Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Zusammenhalt oder Zerfall?, 17.2.2010


Während der Währungskrisen der 90er brannten in den Straßen der Hauptstädte Asiens und Lateinamerikas amerikanische Fahnen. Der nach US-Vorgaben agierende Internationale Währungsfonds, der für seine Kredite strenge Sparprogramme erzwang, wurde zum größten Feindbild. In Athen zünden streikende Beamte inzwischen die Europafahne an. Denn außer Vorschlägen für einen atemberaubenden Sanierungsplan hat Griechenland von der vielgepriesenen europäischen Solidarität bisher wenig zu spüren bekommen. Nur im äußersten Notstand wollen die Europäer eingreifen, um einen Staatsbankrott zu verhindern.
Schwer angeschlagen durch die Misswirtschaft ihrer Eliten und bedroht durch massive Spekulationsattacken der Finanzmärkte, fühlen sich die griechischen Bürger alleinegelassen, verraten und verkauft. Vor allem von der Europäischen Union.
Radikal anders sieht die Lage aus deutscher Sicht aus. Seit Wochen trommeln es die konservativen Kommentatoren: Es darf nicht sein, dass Steuerzahler, die in den grauen Städten des Nordens demnächst bis 67 arbeiten müssen, für die 61-jährigen Pensionisten an den sonnigen Küsten der Ägäis bezahlen. Finanzielle Unterstützung für ein in Not geratenes Euroland, das sei undenkbar. Mit ihrem Njet zur Finanzhilfe für die sozialistische Regierung in Athen brachte Angela Merkel den EU-Gipfel der vergangenen Woche fast zum Platzen.
Die Griechenlandkrise ist zu einem Wendepunkt für die EU geworden. Entweder schaffen die Europäer einen Sprung nach vorne zu einer um vieles stärkeren Union. Oder es setzt ein Erosionsprozess ein, der zum Zerfall des Euroraums führen kann.
Wie akut die Gefahr der Desintegration ist, zeigt die Tatsache, dass einige EU-Regierungen tatsächlich den Internationalen Währungsfonds zu Hilfe rufen wollen, um Griechenland zu retten. Ob Arnold Schwarzenegger je daran gedacht hat, wegen der gravierenden Budgetprobleme Kaliforniens beim IWF um Kredite zu betteln? Undenkbar, würde Amerika doch damit zugegeben, dass die Herren des Dollar mit ihren eigenen Problemen überfordert sind. Im Augenblick wollen sich die Europäer nur das technische Know-how der Internationalen Finanzinstitutionen holen. Müssten für Athen auch Kreditlinien aufgemacht werden, verbunden mit den unvermeidlichen Sparauflagen, dann wäre das ein lebensgefährlicher Spaltpilz für die Gemeinschaftswährung.
Noch wehren sich EZB-Chef Jean-Claude Trichet und Frankreichs Nicolas Sarkozy gegen eine Aufweichung des Euroraums. Griechenland wird unter das Kuratel der Europäischen Kommission gestellt. Vom Pensionsalter über den Mehrwertsteuersatz bis zum Militärbudget der griechischen Regierung wird in Brüssel alles diskutiert. Nie zuvor hat Europa sich so massiv in die wirtschaftspolitischen Entscheidungen eines Mitgliedslandes eingemischt.
Ein richtiger Schritt, ist doch der Widerspruch zwischen gemeinsamer Währung und nationaler Souveränität bei Steuern und wirtschaftspolitischen Entscheidungen der große Schwachpunkt des Euro. Aber eine EU-Wirtschaftsregierung, die ausschließlich Stabilitätspolitik betreibt, hat eine gefährliche Schlagseite. Europa muss auch soziale Sicherheit bieten, nicht nur Rationalisierungspläne wie der IWF. Werden auf europäischen Druck Staatsangestellte abgebaut, dann müsste die EU auch fähig sein, einen Beitrag zur Mindestsicherung von Bedürftigen zu leisten. Der EU fehlt ein gesamteuropäisches Netz, mit Zahlungen aus Brüssel direkt an die Bedürftigen als soziale Klammer quer über den Kontinent, zusätzlich zu den Wohlfahrtssystemen der Nationalstaaten .
Deutschen, Österreichern oder Niederländern muss die Politik die Wahrheit sagen: Ja, es wird nötig sein, dass Steuergelder über das mit einem Prozent des BNP läppisch kleine EU-Budget hinaus aus reicheren in ärmere Teile des Kontinents fließen. Im ureigenen Interesse der Nettozahler. Schließlich hat auch der stolze Exportweltmeister Deutschland seine Produkte nicht nur in China und Amerika verkauft, sondern noch häufiger in Italien, Spanien und eben auch Griechenland. Ohne die Schulden der einen keine Überschüsse der anderen.
In den USA gleicht die Regierung in Washington seit Jahrzehnten die Ungleichgewichte zwischen dem armen Süden und dem reichen Nordosten, der agrarischen Mitte und den industriellen Küsten aus. Griechenland zwingt zur Grundsatzentscheidung, ob Europa den Weg zu einer stärkeren Union oder zum langsamen Zerfall beschreiten will.


 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann