Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Besatzungsregime, 2.4.2003

Ein Blick auf die Geschichte lehrt: Ob aus einer militärischen Besatzung Befreiung oder Unterdrückung resultieren, läßt sich weder aus den Proklamationen der Eroberer noch aus dem ersten Augenschein eindeutig feststellen. Als die Soldaten der Roten Armee 1945 in Prag einzogen, da wurden sie mit Jubel und Begeisterung empfangen. Wenige Jahre später signalisierte der stalinistische Schauprozeß gegen Rudolf Slansky, dass die Sowjetunion die Tschechoslowakei für die absehbare Zukunft in ihrem eisernen Griff halten würde. Die Wiener, in ihrer Mehrheit wohl ebenfalls froh, dass die Hitlerei zu Ende war, begegneten den einmarschierenden sowjetischen Soldaten mit einer Mischung aus Angst, Respekt und Ablehnung. Das Gefühl der "Befreiung" blieb vorerst auf die Sonntagsreden der Politik beschränkt. Aber wenig später stellte sich heraus, dass das Besatzungsregime der Allierten dem Land jene stabile liberale Demokratie brachte, die es aus eigener Kraft nicht erreicht hatte. Das Beispiel Deutschland und Japan, wo nach dem Zweiten Weltkrieg die Demokratie auf den Bajonetten der amerikanischen Gewehre Einzug hielt, wurde in der Diskussion um den Irakkrieg von den Kriegsbefürwortern immer wieder als Vorbild angeführt.
Israelische Intellektuelle verweisen dagegen auf ein ganz anderes Beispiel aus der jüngeren Geschichte: als Ariel Sharons Truppen 1983 im Libanon einmarschierten, da wurden sie zur nicht geringen eigenen Überraschung von den Dorfbewohnern des Südens stürmisch begrüßt. Die schiitische Bevölkerung hatte die massive Präsenz der PLO im Grenzgebiet zu Israel als bedrückend empfunden und erhoffte nun einen Neubeginn ohne den täglichen Kleinkrieg zwischen Soldaten und Milizen. Wenige Monate später entstand im Widerstandskampf gegen die israelischen Besatzer die "Hisbollah", deren schiitische Gotteskrieger die Israelis nach jahrelangem blutigen Partisanenkrieg zum Rückzug zwangen. Die Idee des religiös motivierten "Märtyrers", der sich im Selbstmordanschlag für sein Volk opfert, die in der zweiten Intifada der Palästinenser so allgegenwärtig ist, kommt von den libanesischen Schiiten.
Der Irak erlebt zur Zeit die zweite pompös angekündigte "Befreiung" in 100 Jahren. Es wir in der Endphase des Ersten Weltkrieges im Jahr 1917, als Sir Stanley Maude an der Spitze der Anglo-Indischen Armee in Bagdad einzog. "Unsere Armeen kommen nicht als Eroberer oder Feinde in Euer Land, sondern als Befreier," hieß es in der Proklamation, mit der die britischen Eroberer die Einnahme des Mittleren Osten während des Ersten Weltkrieges eingeleitet haben. "Oh Völker von Bagdad, seit 26 Generationen habt ihr unter fremden Tyrannen gelitten, die stets bemüht waren ein arabisches Haus gegen das andere aufzuhetzen," ließ der damalige britische Premierminister Lloyd George seine Generäle verkünden. Die vorgebliche Befreiung vom Joch des zusammenbrechenden Osmanischen Reiches, das dem britischen Empire den Weg nach Palästina, Syrien und dem Libanon öffnete, mündete drei Jahre später in einer blutigen Rebellion gegen die neuen Herren, die über 2000 Briten und zehntausenden Arabern das Leben kostete. Um des Privilegs willen auf einem Vulkan zu sitzen gibt die britische Regierung Millionen aus, ätzte der damals oppositionelle Winston Churchill im Unterhaus.
