Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Collateral Damage, 19.03.2003

Mag sein, dass sich hartgesottene UNO-Feinde in der amerikanischen Rechten heimlich ins Fäustchen lachen. Für die Regierung Bush ist das klägliche Ergebnis monatelanger Bemühungen um ein grünes Licht der Weltorganisation für einen Waffengang am Golf ein schwerer Schock. Am Höhepunkt seiner militärischen Macht scheitert das Imperium Amerika auf der Bühne der Vereinten Nationen gegen eine Allianz störrischer Mittelmächte und armer Drittweltstaaten. Den Militärschlag glaubt man jetzt erst recht durchführen zu müssen, auch wenn der langfristige Schaden für die weltweite Akzeptanz der internationalen Führungsrolle der USA beträchtlich sein könnte. Aber jungen Imperien fehlt offenbar das Selbstbewußtsein zum beruhigenden Kompromiss, wenn man sich einmal verrechnet hat.
Das soll keineswegs heißen, dass Großmächte nicht auch früher Kriege geführt hätten, die von UNO-Beschlüssen nicht ausdrücklich gedeckt waren. Der amerikanische Vietnamkrieg kommt einem in den Sinn und die sowjetische Intervention gegen die ungarische Revolution, die Panama-Invasion von George Bush Sr. und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Wenn jetzt ein wortgewaltiger österreichischer Publizist, für den im Kalten Krieg jede amerikakritische Bemerkung an der Grenze zum Hochverrats stand, die USA wegen Bushs Irak-Alleingang quasi zum Schurkenstaat erklärt, dann fragt man sich, in welcher Welt viele europäische Konservative eigentlich die vergangenen Jahrzehnte gelebt haben. Gehört die Verletzung der eigenen hehren Ziele von Völkerrecht und Demokratie doch nicht erst dieser Tage zum Instrumentarium auch der westlichen Politik. Was die USA keineswegs daran gehindert hat als stärkste Kraft von Demokratisierung und Modernisierung des vergangenen Jahrhunderts zu wirken.
Nicht dass die USA wenig Rücksichten nehmen, wenn sie ihre weltweiten Interessen verteidigen, ist an der gegenwärtigen Krise bemerkenswert, sondern die rasende Geschwindigkeit, mit der Washington die nach dem 11.September international anerkannte Führungsrolle mit den Alleingängen der Regierung Bush verspielt hat. Der unfreiwillige Ausstieg aus dem Mechanismus der UNO steht am Ende einer langen Serie von demonstrativen Absagen der USA an internationale Verträge jeder Art: vom Klimaschutzabkommen von Kyoto über den ABM-Raketenvertrag bis zum Internationalen Strafgerichtshof reicht die Liste.
Wenn die Bush-Administration den Angriff gegen den Irak ohne die gewünschte zusätzliche Autorisierung durch die UNO beginnt, dann wird das der weltweit unpopulärste Krieg sein, der in der jüngeren Vergangenheit je begonnen wurde, argumentiert der palästinensisch-amerikanische Publizist Edward Said. Die Erklärung liegt wohl daran, dass die Kriegsbefürworter mit einem Kriegsgrund argumentiert haben, an den sie ganz offensichtlich selbst nicht so wirklich glauben. Zu deutlich lugt der durchaus nachvollziehbare aber eben nicht kriegs-begründende Wunsch nach "Regime change", dem Regierungswechsel, hinter der vorgeschobenen Forderung nach Entwaffnung des Irak hervor.
Eine Serie von PR-Debakeln unterstrich diesen Eindruck. So hat doch Collin Powell bei seiner großen Videopräsentation vor dem Sicherheitsrat tatsächlich mit Informationen operiert, die sich inzwischen als glatte Fälschungen herausgestellt haben. Der Außenminister von Niger, der im Jahr 2000 mit Saddam Hussein über eine große Uranlieferung verhandelt haben soll...war schon 14 Jahre nicht mehr im Amt. Und die Unterschrift des Präsidenten von Niger, Tandja Mamadon, war so plump gefälscht, dass es den Experten der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien schlicht den Atem verschlagen hat. Ob da jemand dem im heutigen Washington als zu zögerlich verschrieenen CIA eine Falle gelegt hat?
