Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

10 Jahre Revolution, Falter, 30.6.1999

Die Zeitenwende des Jahres 1989 hat viele Väter. Bei dem vom Instituts für die Wissenschaft vom Menschen am vergangenen Wochenende in Wien organisierten Meinungsaustausch der Revolutionsveteranen erwähnte man die Menschenrechtspolitik Jimmy Carters und den Aufrüstungskurs Ronald Reagans, die systemsprengende Botschaft des Papstes und die befreiende Wirkung der neuen Informationstechnologien.
All diese Umstände haben die Krise des sowjetischen Systems zweifelsohne beschleunigt und vertieft. Aber die beiden letztlich entscheidenden Faktoren wurden beim Bilanzziehen über das vergangene Jahrzehnt - nicht nur bei der Konferenz in Wien - gerne übersehen: die persönliche Rolle Michail Gorbatschows, ohne den der demokratisch-friedliche Zerfallsprozeß des sowjetischen Imperiums in dieser Form nie möglich geworden wäre. Sowie die demokratischen Volkbewegungen, die ausgehend von Vilnius über Riga, Tallin und Tiflis schließlich auch Moskau und Leningrad erfaßt haben.
Besonders Michail Gorbatschow hat keine gute Presse dieser Tage. Man weiß um seine geringe Popularität in Rußland und mockiert sich rückblickend über seinen Traum der demokratischen Reform von Kommunismus und Planwirtschaft . Tatsache ist, daß es der unbedankte Erfinder von "Glasnost" und Perestroika" allein war, der den Völkern der Sowjetunion die im Stalinismus wurzelnde allgegenwärtige Angst vor Partei, Staat und Polizei genommen hat. Als im Kreml der erste Volkskongreß mit aus echten Wahlen hervorgegangenen Abgeordneten tagte, da schleuderten Andrej Sacharow und seine Freunde ohne jede Zensur ihre Anklagen gegen KGB und Partei, Stalinismus und Diktatur in den Raum. Gebannt verfolgten die Menschen während Wochen die Live-Übertragungen im Fernsehen. Erst diese von Michael Gorbatschow durchgesetzte Öffnung hat den Befreiungsprozeß in Warschau, Berlin und Prag ermöglicht.
Die Vorstellung, die plötzliche Implosion des Kommunismus sei unvermeidlich gewesen, ist lächerlich. Wie lange selbst innerlich ausgehöhlte autoritäre System überleben können, zeigen Kuba, Vietnam und China oder auch Algerien, Lybien, oder der Irak. Wäre nicht ein Reformer wie Gorbatschow an der Spitze der Sowjetunion gestanden, sondern ein unnachgiebiger Apparatschik wie Ligatschow oder Ryschkow, niemand weiß, ob nicht ein russisches Tien-an Men - Massaker dem Völkerfrühling ein jähes Ende bereitet hätte. Erst Gorbatschows Signale von oben ließen 1989 in Osteuropa die Massen zu den eigentlichen Akteuren der Geschichte werden.
Für Osteuropa wure 1989 zum Ausgangpunkt einer spektakulären Erfolgsstory.
Wirtschaftlich relativ erfolgreich, demokratisch stabilisiert und in das westeuropäische System eingebunden, wie zahlreiche ehemalige Oststaaten heute dastehen, hätte sich diese Region vor 10 Jahren niemand vorstellen können. Einzig auf dem Balkan haben die zerstörerischen Tendenzen von Nationalismus, Autoritarismus und Gewalt die Oberhand behalten.
Radikal anders als in Osteuropa verlief die Entwicklung in Rußland: das tiefe Loch, in das der Zerfall der Sowjetunion die russische Gesellschaft gestürzt hat, ist auch heute noch nicht überwunden. Wirtschaftlicher Niedergang und gesellschaftlicher Verfall bedrohen mehr den je die brüchigen Ansätze einer demokratischen Kultur. Boris Jelzin's Tage sind gezählt: eine offene politische Krise nach seinem Abgang ist durchaus möglich. Damit würde die Entwicklung Rußlands zur größten Herausforderung für die Zukunft Europas schlechthin werden. Denn daß Krisenmanagement auf dem alten Kontinent ohne die Einbindung Rußlands unmöglich ist, das haben die russischen Panzer in Pristina
zuletzt wieder deutlich in Erinnerung gerufen.
In seinem geistreichen Deutungsversuch der jüngsten Geschichte ("Das Jahrhundert verstehen", Luchterhand 1999) zeichnet der israelisch-deutsche Historiker Dan Diner den Kalten Krieg als eine Art Weltbürgerkrieg, in dem
sich verdrängte geopolitische Interessenskonflikte mit dem von der Französischen Revolution tradierten Gegensatz zwischen den Prinzipien von Freiheit und Gleichheit vermischt haben. Mit den Ende des Kommunismus treten laut Diner die geopolitischen Tiefenströmungen in der europäischen Politik wieder viel stärker in den Vordergrund. Was das ausgehende 20. vom beginnenden 21.Jahrhundert unterscheidet, das ist laut Dan Diner die "atlantische Revolution", die den Kontinent in schockartigen Wellen vom Westen her transformiert hat. Die angelsächsisch-amerikanischen Werte von individuellen Bürgerrechten in einem parlamentarischen System des Interessenausgleichs seien jetzt auch in Osteuropa dabei, dem völkisch-kollektivistischen Denken den Garaus zu machen. Fraglich bleibt, ob dieser jüngste Amerikanisierungsschub auch den Balkan erobern kann. Und wahrscheinlich ist, daß er vorläufig auch vor den Toren Rußlands haltmachen wird.
Demokratische Modelle sind Rußland von außen nicht aufzuzwingen: dazu ist das Land zu riesig und dazu gehen seine Traditionen zu tief. Aber umgekehrt könnte eine demokratische Stabilisierung in Rußland sehr wohl durch eine andauernde Polarisierung gegen den Westen zunichte gemacht werden. Die
westliche Politik ist daher gut beraten so zu agieren, daß der Raum für antidemokratischen Revanchismus auf dem Moskauer Parkett möglichst eng bleibt. Daher war es weitsichtig, daß sich die NATO mit der russischen Präsenz auf dem Flugplatz von Pristina abgefunden hat. Der Preis für die Entschärfung des russisch-westlichen Gegensatzes in Kosovo ist gering: dafür kann Rücksicht auf russische Interessen und Emotionen allerdings entscheidend mithelfen jene demokratischen Traditionen auch in Rußland am Leben zu halten, die 1989 den Kontinent verändert haben.



 

 

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