Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Wir und die Welt, 28.9.1999

Als ich vor zwei Jahren nach einem längeren Auslandsaufenthalt wieder nach Wien kam, erschien mir die überwältigende multikulturelle Dimension des Alltagslebens der frappierendste Unterschied zu früheren Jahren. Der verstaubte Schusterladen um die Ecke ist von einem russischen Einwanderer aus Samarkand zu neuem Leben erweckt worden. Palästinenser und Libanesen wetteifern mit Pizza und Spagetti im Nachbarhaus. In den meisten Geschäften stehen slowakische oder jugoslawische Verkäufer hinter der Theke und kaum ein Eßlokal kommt ohne ungarische oder tschechische Kellner aus. Kein Wohnhaus, in dem nicht polnische Bauarbeiter massive Erneuerungsarbeiten vollbracht hätten.
Eine Realität, die mich an das Völkergemisch von New York oder Los Angeles erinnerte. Die Öffnung der Grenzen und der Zuzug innovativer Zuwanderer hatte offensichtlich hier wie dort einen guten Teil der materiellen Aufwärtsentwicklung begründet. Selbst den Wiener Alltagsrassismus in Schulen, Parks und Gemeindebauten verglich ich mit den Ressentiments jeder amerikanischen Einwanderergeneration gegen die ethnisch andere nachfolgende Gruppe. Die Ähnlichkeiten sind tatsächlich gegeben. Aber der historisch-politische Rahmen ist trotzdem ein ganz anderer. Die Xenophobie eines David Duke oder Pat Buchanan, den beiden Rechtsaußen der amerikanischen Politik, steht gegen den amerikanischen Grundkonsens von den USA als einer für Neues und Fremdes grundsätzlich offenen Einwanderungsgesellschaft. In heimischen Breitengraden ist es umgekehrt: der offizielle Diskurs vom "Nicht-Einwanderungsland" Österreich mag zwar in krassem Gegensatz sowohl zur Geschichte als auch zur aktuellen Realität stehen, er verleiht jedoch jedem kleinsten Konflikt mit ethnischem Hintergrund eine erstaunliche Tiefenwirkung. Was in den Strassenbahnen und Ämtern, in Schulen und Parks so viele selbsternannte "echte Österreicher" ärgert, dürfte laut offizieller Sprachregelung eigentlich gar nicht sein: die - zugegebenermaßen schwierige - Vermischung verschiedener Kulturen und Traditionen in heimischen Gefilden. Es ist eine denkbar neurotische Konstellation. Xenophobie in der Politik gibt es fast überall. Sie kann sich allerdings zumeist nicht auf einen Immigration grundsätzlich ablehnend gegenüberstehenden Grundkonsens der großen politischen Kräfte stützen, wie hierzulande.
Unbeirrt von allen innerösterreichisch so erfolgreichen Anstrengungen Jörg Haiders in Richtung Imagewechsel, gilt die FPÖ international gleichzeitig nach wie vor als "rechtsextrem". "Bricht ein Extremist Österreichs Konsenspolitik?", fragt der Londoner "Economist". Und die "Agence France Presse" sieht dieser Tage die Regierungskoalition in Wien von der "rechtsextremen FPÖ" bedroht. Im Gespräch mit "Reuters"-Korrespondent Richard Murphy gestand Österreichs EU-Kommissar Franz Fischler sogar ein, daß eine solche für österreichische Ohren nicht gerade sehr differenziert klingende Charakterisierung "nicht ganz grundlos" sei: "Die Botschaft dieser Partei ist eine der Fremdenfeindlichkeit, der Ablehnung engerer internationaler Zusammenarbeit, der Wiederherstellung des alten Prinzips des Nationalstaates des 19.Jahrhunderts und der Bremsung der Europäischen Integration," erklärt der EU-Landwirtschaftskommissar der Weltpresse die FPÖ.
