Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Zwei Jahre nach der Krise prägt die äußerste Rechte Europa, 6.10.2010

Damit ihm auch ganz sicher niemand dreinreden kann, ist Geert Wilders formell das einzige Mitglied seiner Freiheitspartei PVV. Islamische Niederländer provoziert er mit der Beschimpfung Mohammeds als Mörder und Pädophilen. Den Koran vergleicht er mit "Mein Kampf". Die permanente Hetze gegen die größte Minderheit des Landes hat den Rechtsaußen-Entertainer mit den gebleichten Haaren wegen Volksverhetzung vor Gericht und dank des Erfolgs bei den Wählern an die Macht gebracht. Die zukünftige bürgerliche Regierung in Den Haag wird von der Unterstützung der Rechtsextremen abhängen. Integrationsprojekten wird das Geld gekürzt, die Burka wird verboten, jubelt Wilders. Zwei Jahre nach Beginn der Weltwirtschaftskrise prägt die äußerste Rechte den politischen Diskurs in Europa. Was vor Jahren noch als alpine Besonderheit à la Haider-Bossi-Blocher galt, hat sich auf den ganzen Kontinent ausgebreitet.
Noch sitzt Schweden der Schock über den Einzug der Rechtsextremen in den Reichstag in den Knochen. Nach österreichischen Kriterien sind die 5,7 Prozent, die dem smarten Parteiführer Jimmie Akesson 20 Abgeordnete bescherten, bescheiden. Aber die Skandinavier sind stolz auf ihre Tradition der Toleranz. Die Verschuldung ist niedrig, die Arbeitslosigkeit hält sich in Grenzen und die Wirtschaft wächst. Trotzdem dreht sich alles um die Schwedendemokraten, die früher höchstens eine Kuriosität am rechten Rand waren.
Im benachbarten Dänemark ist die ausländerfeindliche Dänische Volkspartei von Pia Kjaersgaard längst die dritte Kraft. Vergeblich versuchten die traditionellen dänischen Parteien der Herausforderung von rechts durch immer schärfere Antiausländergesetze zu begegnen. Wer kann heute ausschließen, dass Schweden eine ähnliche Entwicklung nimmt? Die einst so selbstbewussten Sozialdemokraten müssen nach dem schlechtesten Wahlergebnis seit 100 Jahren die Hoffnung auf ein rasches Comeback in Stockholm begraben.
Nur mehr wenige Staaten Europas sind vom Phänomen der aufsteigenden Rechtsaußenparteien ausgenommen. In Großbritannien trägt das Mehrheitswahlrecht dazu bei, die Britisch National Party kleinzuhalten. Wie lange in Deutschland die Dämme gegen den rechten Rand halten werden, ist nach der Sarrazin-Episode unklar.
Im Europaparlament zieht der stellvertretende Fraktionschef der Sozialdemokraten, Hannes Swoboda, bitter Bilanz: mit Hassparolen gegen Einwanderer zielen die Rechtsextremen auf die Kernschichten der Sozialdemokratie, während die Christdemokraten sich erfolgreich als die besseren Verteidiger des Sozialstaates präsentieren.
Während die traditionelle Linke um ihr Überleben kämpft, treiben mit rassistischen Parolen Jobbik in Ungarn oder die Lega Nord in Italien die Regierungen vor sich her.
Ein europäischer Zusammenschluss der Rechtsextremen scheiterte bisher an nationalistischen Vorbehalten. Frankreichs Le Pen wollte von der deutschen NPD nichts wissen, Gert Wilders schauderte, wenn man Jörg Haider erwähnte. Die Internationale der Nationalisten blieb eine Illusion. Diese Zeit geht zu Ende. Mit dem Islam als Außenfeind und dem Ruf nach der Polizei gegen die Armutswanderungen des Kontinents könnten die rechten Rebellen auch zu einer europäischen Kraft werden.
Vergleiche mit den 30er-Jahren hinken, weil es keine faschistischen Staaten gibt und niemand zum Krieg rüstet. Aber die Action Française in Frankreich, Oswald Mosleys britische Faschistenpartei und der antisemitische Prediger Father Coughlin in den USA wurden auch ohne Hitler zur Gefahr. Ein weiterer großer Unterschied: Die Straße gehört nicht der extremen Rechten. Mit Streiks und Massendemonstrationen meldet sich mit Ende der Krise die europäische Arbeiterbewegung zurück. Nicht nur in Frankreich und Spanien, auch in Deutschland und Großbritannien fassen die Gewerkschaften wieder Mut. Aber politisch kommt die Linke aus der Defensive nicht heraus.
In multikulturellen Gesellschaften vermischen sich stets soziale Probleme mit ethnischen Reibungsflächen. Gibt der politische Mainstream den Hasspredigern nach und macht Multikulti zum Schimpfwort, wie zur Zeit in Europa, dann wird das an der Realität der Wanderströme selbst wenig ändern. Ändern würde sich auf die Dauer der Staat. Denn ohne Schutz von Pluralismus und Vielfalt, auch bei Religion und Hautfarbe, gibt es keine Demokratie, auch das ist eine Lehre aus den 30er-Jahren.


 

 

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