Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Zitterpartie Europa, 13.4.2005

Von außen gesehen geht es dem Europäischen Projekt recht gut. Die Union der inzwischen 25 Nationen, deren erbitterte Feindschaft der Menschheit noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zwei Weltkriege beschert hatte, ist das erfolgreichste politische Experiment unserer Zeit. In Lateinamerika oder Afrika würde man das Modell am liebsten kopieren, für die meisten Nachbarstaaten ist der Beitritt das wichtigste Ziel. Sogar der große Clash mit dem einstigen Schutzherren USA um den Irakkrieg ist gut ausgegangen: die meisten europäischen Staaten, die sich ursprünglich auf die Seite Washingtons gestellt haben, sind inzwischen eifrig bemüht ihre Truppen wieder aus dem Irak abzuziehen. Von den großartigen Projekten der Hardliner in Washington, man werde die EU auseinanderdividieren, Frankreich strafen, Polen als proamerikanisches trojanisches Pferd einsetzen und Deutschland abwerben, ist nicht viel übrig geblieben. Im Gegenteil: die Supermacht Amerika ist als Besatzungsmacht im Zweistromland derart ausgelastet, dass sich George Bush im Augenblick keinen neuen Streit mit den Verbündeten mehr leisten will. Auch der Euro hat eingeschlagen: nicht nur bei den Bürgern, für die grenzüberschreitende Preisvergleiche in der gemeinsamen Währung zum normalen Konsumentenverhalten geworden ist. Die asiatischen Zentralbanken, deren Hunger nach Währungsreserven die internationalen Finanzströme prägt, überlegen laut, ob sie nicht weniger Dollar und mehr Euros kaufen sollen.
Gleichzeitig hat das Gespenst des EU-feindlichen Populismus seinen Schrecken verloren. Der Absturz Jörg Haiders, dessen Aufstieg zum Mentor der schwarzblauen Regierung in Wien dem ganzen Kontinent Gänsehaut einjagte, beendet in Wirklichkeit einen ganze Zyklus europäischer Politik. Noch vor fünf Jahren galten die 27 Prozent, auf die es die österreichische FPÖ gebracht hatte, als Indiz für das europaweite Erfolgsrezept einer Mischung aus borniertem Nationalismus und Anti-EU-Demagogie. Von der italienischen Lega Nord über Frankreichs Front National bis zum belgischen Vlaams Blok, nahmen sich die Nationalisten aller Länder den Vormarsch der blauen Alpenpopulisten zum Vorbild. Inzwischen wurden die mit rechtspopulistischer Beteiligung an die Macht gekommenen Kabinette in Lisabon und Madrid durch EU-freundliche Linksregierungen ersetzt. In Italien haben sich die Chancen Romano Prodi's drastisch verbessert, demnächst Silvio Berlusconi an der Regierungsspitze abzulösen. Die Lega Nord Umberto Bossis ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst. In Holland ist die rechtspopulistische Liste "Pim Fortuyn" zerfallen und die österreichische FPÖ, oder was davon geblieben ist, kämpft mit dem Image einer ständigen Lachnummer der Medien. Die früheren Drohgebärden des Koalitionspartners in Richtung Brüssel sowie die Blockadeversuche gegen die EU-Osterweiterung rund um das AKW-Temelin und die Benes-Dekrete hatte Wolfgang Schüssel gekonnt entschärft.