Keine Frage: was die amerikanischen Soldaten in den ersten Tagen des gegenwärtigen Irakkrieges an Überraschungen erlebt haben, ist nur ein schwacher Vorgeschmack auf den Vulkan Naher Osten, auf den sich die Supermacht Amerika mit der Eroberung des Iraks nun setzen will. Frühere amerikanische Präsidenten hatten in vorsichtiger Zurückhaltung versucht, ihren Einfluß in der Region vermittelt über prowestliche arabische Regierungen und über die Allianz mit Israel auszuüben. Diese Politik ist durch die 12 saudischen Attentäter vom 11. September 2001 hinfällig geworden. George Bush und seine neokonservativen Strategen wollen nun ausgehend von einem amerikanischen Besatzungsregime im Irak die Verhältnisse in der ganzen Region umstürzen.
Wenn sie für dieses riskante Unterfangen politisch ähnlich schlecht vorbereitet sind, wie für die ersten Tage des Irak-Feldzuges, dann droht daraus das größte Debakel der amerikanischen Außenpolitik seit dem Vietnamkrieg zu werden. Unabhängig davon, ob das Pentagon unter dem Einfluß des stets aufs Tempo drückenden Donald Rumsfeld jetzt tatsächlich einen militärisch zu gewagten Invasionsplan mit zuwenig Soldaten und Waffen entworfen hat: Die USA unterschätzen im Irak ebenso wie in der gesamten Nahostpolitik die Kraft des arabischen Nationalismus. Der Haß auf Saddam Hussein mag noch so groß sein: solange die USA als die große Stütze sowohl der korruptesten Regime der Region als auch der israelischen Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten empfunden werden, werden sie in der arabischen Welt nicht als Befreier auftreten können. Uri Avnery, der scharfsinnige Veteran der israelischen Friedensbewegung, ortet bei den amerikanischen Erwartungen eines schlagartigen Zusammenbruchs der irakischen Streitkräfte die auch in Israel weitverbreitete Geringschätzung für "die Araber", denen man nicht zutraut ordentlich zu kämpfen. Die schlechteste Nachricht der ersten Tage des Irakkrieges mag daher für die USA aus Jordanien gekommen sein: hunderte Iraker, die einst vor Saddam Hussein ins Nachbarland geflohen waren, wollen zurück, um sich an der Verteidigung des Landes zu beteiligen.
Angesichts der Invasion aus dem Ausland sammeln sich offensichtlich nicht nur die 10 - 15 Prozent Baath-Anhänger hinter der Führung des Landes. Die USA sind in den Augen eines wichtigen Teils der Bevölkerung am Elend der Sanktionen schuld und sie gelten als mitverantwortlich für Israels Vorgehen gegen die Palästinenser. Wenn dieser Krieg jetzt Monate dauert, wie die plötzlich pessimistisch gewordenen amerikanischen Militärs befürchten und wenn die Bombenangriffe auf Bagdad in eine lange Belagerung der irakischen Hauptstadt münden, wird auch eine Beseitigung Saddam Husseins immer weniger Irakern als Gewinn erscheinen.
Die Regierung Bush scheint die verheerende Dynamik eines derartig in die Länge gezogenen Konflikts schlicht zu ignorieren. Tony Blair ist mit seinem Wunsch nach einer UNO-Verwaltung für die irakische Nachkriegszeit in Washington einfach abgeblitzt. Und die Umsetzung der von George Bush versprochenen berühmten Road Map für einen Palästinenserstaat wird von Woche zu Woche verschoben. Donald Rumsfeld droht munter den Nachbarstaaten Syrien und Iran, als ob die Pandorabüchse des Zusammenstoßes der Kulturen durch den Irakkrieg nicht schon genug geöffnet wäre. Gibt es keinen "Regime change" in Washington und halten die USA an dieser Linie fest, dann wird aus dem Irak ein riesengroßer Gaza-Streifen und die Idee von der Befreiung wird zukünftigen Geschichtsbüchern nicht einmal eine Fußnote wert sein.

 

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