Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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"Falter" - Artikel

 

 

EU-Gipfelnotizen, 26.06.2002

Die erhofften Schlagzeilen haben die europäischen Staats- und Regierungschefs bekommen: daß die EU den populären Kampf gegen die illegale Einwanderung aufgenommen hat, das haben  seit dem Gipfel von Sevilla  Medien aller Art selbst in den entferntesten Winkeln des Kontinents verkündet. Zwar versichern EU-Experten, gegenüber früheren Beschlüssen, wie etwa vor zwei Jahren   im finnischen Tampere, sei bei der Übereinkunft von Sevilla kaum Neues auszumachen. Aber das tut nichts zur Sache. Der als harter Konservativer punzierte Jose Maria Aznar und Tony Blair, der linke Premier mit dem ausgeprägten politischen Instinkt,  glauben eine politische Antwort auf den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa gefunden zu haben. Unterstützung kam von Österreichs schwarzem Wolfgang Schüssel ebenso wie von Deutschlands rotem Gerhard Schröder. Jacques Chirac, bedacht auf Frankreichs privilegierte Beziehungen zu Nordafrika, setzte immerhin durch, dass  im Endeffekt doch keine Strafsanktionen gegen  kooperationsunwillige  Herkunftsländer von Fluchtbewegungen vorgesehen sind, unterstützt wurde er vor allem von Schwedens sozialdemokratischem Premier Persson.

In der Sache selbst  wissen alle Beteiligten, wie minimale die Möglichkeiten verstärkten Drucks von aussen für dichte Grenzen sind, wenn staatliche Strukturen nur rudimentär vorhanden sind, wie etwa in Albanien oder in Algerien. Solange Angebot und Nachfrage nach der Ware Mensch aufeinander treffen, insbesonders wenn es sich um billige  Arbeitskräfte handelt, egal ob legal oder illegal,  wird es für Menschenhandel einen Markt geben. Unabhängig von allen Drohgebärden der  Politik.

Von überzeugenden Daten haben sich die Großen Europas bei ihrem neuen Engagement auf jeden Fall nicht leiten lassen. Für Ende 2000 geben die obersten Statistiker der EU die Zahl der aus Drittländern kommenden Ausländer mit 18 692 100 an. Für das Jahr zuvor errechnete Eurostat 18 970 000. Die Dunkelziffer illegaler Einwanderer im EU-Raum wird seit Jahren konstant auf etwa 3 Millionen geschätzt: ein sprunghafter Anstieg läßt sich nicht belegen. Im Gegenteil: die Nettozuwanderung legaler und illegaler Einwanderer in den EU-Raum war 1990 mit 1,3 Millionen fast doppelt so groß wie heute.

Ob die EU jetzt populärer wird bei den Bürgern, wenn sie so tut als ob sie die Grenzen halbwegs dicht machen könnte? Völlig auszuschließen ist es nicht, dass die  zwar in der Realität illusionäre aber politisch gut zu vermarktende Vorstellung einer gemeinsam verteidigten Festung Europa das Sicherheitsbedürfnis von Globalisierungsverlieren befriedigt. Aber vielleicht sollte man sich an ähnliche Inszinierungen unter sozialdemokratischen Vorzeichen in früheren Zeiten erinnern: so hat etwa der Versuch Viktor Klimas, die EU beim  Wiener Gipfel als Institution zur Sicherung von Arbeitsplätzen darzustellen, nicht wirklich bleibende Spuren hinterlassen. Durchaus möglich, dass es dem unter anderen politischen Vorzeichen ausgerufenen Kampf gegen illegale Einwanderung nicht viel anders gehen wird.