Trotzdem besteht zwischen FPÖ und vom Programm her vergleichbaren Organisationen wie Le Pen's Front National, dem Vlaamske Blok in Belgien oder Australiens aufsteigender Anti-Ausländerpartei der Pauline Hanson ein wesentlicher Unterschied: sie liegt weder in der demokratischen Legitimation, noch in der Einbettung im parlamentarischen System. Schließlich gewinnt auch ein Le Pen seine Anhänger in demokratischen Wahlen. Die entscheidende Differenz ergibt sich aus der durch die Jahre der Großen Koalition gewachsenen Stellung der Haider-FPÖ als scheinbar einzige Kraft, die einen in jedem parlamentarischen System notwendigen Wechsel anbietet. "Change" ist in der westlichen Demokratie ein Wert für sich. Die für die gesamte Zweite Republik typische Zusammenarbeit zwischen Bürgertum und sozialdemokratischer Arbeiterbewegung auf Regierungsebene hat diesen Wechsel im heimischen politischen System allerdings zur Seltenheit werden lassen.
Das Resultat ist die gegenwärtige Konstellation: zu dem kollektive Neurosen gebärenden Bruch zwischen Diskurs und Wirklichkeit in der Einwanderungsfrage kommt der demokratisch verständliche Drang nach Regierungswechsel. Die kumulative Wirkung ermöglicht es Jörg Haider jetzt den "Umsturz" anzupeilen, wie Wolfgang Schüssel sieben Tage vor dem Wahltermin warnt. Das blau/blauschwarze Szenario für die Zeit nach dem 3.Oktober ist klar: wenn die SPÖ auch nach mehrmaligen Anlauf keine Regierungsbildung schafft, würde der Bundespräsident die F als zweitstärkste Partei beauftragen. Und die versucht ein "Kabinett der besten Köpfe" von rechts, das - ohne formellen blauschwarzen Koalitionspakt - auch für die ÖVP eine große Versuchung wäre. Jörg Haider wäre mittelfristig der Weg auf den Ballhausplatz geebnet. Bleibt eine Sorge, die trotz aller Euphorie auch bei geistig wachen Fans von Blauschwarz nicht zu überhören ist: wie wird in einem solchen Fall "die amerikanischen Ostküste" reagieren?
Als Auslandskorrespondent habe ich diese Frage schon 1995 in Washington im State Department gestellt. Der mir gegenüber sitzende vorsichtige Spitzendiplomat betonte, jede Regierungsbildung sei selbstverständlich eine rein österreichische Angelegenheit. Aber daß ein sichtbarer Einfluß Jörg Haiders auf die Staatsgeschäfte in Wien Österreich in den USA ein gewaltiges Imageproblem schaffen würde, das könne er nicht verschweigen. Für viele österreichischen Vertreter in westlichen Hauptstädten ist auch 1999 die Sache klar: "Haider in der Regierung bedeutet Waldheim hoch zwei."
Die Horrorvision von Isolation und einer zwangsläufig folgenden "Jetzt erst recht"-Einigelung nach dem 3.Oktober mag eine pessimistische Sichtweise sein: schließlich haben unter der Rechtsregierung Berlusconis in Italien Mitte der Neunzigerjahre sogar neofaschistische Kabinettsmitglieder an EU-Ministertagungen teilgenommen. Wie eine von Haider beeinflußte Regierung in Europa dastünde, würde wohl von ihrem konkreten Handeln ebenso abhängen wie von der Geisteshaltung ihrer Vertreter. Mit einer einseitigen Blockadepolitik gegen Vertiefung und Erweiterung der Union könnte ein solches Regime tatsächlich rasch den Ruf eines dumpf-provinziellen Außenseiters bekommen: "Wir würden zu einer Art Meciar-Regime innerhalb der EU", prophezeit ein scharfsinniger Beobachter von außen. "Ein Land, das sich von äußeren Einflüssen abschotten will und die Herausforderung der Globalisierung verweigert."
Ob die Sehnsucht nach Wechsel kombiniert mit dem fruchtbaren Humus des Fremdenhasses stark genug sind, damit das Land das Risiko eines derartigen Abdriftens eingeht, wird die entscheidende Zukunftsfrage. Sie hängt von Wahlausgängen ab, aber nicht nur: ebenso wichtig kann das Erwachen einer jenseits von sozialpartnerschaftlicher Konfliktangst und Parteiendominanz angesiedelten zivilen Gesellschaft werden.


 

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