Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Zurueck in die Mitte, 2.11.2006


Zu den Erwartungen in eine Demokratie gehört es, dass katastrophale Fehlentwicklungen durch Wahlen korrigiert werden. Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004 waren in diesem Sinn eine herbe Enttäuschung, konnte doch jeder halbwegs informierte Bürger schon damals wissen, auf welches Debakel die Irakpolitik George Bushs zusteuerte. Aber die wache Erinnerung an die Anschläge des 11.September ermöglichte es den Republikanern noch, die wachsenden Zweifel unter dem breiten Mantel des "Anti-Terrorkrieges" zu ersticken. In den letzten Wochen schafften es selbst "Fox News" und anderen stramm konservativen Medien nicht mehr die täglichen Hiobsbotschaften aus dem Irak zu verstecken. Vor zwei Jahren waren christliche Fundamentalisten in Scharen für George Bush an die Urnen gegangen, weil sie der Homosexuellenehe den Weg versperren wollten und auf Abtreibungsfeindliche Richter hofften. Diesmal dagegen werden viele evangelikale Christen enttäuscht zu Hause bleiben, haben die republikanischen Moralapostel im Repräsentantenhaus doch jahrelang weggeschaut, als einer der Ihren jugendliche Untergebene mit anzüglichen E-Mails bombardierte.
Der Mechanismus der demokratischen Selbstkorrektur hat eine zweite Chance.
Tatsächlich sagen die Meinungsforscher inzwischen derart unisono einen Erfolg der Demokraten am 7.November voraus, dass ein anderer Ausgang eine schwere Demoralisierung zur Folge hätte. Einzig der leidgeprüfte Demokratische Parteivorsitzende Howard Dean warnt vor der Gefahr einer mit viel Geld und Know How konzipierten Aufholjagd des republikanischen Chefstrategen Carl Rove. Die politische Klasse Amerikas beginnt sich auf einen Umschwung im Kongress einzustellen. Es wäre der Anfang vom Ende der Ära Bush.
In der Vergangenheit wurden "Midterm elections" in der Mitte der Amtszeit eines Präsidenten immer wieder zu Protestwahlen gegen die jeweilige Regierungspartei, die sich dann in Hinblick auf die wichtigeren Präsidentschaftswahlen zwei Jahre später neu orientieren kann. Doch unter George Bush wäre ein Mehrheitswechsel in Repräsentantenhaus oder Senat ein politisches Erdbeben. Dauert die uneingeschränkte konservative Herrschaft auf dem Kapitol doch mit einer kurzen einjährigen Unterbrechung doch schon 12 Jahre. Die konservative Revolution, die schließlich Bush und seine rechten Ideologen an die Macht gespült hat, hatte nicht zufällig vom Repräsentantenhaus mit dem charismatischen damaligen "Speaker" Newt Gingrich seinen Ausgang genommen. Selbst Jörg Haider kopierte in den Neunzigerjahren den "Contract with America" der republikanischen Rebellen und suchte in Washington tagelang (vergeblich) nach einer Gelegenheit zum Shake Hand mit dem konservativen Oberguru Gingrich. Siegen diesmal die Demokraten, dann wird die kalifornische Abgeordnete Nancy Pelosi "Speaker" und damit nach Präsident und Vizepräsident Nummer drei in der obersten staatlichen Hierarchie. Eine Frau als Parlamentspräsidentin, das hat es auch in den USA noch nie gegeben. Dass Nancy Pelosi in einer konservativ geprägten politischen Kultur, in der schon der Begriff "liberal" als Schimpfwort gilt, ausgesprochen linksliberale Positionen vertritt, löst schon im Voraus manche Gänsehaut aus.
Anders als der Anti-Staatsprediger Newt Gingrich vor bald 15 Jahren hat die demokratische Fraktionsführerin es allerdings nicht geschafft, ihre Partei hinter einem klar definierten gemeinsamen Programm zu sammeln. Über eine zukünftige Vorgehensweise im Irak gibt es in der Opposition zwischen Anhängern eines baldigen Abzuges, zu denen auch Pelosi gehört, und den viel vorsichtiger taktierenden Kriegsbefürwortern von früher wie Hillary Clinton alle nur erdenklichen Meinungen.
Ob ein demokratischer Wahlsieg am 7.November wirklich eine Trendwende zu einem neuen politischen Zyklus links der Mitte eröffnen könnte, der auch international nicht ohne Folgen wäre, muss offen bleiben. Aber eines wäre sonnenklar: das von George Bush vertretene Projekt der konservativen Umwälzungen im Inneren und des martialischen Auftretens nach außen wäre endgültig an seinem Endpunkt angelangt. Schon im vergangenen Jahr haben die negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit die geplante Teilprivatisierung des staatlichen Pensionssystems "Social Security" blockiert. Da jede finanzielle Aufwendung der Bundesregierung durch den Kongress muss, bliebe vom Spielraum der Administration nicht mehr viel übrig. Gleichzeitig hat eine Mehrheitspartei die Möglichkeit der Administration mit Untersuchungskommissionen jeder Art die Daumenschrauben anzulegen. Wie es zu den Milliardenaufträgen an Halliburton und andere regierungsnahe Unternehmen im Zusammenhang mit dem Irak gekommen ist? Welchen Einfluss der Vizepräsident und die hinter ihm stehenden Neokonservativen auf die CIA-Berichte über Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins hatten? Wie Donald Rumsfeld Zweifler innerhalb des Militärs kalt stellt? Ein mehrheitlich demokratisches Repräsentantenhaus könnte die Regierung auch ganz ohne Impeachment mit Hearings und Befragungen über Monate quälen.
Der einzige Republikaner, der bei diesen Wahlen gute Karten hat, heißt Arnold Schwarzenegger. Der Austroamerikaner hat nach verheerenden Niederlagen bei Volksabstimmungen über ein strenges Sparprogramm 2005 sein gesamtes Team ausgewechselt und wirtschaftspolitisch eine Kertwendung um 180 Grad vollzogen. Seine neue Bürochefin kommt aus dem demokratischen Lager und die wichtigsten Partner sind die demokratischen Führer im Kongress in Sacramento. Kein Konservativer ist im letzten Jahr so deutlich in die Mitte gerückt, wie Arnie. Mit seiner Unterschrift hat Kalifornien die strengsten Treibhausgasgesetze der USA verabschiedet, die durchaus mit Kyoto vergleichbar sind. Die Idee, dass Kalifornien dort Vorreiter sein soll, wo Washington versagt, kommt in der Bevölkerung gut an. Während die Republikaner in Washington die Staatsausgaben nach wie vor nur dann in die Höhe treiben, wenn es um Militär und Sicherheit geht, will Schwarzenegger Schulden um 36 Milliarden Dollar für bessere Schulen und eine modernere Infrastruktur riskieren. Während der demokratische Herausforderer Phil Angelides an die Wahlhilfe Schwarzeneggers für George Bush 2004 erinnert, lässt der ehemalige Bodybuilder aus Austria in der nächtlichen Jay Leno Show nur ausrichten, ihn in die Nähe von George Bush zu rücken sei ähnlich absurd wie ihn mit dem Oskar in Verbindung zu bringen. Ein Soundbite, der die bemühten "Schwarzenegger = Bush" Fernsehspots der Demokraten wirkungsvoll neutralisierte.
Egal wie stark die Zuwächse für die Demokraten am Ende des 7.November tatsächlich ausfallen werden: Konservative, die erfolgreich sein wollen, werden in Zukunft in die Mitte rücken. Das könnte ein Trend sein, der nicht auf die USA allein beschränkt ist.

 

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