Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Wieso der größenwahnsinnige Diktator so lange überlebte, 2.3.2011

Den ehemaligen tunesischen Diktator Ben Ali lernte die Welt erst kennen, als er sein Land verließ. Hosni Mubarak blieb den meisten Menschen außerhalb Ägyptens egal, die eigenen Untertanen machten sich gerne über ihn lustig. Muammar al Gaddafi, der sein Land lieber in Schutt und Asche legt, als sich der Aufstandsbewegung seines Volkes zu beugen, ist dagegen seit Jahrzehnten eine polarisierende Figur der Weltpolitik. Der Revolutionsführer war Produkt der panarabischen Radikalisierung nach der Niederlage gegen Israel im Sechstageskrieg 1967. Seine antiimperialistische Rhetorik brachte ihn rasch auf Kollisionskurs mit den USA. Mit Geld und Waffen griff Gaddafi dissidenten Palästinenserfraktionen, kurdischen Aktivisten und der Irischen Republikanischen Armee unter die Arme. Lange bevor Jörg Haider oder Silvio Berlusconi die finanziellen Vorteile einer Freundschaft mit Gaddafi entdeckten, pilgerten auch alternative Aktivisten aus Österreich nach Tripolis. In der arabischen Welt wurde Gaddafi trotzdem nie ernst genommen. Seine revolutionäre Pose galt als Farce. War der Oberst doch nicht dank einer Massenbewegung an die Macht gekommen, sondern durch einen Putsch. Statt einer überzeugenden Ideologie bot Gaddafi Brosamen seiner Ölmilliarden. Dazu kam der von Freund und Feind bestätigte exzentrische Größenwahn des Diktators. Bruno Kreisky sah in Gaddafi vor allem den arabischen Führer, der sich unabhängig von Moskau gegenüber der amerikanischen Vorherrschaft zu behaupten sucht. Daher die ungewöhnliche Einladung nach Wien 1982. Die orientalische Inszenierung, mit der sich Gaddafi umgab, die Empfänge im Wüstenzelt und die angebliche Leibgarde unverschleierter und bewaffneter junger Frauen unterstrichen das Revolutionsflair des Diktators. Hinter der Phrase von der grünen Revolution versteckte sich in Wirklichkeit stets ein brutaler Polizeistaat, der Gegner bis ins Exil verfolgen ließ. Auch Massenmord war in den Augen des Libyers ein legitimes Mittel. Für den Anschlag auf die Pan Am-Maschine über Lockerbie mit 270 Toten 1988 musste Libyen später ebenso die Verantwortung übernehmen, wie für die 170 Opfer eines Anschlages auf eine französische Verkehrsmaschine in Afrika. Ronald Reagan, der selbst mit antikommunistischen Mördern und Terroristen zusammenarbeitete, sah in Gaddafi zweifelsohne zu Recht einen Paten antiamerikanischen Terrors. Dementsprechend gering waren die Proteste, als Reagan Gaddafis Zelt bombardieren ließ. Die Kehrtwende, mit der sich der Revolutionsführer von der amerikanischen Achse des Bösen nahm, passierte nach dem 11.September 2001. Jahrelang hatte Libyen versucht zu Atomwaffen zu kommen. In panischer Angst vor einer Attacke der USA lieferte Gaddafi alle Details seines bis dato geheimen Atomprogramms. Ganze Ladungen mit Zentrifugen zum Bau der Bombe wurden in Richtung Amerika verschifft. Dem CIA gelang es die Spuren bis zu Bombenbauer A.Q.Khan zurückzuverfolgen, der von Pakistan aus auch Nordkorea beliefert hatte. Was folgte war die Versöhnung des Westens mit dem alternden Diktator, in der Hoffnung auf gute Geschäfte und Zusammenarbeit im Kampf gegen Al Kaida. Der Milliarden schwere libysche Staatsfonds wurde als Investor in ganz Europa gefragt. Die Hoffnungen auf eine Liberalisierung konzentrierten sich auf den in London und Wien verkehrenden Gaddafi-Sohn Saif al-Islam. Dabei übersah man, in welchem Ausmaß das Bild eines als illegitim empfundenen Familienclans, der die Reichtümer des Landes untereinander aufteilt, den Hass der Libyer verstärken musste. Die Erpressungsmethoden, mit der die Untertanen seit langem konfrontiert sind, erlebte die Schweiz, als die Polizei in Genf gegen einen prügelnden Gaddafi-Sohn vorging und in Tripolis darauf zwei Schweizer Geschäftsleute als Geiseln genommen wurden. Richtig: eine demokratische Tradition hat es in Libyen nie gegeben. Gaddafis Repression hat alle Ansätze zu einer Zivilgesellschaft unterdrückt. Stammestraditionen sind allgegenwärtig. Aber in ihrer Revolte gegen einen der schlimmsten Polizeistaaten der Region haben die Libyer sich genauso wie Ägypter und Tunesier für Freiheit und Demokratie engagiert. Ist das Regime einmal geschlagen, könnte der Ölreichtum Libyens zu einem Schlüssel für den Neuanfang in Nordafrika werden.

 

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