaden ist angerichtet. Die illegalen Verhörpraktiken machen ein rechtlich sauberes Verfahren gegen einen Mann fast unmöglich, der wahrscheinlich Tausende Unschuldige auf dem Gewissen hat. Eine Restauration der Menschenrechte im Antiterrorkampf und Menschlichkeit im Umgang mit Irakflüchtlingen wären erste Schritte, die Amerika auch vor dem Anbruch einer neuen politischen Ära setzen könnte.




 

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