Den rechtspopulistischen Ansturm von Innen und den weltpolitischen Disput mit der Supermacht Amerika scheint das Vereinigte Europa vorläufig überstanden zu haben. Doch aus Angst vor den Folgen der Globalisierung sind jetzt Teile der Linken vom Virus der EU-Skepsis befallen. Ein französisches "Nein" beim Referendum über die EU-Verfassung Ende Mai könnte das rosige Bild eines kontinuierlichen Aufstiegs Europas schlagartig zerstören. Alle Meinungsumfrage bestätigen: ein K.o.-Schlag für das mühselig erarbeitete neue Grundgesetz der erweiterten Union vom Wahlvolk der bisherigen politischen Führungsmacht der EU liegt im Bereich des Möglichen. Der Streit um die angeblich zu wirtschaftsfreundliche Grundtendenz der EU-Verfassung hat zu den merkwürdigsten Allianzen geführt: da werben Globalisierungsgegner von "Attac", revolutionäre Linke, die stark geschrumpfte KPF und der rechtssozialdemokratische Ex-Premier Laurent Fabius ebenso für ein "Non" am 29. Mai wie der zu neuem Leben erwachte rechtsextreme Jean-Marie Le Pen. Daniel Cohn-Bendit muss sich auf seinem Werbefeldzug für das "Oui" vor faulen Eiern jugendlicher Protestierer ducken. Der wortgewaltige EU-Abgeordnete mit den revolutionär-anarchistischen Wurzeln wurde zum Verbündeten ausgerechnet für Jacques Chirac, dessen politische Vorgänger Cohn-Bendit im Juni 68 des Landes verwiesen haben, weil er deutscher Staatsbürger war. Jetzt muss der konservative französische Präsident hoffen, dass der deutsch-französische Grüne möglichst viele linke Protestwähler von einer Ablehnung der EU-Verfassung abbringt, denn eine solche wäre ein beispiellose Debakel der gesamten französischen Europapolitik. Weil die französischen Sozialisten, die sich bei einem parteiinternen Referendum für die EU-Verfassung ausgesprochen haben, ihre Stellung als maßgebende Oppositionspartei verlieren könnten, wenn die Unzufriedenheit mit der konservativen Regierung zu einem Sieg des "Non" führt, hat sich sogar der sonst so schweigsame Ex-Premier Lionel Jospin für den EU-Vertrag in die Schlacht geworfen.
Was passieren würde, wenn Frankreich die Verfassung tatsächlich ablehnt, ist völlig unklar. Wahrscheinlich wäre damit der gesamte Ratifizierungsprozess am Ende. Es würde kaum noch Sinn machen, die nächsten großen Hürden, wie die Volksabstimmungen in Polen im Herbst 2005 und das Referendum in Großbritannien 2006 ohne vorhergehende tiefgreifende Änderungen auch nur anzugehen. Die erste veritable Krise der EU seit der Erweiterung wäre perfekt. Laurent Fabius, der Wortführer des "Non" bei den Sozialisten, glaubt, dass nach einem Scheitern der Verfassung die alte Idee eines "Kerneuropa" ohne die wirtschaftsliberalen Briten und die amerikaorientierten Türken wiederbelebt werden könnte. Ob allerdings ausgerechnet ein derart schwerer Rückschlag die Basis für einen neuen Sprung nach vorne werden kann, darf bezweifelt werden.
Die EU war stets ein Projekt der europäischen Eliten. Das beste Projekt zwar, das die Europäer in den letzten 100 Jahren hervorgebracht haben, aber trotzdem ein Gebilde, zu dem die Völker auf Distanz blieben. Daran kann sichtlich auch die Verfassungsdiskussion wenig ändern, die ursprünglich hätte helfen sollen, diesen Abstand zu überwinden. Der Preis sind die regelmäßigen Zitterpartien, wenn im einen oder anderen Winkel der Union plötzlich doch das Volk befragt wird. Mit der immer wieder aufwallenden Euroskepsis, egal von welcher politischen Seite sie kommt, wissen dann selbst die erfahrensten Politiker nicht recht umzugehen.
Aber vielleicht besinnt sich Frankreich doch wieder auf seine traditionelle Avantgarderolle. Optimisten erinnern daran, dass es auch 1992 beim Referendum über den Vertrag von Maastricht und damit die Euro-Einführung im letzen Augeblick doch noch einen Umschwung zugunsten Europas gegeben hat. Der EU blieben auch dann noch genügend spannende Volksabstimmungen in Polen und Tschechien, Dänemark und Großbritannien.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann