Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Willkommen in der neuen Weltordnung, 16.6.2010

Als die Europäer Ende letzten Jahres die Klimakonferenz in Kopenhagen mit leeren Händen verlassen mussten, da fühlten sich umgekehrt China und Indien als aufsteigende Wirtschaftsmächte bestätigt. Beim Sanktionsbeschluss gegen den Iran in den Vereinten Nationen letzte Woche sah die Konstellation anders aus. Während Russland und China gemeinsam mit Amerikanern und Europäern den Druck auf Teheran verstärken, sind zwei langjährige Verbündete des Westens ausgeschert.
Brasilien und die Türkei verfolgen im Atompoker einen eigenen Kompromissvorschlag. Das israelische Debakel rund um die gekaperten Solidaritätsschiffe für Gaza wiederum erweist sich als Triumph für die Türkei, die sich hinter die propalästinensischen Aktivisten gestellt hat. Recep Erdogan, Ministerpräsident eines Nato-Landes, das jahrzehntelang eng mit Israel verbündet war, ist der Held der arabischen Welt. Willkommen in der neuen Weltordnung.
Selten zuvor waren die Tendenzen zur multipolaren Vielfalt im internationalen Geschehen so sichtbar. Alte Loyalitäten treten in den Hintergrund und die angeschlagene Supermacht Amerika tut sich schwer. Umbruchsituationen sind unberechenbar. Aber gerade im Nahen Osten, wo die alten Frontstellungen eingefroren sind, kann Bewegung neue Chancen bringen. Der Türkei kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.
Regierungschef Erdogan ließ gemeinsam mit Brasiliens Lula einen Deal mit der iranischen Regierung aushandeln, wonach der Iran für die Lieferung von Brennstäben Uran zur Anreicherung in die Türkei schicken wollte. Ein diplomatischer Coup ersten Ranges, parallel zu den Sanktionsbemühungen der Großmächte in New York. Die endgültige Lösung des Atomstreits wäre das nicht gewesen. El Baradei, Ex-Chef der Atomenergiebehörde, spricht immerhin von einem vertrauensbildenden Schritt. Vorläufig kam aus Washington ein schroffes Nein zum türkisch-brasilianischen Alternativvorschlag.
Noch spektakulärer ist der türkische Rollenwechsel im israelisch-arabischen Konflikt. Die Unterstützung der Gaza-Aktivisten und die lautstarke Verurteilung der blutigen israelischen Kommandoaktion auf hoher See durch Ankara erwies sich als politisches Meisterstück. Der im Inneren sonst so umstrittene Regierungschef weiß im Clinch mit Jerusalem die eigene Bevölkerung geschlossen hinter sich. In der arabischen Welt preisen Gemäßigte wie Radikale Erdogan als neuen Gamal Abdel Nasser, den Helden des panarabischen Nationalismus. Die Polemik gegen das, was die türkische Führung als rechtswidrige Piratenaktion der Israelis in internationalen Gewässern bezeichnet, mag aus Sicht amerikanischer Kommentatoren auf ihre islamistischen Wurzeln verweisen. Aber die Friedensflotte war eine politische Demonstration und keine Gefahr für Israels Sicherheit. Das Blutbad hat in der ganzen Region einhellige Empörung ausgelöst. Mit radikalen Wahnvorstellungen von einem heiligen Krieg zur Auslöschung Israels haben Erdogans Ausbrüche nichts zu tun.
Dass ausgerechnet der erste islamische Staat, der Israel diplomatisch anerkannt hat, eine neue Führungsrolle in der Region übernimmt, könnte sich als Chance herausstellen, hofft der französische Publizist Bernhard Guetta. Denn niemand hätte mehr Autorität, die radikalisierte arabische Jugend für einen ehrenhaften Frieden mit Israel zu gewinnen, als der türkische Regierungschef. Zweifelsohne ein optimistisches Szenario. Aber die Alternative wäre ein Abdriften der Türkei Richtung Osten, was von Ankara in Abrede gestellt wird. Schließlich sind die Streitkräfte fest in der Nato verankert. Die Wirtschaftsinteressen drängen das Land in die EU.
Die Europäer haben keine Chance ausgelassen, die Türkei zurückzustoßen. Aber jetzt erinnert man sich in Brüssel daran, dass auch die Union die Gaza-Blockade immer verurteilt hat. Alte Pläne über die Kontrolle von Übergängen durch EU-Polizei werden ausgegraben, und Frankreich kann sich europäische Schiffe auf Patrouille entlang der Küste vorstellen. Dass man dazu auch mit der Hamas reden müsste, versteht sich von selbst.
Die Regierungspartei in Ankara verfügt über die Kanäle zu den Fundamentalisten. Israel wünscht sich eine engere Verbindung zur EU. Statt sich weiter antitürkische geopolitische Eigengoals zu schießen, könnten die Europäer ihrer Nahostpolitik mehr Biss geben, indem sie gemeinsam mit dem Partner am Bosporus vorgehen. Es wäre eine Allianz, die in der neuen Weltlage gute Chancen hätte, ernst genommen zu werden.

 

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