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Zittern
für Obama, 17.9.2008
Zittern für Obama, Beten
für McCain: Gewinnen die Fundis?
Sarah Palin, der neue Shootingstar der amerikanischen Rechten, verhext
Amerika und verstört Europa. Gerade erst konnte man in Paris, London
und Wien wieder ganz leicht proamerikanisch sein. Zehntausende jubelten
Barack Obama zu. Wegen seiner Hautfarbe könnte der Senator aus Chicago
zwar in keinem EU-Staat auch nur Landeshauptmann werden, aber für
den Job des US-Präsidenten schlägt er in allen europäischen
Umfragen die Konkurrenz. Und jetzt kommt Sarah "Barracuda".
Die gottesfürchtige Gouverneurin, die aus Helikoptern auf Wölfe
schießt, Abtreibung selbst bei Vergewaltigung ablehnt, "Intelligent
Design" hochhält, fünf Kinder aufzieht und gegen das gesamte
Parteiestablishment ihres Heimatstaats mit der Minibevölkerungerfolgreich
war, hat die Karten neu gemischt. John McCain, der noch vor wenigen Wochen
als aussichtsloser Langeweiler galt, liegt in den Umfragen plötzlich
vorne.
Europa ist unvermittelt wieder mit dem Teil Amerikas konfrontiert, den
man nie verstanden hat. Sarah Palin, die Frau, die halb Amerika elektrisiert,
verkörpert eine Kombination von "Jesus, Guns, Babies",
die den Europäern den kalten Angstschweiß auf die Stirn treibt:
zur Schau getragenes Christentum mit Liebe zu Gewehr und Militär,
feministisches Selbstvertrauen kombiniert mit kitschigem Muttersinn, Rebellion
und Marketing, und das alles einen Herzschlag vom Weißen Haus entfernt.
Hinter der europäischen Begeisterung für Obama verbirgt sich
die Sehnsucht nach Eintracht mit der Hegemonialmacht, die Europa so oft
aus den schlimmsten Katastrophen herausgeführt hat. Sie droht enttäuscht
zu werden, wenn der gegenwärtige Aufwärtstrend der Republikaner
anhält.
Ausgewählt wurde Sarah Palin aus zynischem Kalkül. John McCain
braucht dringend das Engagement der christlichen Rechten, um am 4. November
zu bestehen. Die schillernde Rechtsaußenfrau aus dem Frontierstaat
Alaska verschafft ihm jene Aktivisten aus den evangelikalen Christengemeinden,
die lange abseits gestanden sind. In wahlentscheidenden Bundesstaaten
werden sie den Ausschlag geben. Der Langzeitsenator kann sich mit der
jungen Außenseiterin an der Seite als Rebell gegen das Establishment
präsentieren, in dem er sich selbst seit Jahrzehnten bewegt. Den
Trick, einen Wahlkampf gegen die Regierungszeit der eigenen Partei zu
führen, hat in Europa schon Nicolas Sarkozy erfolgreich vorexerziert.
Am gefährlichsten ist für die Demokraten die schwarze Hautfarbe
Barack Obamas. Ein Drittel der weißen amerikanischen Arbeiterklasse
hat rassistische Vorurteile. In der Privatheit der Wahlzelle werden es
wahrscheinlich noch mehr sein. Aber kein Demokrat kann Battle Ground States
wie Michigan, Ohio oder Pennsylvania ohne die Stimmen der Arbeiterschaft
gewinnen. Es war der multikulturelle, linksliberale Flügel der Gesellschaft,
bei dem sich der schwarze Senator aus Illinois durchgesetzt hat. Die Mehrheit
der "blue collar workers" in den Fabriken oder auf dem Land
tickt jedoch kulturell anders. Ein männlicher Afroamerikaner mit
dem exotischen Namen Barack Hussein Obama tut sich selbst bei aufgeschlossenen
Rednecks, die als Wechselwähler so wichtig sind, gegen die wehrhafte,
weiße Frau, die an die Pioniermythen des Westens erinnert, schwer.
Das plötzliche Bündnis mit den Ultrarechten kann für die
Republikaner allerdings auch nach hinten losgehen. Als George Herbert
Walker Bush, der Vater des gegenwärtigen Präsidenten, 1992 Rechtsaußen
Pat Buchanan und anderen Kulturkriegern das Feld überließ,
stieß er damit die Wechselwähler ab. In den verbleibenden sechs
Wochen wird Obama mit einem aggressiven Wahlkampffinale versuchen, das
verlorene Terrain zurückzugewinnen. Finanzkrise und Wirtschaftsflaute
stärken die Argumente der Demokraten. Aber das Rennen wird um vieles
knapper als noch vor kurzem erwartet.
Die Europäer dürfen zittern. Denn eine Präsidentschaft
von John McCain würde Europa und Amerika weiter auseinanderführen.
"Bomb, bomb, bomb Iran", pflegt der Senator zur Melodie des
Beach-Boys-Songs "Barbara Ann" zu summen, wenn er gefragt wird,
welchen Kurs er gegenüber Teheran einschlagen will. Wird der 72-Jährige
tatsächlich gewählt, so scherzt bitter der Kolumnist des New
Yorker, dann werden wir allerdings trotzdem alle, ob gläubig oder
nicht, für seine Gesundheit beten. Angesichts von Sarah Palin als
Nummer zwei bliebe den Europäern dann wohl nichts anderes übrig,
als sich nolens volens anzuschließen.
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