Wie ein Magnet scheinen EU-Gipfel dagegen nach wie vor Proteste aller Art anzuziehen. „Feminismo si, cumbre (Gipfel) no“ liest man nicht ganz schlüssig malerisch auf einer verfallenen Mauer im Stadtzentrum von Sevilla. Das „Soziale Forum von Sevilla“ hat dutzende Dritt-Welt-Aktivisten animiert sich vor der Bank von Spanien aus Protest gegen die Schuldenpolitik gegenüber den armen  Staaten nackt auszuziehen. Eine naheliegende Aktion bei 38 Grad im Schatten. Hunderte algerische Flüchtlinge sind in der Universidad Pablo de Olavida in den Hungerstreik getreten. Sofern die im Konferenzgebäude anwesenden Journalisten  nicht den Sportkanal verfolgen, laufen über die Fernsehschirme des Pressezentrums  die Bilder der blutigen Attentatserie, mit der die ETA gegenüber  ganz Europa ihren Anspruch auf Sezession des Baskenlandes unterstreichen will. Es scheint ganz so, als ob die EU im  Protest als jener umfassende Machtfaktor erhöht wird, der sie in der Realität noch keineswegs ist.

Dass die europäische Reise aber  unvermindert in diese Richtung geht, das bestätigt auch der Gipfel von Sevilla mit seinen für Laien oft schwer verständlichen organisatorischen Verschiebungen auf der Ebene der Räte. Der bisherige Gipfelalltag (er soll demnächst geändert werden)  erscheint immer anachronistischer, mit dem zeitaufwendigen  Zeremoniells, den diversen Familienfotos, pompösen Empfängen und wenig ergiebigen Formalauftritten der verschiedensten europäischen Würdenträger. Wenn die letzte Verhandlungsrunde des letzten Tages zu Ende ist, dann stürmen fast zeitgleich alle fünfzehn Regierungschefs zu den jeweiligen Presseräumen, um ihren Lagebericht zu präsentieren. In der Landessprache und ohne Übersetzung, versteht sich, und damit fast ausschließlich vor den eigenen nationalen Medienvertretern. Jacques Chirac berichtet nur vor der französischen Presse über seine Erfolge für die Dritte Welt und eine lockerere Handhabung des Stabilitätspaktes  und Silvio Berlusconi wünscht sich eine gesamteuropäische Grenzpolizei. Fast ausschließlich vor italienischen Journalisten  Keineswegs weil Journalisten aus anderen Ländern  ausgeschlossen wären, sondern aus rein praktischen Gründen.  Denn kein dänischer Journalist kann es sich leisten den ersten Auftritt des eigenen neuen Premiers Anders Fogh Rasmussen zu versäumen, kein Österreicher geht an  Wolfgang Schüssels Pressekonferenz vorbei. Und alle Termine sind gleichzeitig.  Selbst die größten Presseagenturen wie AFP oder Reuters haben nur das Personal um die Briefings der allerwichtigsten EU-Mitgliedsstaaten zu betreuen. Höchstens  die Berichte der jeweils amtierenden Präsidentschaft oder  der EU-Kommission sind aus einer gesamteuropäischen Perspektive angelegt,  aber in beiden Fällen verdecken  diplomatische Rücksichtnahmen einen ungeschminkten Blick auf die Realitäten. So erschwert sogar eine Banalität wie Informationspolitik auf EU-Gipfeln  das Wachsen einer europäischen Öffentlichkeit. 

Bleibt der Reiz einer konzentrierten Ladung europäischer Innenpolitik innerhalb weniger Tage. Gerhard Schröder und Joschka Fischer zelebrieren gegen Mitternacht beim traditionellen „Kamingespräch“ in die Taverna del Alabardero vor 150 Journalisten ihren letzten derartigen Auftritt vor den deutschen Bundestagswahlen. Auffällig eindringlich beschreibt der deutsche Kanzler die erfolgreiche Aufholjagd der deutschen Fußballmannschaft im Weltmeisterschaftskarussell. Nach deutschem Pressekodex läuft der Abend unter „ 2“, also „Off records“: über die Fußballsequenz darf man nur schreiben, weil Schröder sie immer wieder auch bei regulären Pressekonferenzen wiederholt. Wie so ziemlich alles, was er dem vollen Saal auch sonst noch so im Vertrauen erzählt.

„Fortschritt kommt manchmal im Schneckentempo“, zitiert ein hoher deutscher Regierungsvertreter in Sevilla Günther Grass. Hoffentlich auch, wenn er größere Umwege nehmen muss.

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