Die amerikanische Außenpolitik will trotz aller Probleme mit dem Sicherheitsrat die Verbindung zur UNO nicht abreißen lassen. Mitglieder des Generalsekretariats von Kofi Annan staunten nicht schlecht, als Anfang März Jay Gardener, nach dem Willen Washingtons zukünftiger oberster ziviler Verwalter eines von Saddam Hussein befreiten Irak, seinen Antrittsbesuch in New York ankündigte. Der politische und ökonomische Wiederaufbau wäre tatsächlich unter rein amerikanischen Vorzeichen um vieles schwieriger als unter dem Vorzeichen der Vereinten Nationen. Auch ein Versöhnungsgipfel mit Jacques Chirac - selbstredend nach der militärischen Entscheidung - wird auf beiden Seiten des Atlantiks bereits erwogen.
Trotzdem werden die Folgewirkungen des transatlantischen Zerwürfnisses beträchtlich sein. Wenn alles gut geht auf dem Schlachtfeld, dann wird sich George Bush bestärkt fühlen auf seinem Weg, bestehende internationale Institutionen mit wechselnden "Koalitionen der Willigen" zu umgehen. Verläuft der Krieg schlecht und sterben viele amerikanische Soldaten, dann besteht die Gefahr, dass die ungetreuen Verbündeten, allen voran Frankreich als die großen Sündenböcke gelten.
Die auf den Azoren beschworene Allianz mit Großbritannien und Spanien könnte zum rächenden Spaltkeil für die EU werden, die sowieso zu den ganz großen Verlierern der gegenwärtigen Krise gehört. Wer kann denn noch ernsthaft von gemeinsamer Außenpolitik sprechen, wenn Großbritannien, Spanien und Portugal gemeinsam mit der amerikanischen Regierung gegen Frankreich und Deutschland agitieren? Wie rasch nationalistischer Wahnsinn sich innereuropäisch publizistisch instrumentalisieren läßt, das zeigt die von Downing Street mit auffallendem Wohlwollen betrachtete antifranzösische Hetze des britischen Boulevards.
Werden Jack Straw und Dominique de Villepin im Europäischen Rat wieder wie alte Freunde agieren könnten, nachdem man sich auf der ganz großen Bühne der Weltpolitik gegenseitig befetzt hatte?
Entscheidende Klärungen wird es nach dem geschlagenen Krieg sowohl in Europa als auch in Amerika geben müssen. Ob die auf den Azoren besiegelte Kriegsallianz von Dauern sein wird, ist zu bezweifeln. Denn alle auf der Seite George Bushs stehenden europäischen Regierungen haben es mit einer kriegsskeptischen oder offen kriegsfeindlichen eigenen Öffentlichkeit zu tun. Da können unerwartete Wendungen auf dem Schlachtfeld sehr rasch auch unangenehme innenpolitische Konsequenzen habe.
Ein Europa, das den USA nicht als Vasall, sondern als Partner gegenübertritt, wie sich das die große Mehrheit der Menschen quer über den Kontinent offensichtlich wünscht, wird nur ein auch außenpolitisch geeintes Europa sein können. Ein Amerika, das Partner auch mit einer eigenen Meinung respektiert, wird krisenfester und sicherer sein , als ein Imperium, das primär auf seine militärische Übermacht setzt. Jimmy Carter und Bill Clinton haben mit ihrer höchst ungewöhnlichen Kritik am Kurs des Nachfolgers im Weißen Haus die Stichworte gegeben. Die außenpolitische Orientierung könnte demnächst vielerorts Thema einer intensivierten innenpolitischen Auseinandersetzung werden.

 

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