Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Zwei Welten, eine Sorge, 28.9.2005


Für linke Regierungen, die sich nicht auf eine riskante Totalkonfrontation mit der Wirtschaft einlassen wollen, ist der Umgang mit der Schere zwischen großen Erwartungen und bescheidenen Resultaten eine politische Überlebensfrage. Das muss Luis Inacio "Lula" da Silva, jahrzehntelang der größte Hoffnungsträger der Armen, im fernen Brasilien genauso feststellen wie zuvor die rot-grüne Führungsmannschaft um Gerhard Schröder und Joschka Fischer. In unterschiedlichen Breitengraden und unter den damit einhergehenden unterschiedlichen Bedingungen sind Rot-Grün in Deutschland und die rosarote Regierung der 1980 gegründeten brasilianischen Arbeiterpartei PT Produkte der weltweiten Radikalisierungswelle um 1968. Was den Deutschen der ehemalige Frankfurter Straßenkämpfer Joschka Fischer an der Spitze des altehrwürdigen Außenamtes war, das wurde in Brasilien der ehemalige Guerillakämpfer Jose Dirceu, der als Lulas Kabinettschef alle Fäden zog. Dahinter steht das globale Phänomen des politischen Aufbruchs einer ganzen Generation, der jetzt an seine Grenzen stößt. Der Zyklus, der Rot-Grün in Berlin an die Macht brachte, ist ausgelaufen. Und Jose Dirceu musste zurücktreten. Wegen Stimmenkauf und dem Vorwurf illegaler Parteienfinanzierung steckt die Regierung Lula in ihrer bisher tiefsten Krise.
Die zweite Chance, die Schröder sein entschiedenes "Nein" zum Irakkrieg 2002 bescherte, kommt für Lula bei den Präsidentschaftswahlen des kommenden Jahres. Während die Arbeiterpartei PT im Sumpf der Korruption zu ersticken droht, ist die Solidarität der Armen Brasiliens mit ihrem Präsidenten noch immer groß. Mehr als 52 Millionen hatten vor drei Jahren erstmals in der Geschichte des Landes einen Gewerkschaftler und ehemaligen Metallarbeiter ins Präsidentenamt gewählt. Kritiker werfen Lula seither Dilettantismus und eine viel zu zögerliche Sozialpolitik vor. Die schreienden sozialen Ungerechtigkeiten Brasiliens sind auch durch die linke Regierung nicht kleiner geworden. Die Statistiken der Weltbank weisen sogar eine unverändert größer werdende soziale Schere aus. An den Toren der riesigen Autowerke des sogenannten ABC Gürtels der 18-Millionen-Metropole São Paulo ist die Enttäuschung über die mageren Sozialreformen unüberhörbar. Die Favelas der Stadt kämpfen mit exakt den gleichen Probleme wie Arbeitslosigkeit, fehlender Kanalisation und Kriminalität, wie vor zehn Jahren. Trotzdem können sich nur wenige vorstellen, jemand anderen zu wählen als Lula.
Hinter dem Aufstieg des bärtigen Gewerkschaftlers stand der Traum der sozialen Emanzipation für die zwei Drittel Armen der brasilianischen Gesellschaft. Die Regierungserfahrung konfrontiert diesen Traum mit der harten Realität eines abhängigen Landes der Dritten Welt, dessen Eliten fest im Sattel sitzen und dem die riesige Schuldenlast von 200 Milliarden Dollar nur minimalen Spielraum lässt. Der Stimmenkauf in Brasilia, mit dem sich die 84 Abgeordnete zählende PT Mehrheiten in dem hoffnungslos zerklüfteten, 513-köpfigen Kongress verschaffen wollte, erscheint unter diesem Blickwinkel als traurige Anpassung an die real existierenden Spielregeln eines unterentwickelten Parlamentarismus. Bis zu 10.000 Euro sollen oppositionelle Abgeordnete für ihr Wohlverhalten erhalten haben. Ein hoher PT-Funktionär wurde mit 100.000 Dollar in der Unterwäsche ertappt. Dabei war im Fall der PT der Kampf gegen die Korruption einer der Kernpunkte der Identität der letzten 25 Jahre. Jetzt droht die größte Linkspartei Lateinamerikas wie eine der vielen anderen einander zum Verwechseln ähnlichen Regierungsparteien auszusehen, die ihre linkspopulistische Ideologie zugunsten der eigenen Privilegien und des eigenen Machterhalts pflegen.
Die Antwort, mit der die PT auf die ihre Existenz bedrohende Krise zu reagieren versucht, kann als Beweis für die ungebrochene innere Kraft der jungen brasilianischen Arbeiterbewegung angesehen werden. Nach einer umfassenden innerparteilichen Diskussion beteiligten sich mehr als 300.000 Mitglieder an der Urabstimmung über eine neue Parteiführung. Die harte Kritik interner linker Oppositionsströmungen mit Namen wie "Sozialistische Demokratie", "Mut zur Veränderung" oder "Die Hoffnung ist rot" zwingt das Mehrheitslager zu einer Umorientierung. Der traditionelle interne Pluralismus der Partei, in der linke und rechte Sozialdemokraten, Anhänger der Befreiungstheologie und pragmatische Ex-Guerilleros, Trotzkisten und Umweltschützer koexistieren, erweist sich in der Stunde der Krise als Stärke. Der provisorische Parteichef Ricardo Berzoini hofft, dass die Abspaltung eines prominenten Linken nach dem Muster Oskar Lafontaines vermieden werden kann.
Deutschlands Gerhard Schröder muss sich jetzt im Rückblick nachsagen lassen, dass sich nach zwei rot-grünen Amtszeiten eigentlich nur das neue, vor allem von den Grünen erfochtene Staatsbürgerschaftsrecht vom Business as usual einer vor allem auf Machterhalt abzielenden Regierungstätigkeit abhebt. Mehr noch wird in dem von sozialstaatlichen Gedanken kaum berührten Brasilien von einer linken Regierung eine Weichenstellung erwartet, die über gesellschaftliche Stabilität und ein gutes Wirtschaftswachstum hinausgeht. Die PT-Führung verweist auf langsam sinkende Arbeitslosenzahlen, Kredite für Kleinbauern sowie Kinderbeihilfen für acht Millionen arme Familien als die wichtigsten Errungenschaften der letzten eineinhalb Jahre. Gleichzeitig boomt die Börse, und die internationalen Finanzinstitutionen loben, wie klaglos Brasilia seine Schulden bedient. Dafür, dass der parlamentarische Weg der PT jene Energien gebunden hat, die anderswo zu gewaltsamen Revolutionen geführt haben, sind diese Resultate allzu bescheiden. Jetzt kommt auch noch der bis an die Tore des Präsidentenpalastes reichende Sumpf der Korruption dazu.
Die Wähler sind in der Regel bereiter, den Weg vom Traum zur Realität zu gehen, als viele mediale Kritiker das vermuten. Aber nach einer gewissen Zeit müssen sie von der Realität etwas haben. Eine linke Regierung, egal, ob traditionell sozialdemokratisch oder getragen von einer breiteren Aufbruchbewegung, kann nicht erfolgreich sein, wenn sie auf Dauer an den Interessen der eigenen Basis vorbeigeht. Das gilt für reiche Industrienationen genauso wie für die Dritte Welt.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann