Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europas Verantwortung, 17.04.2002

Ist die EU mit ihrer scharfen Kritik an Ariel Sharon und der israelischen Militärkampagne einseitig und voreingenommen? Droht in Europa gar eine neue Welle des Antisemitismus, genährt durch die Auseinandersetzung um die israelische Offensive und getragen von einer Koalition aufgewühlter islamischer Jugendlicher mit geistig vorbelasteten europäischen Rechten? Die Frage dominiert zur Zeit jede Diskussion mit israelischen Gesprächspartnern. Die Anschläge auf Synagogen in Frankreich und Belgien drängen selbst jene Juden in Europa, die nicht automatisch Apologeten jeder Regierung in Jerusalem sind, zum emotionalen Schulterschluss mit Israel.
Tatsächlich glänzt die europäische Diplomatie vor allem durch scharfe Worte und folgenlose Gesten. Monatelang hat man erlebt, wie die israelische Luftwaffe im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus mit europäischen Steuergeldern errichtete Millionenwerte im Minutentakt in Schutt und Asche gelegt hat. Jassir Arafats Flughafen in Gaza stand am Anfang, das in mühsamer Kleinarbeit errichtete palästinensische statistische Zentralamt in Ramallah folgte bald darauf. Von Israel mußte man sich gleichzeitig die antijüdischen Ausfälle in mit EU-Geldern finanzierten palästinensischen Schulbüchern vorhalten lassen. Im Presidential Compound von Ramallah, wo Jassir Arafat gefangen gehalten wird, habe man Dokumente gefunden, die einen direkten Geldfluss vom Palästinenserpräsidenten zu den Al Aksa Brigaden und anderen Selbstmordorganisationen belegen, sagt das israelische Außenministerium. Der unausgesprochene Vorwurf: mit der Finanzhilfe für Arafat sponsert die EU die Mordanschläge auf Märkte und Busse in Israel.
Tatsächlich läuft nichts mehr zwischen der gegenwärtigen israelischen Regierung und der hohen Politik in Europa. Da kann der deutsche Aussenminister Joschka Fischer sich noch so sehr von den viel schärferen Aussagen seiner französischen oder belgischen Kollegen abgrenzen und Israel seine Friedenspläne mit Engelszungen präsentieren. In Europa ist die breite Öffentlichkeit davon überzeugt, dass Ariel Sharons Vorgehen mit dem erklärten Ziel der Ausschaltung der Infrastruktur von Selbstmordattentätern längst nichts mehr zu tun hat. Tatsächlich bestätigen alle Berichte von den Zerstörungen in den besetzten Gebieten den Eindruck, dass inzwischen jede palästinensische Einrichtung, vom Fernsehsender bis zum Spital, von der Wasserleitung bis zum Stromnetz, von den Soldaten zur terroristischen Infrastruktur gezählt wird. Jeder bewaffnete Palästinenser, der sich und sein Dorf gegen die vorstoßenden Besatzer verteidigt, gilt sowieso als Terrorist. Und seit die israelischen Zeitungen berichten, palästinensische Ambulanzen hätten mit Sprengstoff beladene Selbstmordattentäter über die grüne Linie geschmuggelt, sind auch Rettungswagen des palästinensischen Halbmondes Ziel des israelischen Militärs geworden.
Ganz anders als die USA, die Sharons Vorgehen tatsächlich primär unter dem Blickwinkel des Kampfes gegen den Terrorismus sehen, vermuten die Europäer, der israelischen Führung gehe es in Wirklichkeit um eine historische Schwächung der Palästinenser. Durch die Zerschlagung der politischen Führung und unerträgliche Lebensumstände sollten die Palästinenser gezwungen werden, unter den denkbar erniedrigendsten Umständen ohnmächtige Bantustans als sogenannten "Palästinensischen Staat" zu akzeptieren. Auch Vertreibungspläne, die in rechten Regierungskreisen in Jerusalem gewälzt werden, nimmt man in Europa durchaus ernst.
Das Europäische Parlament hat sich vergangene Woche denn auch mit 269 gegen 208 Stimmen bei 22 Enthaltungen für Sanktionen gegen Israel und die Suspendierung des Europäisch-israelischen Kooperationsabkommens ausgesprochen. Treibende Kraft war der französisch-deutsche Grüne Daniel Cohn-Bendit: die israelische Führung habe sich in eine militaristische Sackgasse verrannt, lautet seine Argumentation, da sei es gerade für Freunde wichtig das denkbar deutlichste Signal zu senden, auch wenn manche Europäer, wie Deutsche und Österreichischer, aus den bekannten historischen Gründen Schwierigkeiten hätten.
In den vergangenen Wochen ist immer wieder an das Bild Isaac Deutschers vom brennenden Haus erinnert worden: ein Mann rettet sich mit einem Sprung aus dem Fenster, landet aber auf einem unbeteiligten Nachbarn und macht den für sein ganzes Leben zum Krüppel. Das brennende Haus ist das Europa der Judenverfolgungen, der unversöhnliche Streit zwischen dem Geretteten und dem schwer verletzten Passanten um das Lebensrecht am Nachbargrundstück ist der israelisch-palästinensische Konflikt.
Welches Recht haben die Nachfahren der Brandstifter in diesen Kampf einzugreifen?
Mag sein, dass die Möglichkeiten eingeschränkt sind und vorsichtige Zurückhaltung geboten ist. Aber wenn der Konflikt die ganze Stadt in Brand zu stecken droht, dann kann wohl niemand beiseite stehen. Woran die europäische Politik allerdings sowohl im Verhältnis zu Israel als auch zu den Palästinensern krankt, das ist ihr rein appellativer Charakter. Tatsächlich wurden die europäischen Millionen für die Palästinensische Autonomiebehörde viel zu wenig als Druckmittel eingesetzt, um demokratische Impulse zu geben und die nationalistische Verhetzung zurückzudrängen. Auch wenn das unter den Bedingungen der israelischen Besatzung schwer durchsetzbar ist. Und tatsächlich sind der EU gegenüber Ariel Sharon bisher nur wortstarke aber hilflose Gesten eingefallen. Recht dürftig für den mit Abstand ersten Wirtschaftspartner Israels!
So tief sind die Gräben im Nahen Osten inzwischen geworden, dass nur eine von aussen aufgezwungene Verständigung denkbar ist, inklusive internationaler Truppen. Wenn Europa dabei die Führung nicht ausschließlich den USA überlassen will, müsste man den Mut finden Druckmittel einzusetzen, auch wenn das mit politischem Risiko verbunden ist. Und ist es undenkbar, dass in den europäischen Hauptstädten bei den Demonstrationen für die Opfer von Jenin auch der brennenden Synagoge von Marseille gedacht wird? Dass die Proteste gegen Sharon sich auch gegen einen neuen Antisemitismus wenden? Das mag utopisch klingen, aber wie sonst sollte es gelingen, endlich mit dem verheerenden Erbe des 20.Jahrhunderts abzuschliessen?


 

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